Detailarbeit statt Systemvielfalt

Im vierten Erstligajahr möchte der TVB 1898 Stuttgart den Anschluss ans Mittelfeld schaffen / Mit einem klaren Konzept zur ersehnten Beständigkeit

In allen drei Spielzeiten in der ersten Handball-Bundesliga kämpfte der TVB 1898 Stuttgart gegen den Abstieg, im vierten Jahr sollen andere Teams zittern: Der TVB möchte den Anschluss an Mittelfeld der Tabelle schaffen. „Wir wissen aber natürlich, dass auch die anderen Mannschaften ihre Hausaufgaben machen“, sagt der Trainer und Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. In seiner Doppelfunktion steht der 38-Jährige vor einer besonderen Herausforderung.

Herr Schweikardt, die Kaderplanung für die neue Saison war mit den Verpflichtungen von Lukas von Deschwanden und David Schmidt bereits Anfang Januar so gut wie abgeschlossen. Hatten Sie es vor Ihrer vierten Erstliga-Saison besonders eilig?

Es war klar, dass wir nicht so viele Veränderungen haben werden wie im Jahr zuvor, etliche Spieler haben Zweijahres-Verträge. Deshalb ging es dieses Mal zügiger.

Mit der Verpflichtung von Sascha Pfattheicher, der per Zweitspielrecht schon beim TVB spielte, schien der Kader im März fix zu sein. Dann gab’s im rechten Rückraum einen überraschenden Wechsel: Der TVB gab mit Stefan Salger einen talentierten, jungen deutschen Spieler an die Eulen Ludwigshafen ab und verlängerte dafür den Vertrag mit Robert Markotic, den der TVB eigentlich nur für die Rückrunde verpflichtet hatte.

Zunächst einmal war das keine einfache Entscheidung. Wir bekamen eine Anfrage aus Friesenheim und haben uns Gedanken gemacht, Pros und Contras gegenübergestellt. Obwohl Robert schon 28 Jahre alt ist, sehen wir bei ihm noch Entwicklungspotenzial – vor allem, wenn er körperlich fit ist. Das hat er in der Vorbereitung auch schon bewiesen. Sein Vorteil gegenüber Stefan ist die Abwehrstärke, dadurch sind wir flexibler. Für Stefan hat der Wechsel natürlich auch Vorteile, weil er bei den Eulen auf Halbrechts wahrscheinlich die Nummer eins sein wird und mehr Spielzeit bekommen wird als bei uns, wo er mit David Schmidt einen starken Konkurrenten gehabt hätte. Hinzu kam, dass Friesenheim bereit war, eine Ablöse zu zahlen.

Auffallend war, dass sich Markotic in den letzten Spielen der vergangenen Saison richtig reingehängt hat, obwohl zu der Zeit klar war, dass er beim TVB keine Zukunft haben wird. Hat dies auch eine Rolle gespielt bei der Vertragsverlängerung?

Robert tut der Mannschaft mit seiner Art zweifellos gut. Er hat diese kroatische Mentalität, die die Fußballer bei der WM in Russland bis ins Finale geführt hat.

Unterm Strich müssen Sie lediglich zwei Spieler integrieren, die Mannschaft ist eingespielt. Das dürfte die Vorbereitung erheblich erleichtert haben.

Im Grunde schon, allerdings hatten wir das Problem, dass nie alle Mann an Bord waren. Doch das kennen wir ja leider schon.

Die am Rücken operierten Jogi Bitter und Max Häfner liegen in der Reha im Plan. Wie groß sind die Sorgen um Dominik Weiß, der sich seit dem Ende der vergangenen Saison mit einer hartnäckigen Schulterverletzung herumplagt?

Es ist schwer zu sagen, wie lange das noch dauern wird. Deshalb geben wir hier auch nicht ständig Wasserstandsmeldungen heraus. Klar ist: Dominik ist in unserem System ein ganz zentraler Spieler ist – im Angriff wie in der Abwehr. Sollte er tatsächlich länger ausfallen, sind wir fast gezwungen, etwas zu unternehmen. Ob wir das hinkriegen, ist eine andere Frage.

Andererseits ist jede Position im Kader doppelt besetzt . . .

Jein. Lukas von Deschwanden ist kein typischer Halblinker, er kann auch auf der Mitte spielen. Für seine Spielfähigkeit haben wir uns bewusst entschieden. Auf der anderen Seite brauchen wir auch Spieler, die ihre Stärke im Wurf haben. Salger und Orlowski hatten dies, wenn jetzt auch noch Dominik ausfällt, würde uns das schon weh tun.

Mit 29 Jahren zählt Dominik Weiß zu den erfahrenen Akteuren im Kader, aber bei weitem nicht zu den ältesten. Gleich fünf Spieler – Bitter, Kraus, Schweikardt, Späth und Baumgarten –, haben die 30 längst überschritten. Am Ende dieser Saison laufen 13 Verträge aus. Wird die Mannschaft in der Saison 2019/2020 ein komplett anderes Gesicht bekommen?

Wir beschäftigen uns tatsächlich schon seit zwei, drei Monaten parallel mit den Planungen für die übernächste Saison. Wir sondieren den Markt, führen Gespräche. Wir müssen aber auch die Entwicklung unserer Spieler abwarten.

Im ersten Teil der Vorbereitung, im Trainingslager in Südtirol, bekamen die Spieler kaum einen Ball zu sehen. Beim anschließenden Testspiel gegen Gummersbach lief’s prompt nicht so gut.

In den Testspielen geht es nicht um Ergebnisse, sondern um Erkenntnisse, die wir aus den Spielen mitnehmen können. Wir hatten bisher gute Spiele, aber auch schlechte. In der ersten Phase haben wir viel Wert auf Athletik gelegt, sie bildet die Basis für die lange Saison. Taktisch arbeiten wir das ganze Jahr über. Wir arbeiten in der Vorbereitung auch nicht wie ein Leichtathlet auf einen speziellen Tag hin und müssen auch nicht im ersten Spiel unseren Jahreshöhepunkt erreicht haben. Entscheidend ist, dass wir über die Saison hinweg konstante Leistungen bringen.

Konstanz scheint das große Zauberwort zu sein. Was verstehen Sie darunter?

Ziel muss es sein, möglichst oft nah an unsere Leistungsgrenze heranzukommen. Es gibt immer Tage, an denen es einfach nicht läuft. Blöd wird’s aber, wenn man seine Leistung nur in jedem vierten Spiel bringt. Leipzig hat’s vorletztes Jahr geschafft, sehr oft an seine Leistungsgrenze zu gehen, Wetzlar auch, in der vergangenen Saison hat das Lemgo sehr gut gemacht. An diesen Vorbildern sollten wir uns orientieren.

Das hört sich recht einfach an. Bleibt die Frage: Wie lässt sich diese Beständigkeit erreichen?

Es ist alles andere als einfach, sonst würde es ja jedes Team schaffen. Es gibt sicherlich verschiedene Philosophien. Meine ist, dass man sich auf ein klares Konzept stützt, von dem man überzeugt ist und an dem man festhält und nicht, wenn’s einmal nicht funktioniert, sofort in ein anderes Konzept wechselt. Man sollte an den Details innerhalb seines Konzepts arbeiten, um es besser, stabiler und auch variabler zu machen. Es geht darum, immer wieder an kleinen Stellschrauben zu optimieren. Die Summe der Kleinigkeiten macht später im Spiel den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage aus.

Ist eine Mannschaft aber nicht zu leicht auszurechnen, wenn sie nur ein System parat hat?

Nicht, wenn es innerhalb des Systems verschiedene Varianten gibt. Wenn man an mehreren Systemen im Detail arbeiten würde, wäre das deutlich schwieriger, die Spieler müssten auch in stressigen Spielsituationen realisieren und umsetzen, in welchem Konzept wir uns gerade befinden und wie sie die Situation hier zu lösen haben. Das ist die hohe Kunst, die nur wenige Mannschaften beherrschen.

Gilt das auch für die Defensive?

Wir spielen auch hier im Wesentlichen nur ein System – natürlich mit den angesprochenen Varianten, um nicht ausrechenbar zu sein. Darüber hinaus gibt es ein „Notfallsystem“, das, wie es der Name schon sagt, dann eingesetzt wird, wenn wir mit unserem Stammsystem überhaupt nicht weiterkommen.

In der vergangenen Saison hat die Defensive meist gut funktioniert. Lag der Schwerpunkt in der Vorbereitung eher auf der Offensive?

Man darf nicht davon ausgehen, dass das, was gut war, automatisch gut bleibt, dafür ist unser Sport zu komplex. Wir müssen ständig an der Abwehr arbeiten. Ein Vorteil ist, dass wir mit Lukas von Deschwanden und David Schmidt zwei defensivstarke Spieler hinzubekommen haben, die unser Konstrukt noch stabiler machen können.

Wo kann der TVB sonst noch zulegen?

Ich denke, wir brauchen ein gutes Umschaltspiel und müssen schauen, dass wir hieraus Tore machen. Mit Salger und Orlowski haben wir, wie erwähnt, Wurfqualität aus der Distanz verloren. Deshalb müssen wir mit einem risikoreicheren Tempospiel versuchen, zu einfachen Toren zu kommen. Mit Mimi Kraus, Robert Markotic, David Schmidt und Dominik Weiß haben wir aber auch weiterhin Spieler in unseren Reihen, die aus neun Metern Tore werfen können.

Wie schätzen Sie die Konkurrenz in dieser Saison ein?

Ich denke, der Bergische HC ist kein typischer Aufsteiger. Er kann direkt ins Mittelfeld vorstoßen. Mannschaften wie Gummersbach, Erlangen, Minden, der BHC, an guten Tagen auch Leipzig und Lemgo, das sind Gegner, mit denen wir auf Augenhöhe sind.

Und die der TVB hinter sich lassen sollte, wenn er sich in Richtung Mittelfeld orientieren will.

Ich teile den Wunsch, dass es weiter nach oben gehen soll. Aber wir müssen wissen, dass wir immer noch in der stärksten Liga der Welt spielen. Die anderen Mannschaften machen auch ihre Hausaufgaben und entwickeln sich weiter. Die Aufgabe, einige der eben genannten Mannschaften hinter sich zu lassen, ist eine echte Herausforderung, der wir uns aber mit viel Elan stellen werden.

Der Etat des TVB liegt wie im Vorjahr bei rund vier Millionen Euro. Das sieht eher nach einer Stagnation aus.

Wir sind zufrieden. Wir haben unseren Etat seit dem Aufstieg mehr als verdoppelt, es war klar, dass wir diese Steigerungsraten nicht jedes Jahr realisieren können. Für uns ist es ein Erfolg, den Etat auf diesem Niveau stabilisieren zu können. Er gibt uns die Möglichkeit, uns in der ersten Liga zu etablieren. Und das ist nach wie vor unser übergeordnetes Ziel.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW