Kurz gezittert nach dem Sprung ins kalte Wasser

Wie sein Club, der Handball-Erstligist TVB 1898 Stuttgart, so hat auch Jonas Maier eine Saison mit Höhen und Tiefen erlebt. Als Nummer zwei hinter dem Weltmeister-Torhüter Johannes Bitter vor der Saison verpflichtet, brauchte der 24-Jährige nach Bitters Verletzung eine Weile, bis er auf Betriebstemperatur kam. Längst hat er bewiesen, dass er ein guter Vertreter ist.

Es ist die große Kunst im Profi-Sport, in jenem Moment zur Stelle zu sein, wenn’s darauf ankommt. Das hatte sich Jonas Maier sicherlich auch gewünscht, als seine Dienste an jenem 26. November 2017 so dringend benötigt wurden: Im wichtigen Spiel gegen den Abstiegskonkurrenten TuS Nettelstedt-Lübbecke, am 13. (!) Spieltag, humpelte Jogi Bitter nach zehn Minuten aus seinem Kasten. Und er kehrte nicht mehr zurück.

In den restlichen 50 Minuten bekam Maier gerade einmal fünf Bälle zu fassen, die Quote von 17 Prozent war bescheiden. Der TVB verlor gegen den Aufsteiger in eigener Halle mit 28:29 – was freilich nicht ausschließlich an der Leistung des Torhüters lag. In die Kritik geriet Jonas Maier dennoch. Die Fans sahen schwarz für ihren TVB, nachdem bekannt geworden war, dass Bitter die komplette Hinrunde ausfallen wird. Und sie sahen sich bestätigt, weil dessen Vertreter auch in den folgenden beiden Spielen in Wetzlar und bei den Rhein-Neckar Löwen alles andere als ein großer Rückhalt war. Als Fehleinkauf wurde Maier schon bezeichnet. Er hatte zu kämpfen mit der schwierigen Situation.

Im Unterbewusstsein spürt Maier die Erwartungshaltung

„Es war klar, dass ich mich erst einmal hinter Jogi anstellen musste“, sagt Maier. „Er war die klare Nummer eins, und ich wollte so viel wie möglich aufsaugen und lernen in meiner ersten Saison beim TVB.“ Dennoch habe er auf Einsatzzeiten gehofft. Die waren allerdings überschaubar: In den ersten elf Partien stand Maier nur ein paar Minuten im Kasten. Im folgenden Spiel gegen Hannover teilten sich Bitter und Maier die Spielzeit, ehe der 24-Jährige von Bitters Verletzung profitierte.

„Das Nettelstedt-Spiel war für mich schon ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt Maier. Für jeden Torhüter sei’s wichtig, in den ersten zehn Minuten drei, vier Bälle zu halten, um ins Spiel zu kommen. „Es hat leider nicht wirklich funktioniert.“ Dass fortan alle Augen auf ihn gerichtet waren, sei ihm nicht entgangen. Auch wenn er versucht habe, alles „so gut es ging“ auszublenden und sich auf die Spiele zu konzentrieren, habe er die Erwartungshaltung gespürt.

Erst im vierten Einsatz zeigte Maier, weshalb ihn der TVB aus Lemgo holte: Die Partie gegen Leipzig ging zwar mit 22:27 verloren, der Torhüter jedoch zählte zu den Besten seines Teams. 17 Paraden entsprachen einer Fangquote von 39 Prozent.

Training und Spiel sind zwei unterschiedliche Paar Stiefel

Entsprechend groß war nicht nur die Erleichterung beim Keeper („das war enorm wichtig für mich“), sondern auch bei den Verantwortlichen des TVB. Zweifel an seiner Klasse hatte der damalige Trainer Markus Baur sowieso nicht. Zum einen kannte er Maier aus gemeinsamen Zeiten beim schweizer Erstligisten Kadetten Schaffhausen. Zum anderen entsprachen die guten Trainingsleistungen bei weitem nicht dem, was Maier bei seinen ersten Einsätzen zeigte. Punkte gab’s für den TVB in den folgenden fünf Partien zwar keine, doch bis auf die Partie in Melsungen waren die Verantwortlichen zufrieden mit ihrem Keeper, der sich deutlich gesteigert hatte.

„In der Rückrunde war ich richtig drin in der Mannschaft, da hatte ich die Abläufe verinnerlicht“, so Maier. Die Spielpraxis sei bedeutend für einen Torhüter. Im Training könne er sich zwar eine gewisse Sicherheit holen, „aber die Konstellation ist doch eine ganz andere“. Nach Bitters Genesung musste sich Maier wieder hinten anstellen – und rückte in den letzten sieben Partien erneut in den Fokus: Bitter musste sich einer Bandscheiben-Operation unterziehen. An den wichtigen Siegen in Gummersbach und Minden hatte Maier wieder entscheidenden Anteil.

Der Trainer lobte im Rückblick seine Nummer zwei. „Es war eine sehr schwierige Situation für Jonas“, sagt Jürgen Schweikardt. „Aber er hat sich freigeschwommen.“ Maier gibt das Lob zurück. „Für mich war’s enorm wichtig, dass ich das Vertrauen des Trainers immer gespürt habe“, sagt er. „Das heißt nicht, dass es bei Markus Baur nicht so war.“ Die vielen Gespräche mit Jürgen Schweikardt hätten ihm den Respekt vor der Aufgabe genommen, auch der rege Austausch mit dem Co-Trainer Karsten Schäfer hätte ihn bestärkt. „Und mit Jogi habe ich ständig kommuniziert, er hat versucht, mir den Druck zu nehmen und hat mir Mut zugesprochen.“

Das Selbstvertrauen ist längst zurück, und Maier möchte es mit in die neue Saison nehmen. Es ist nicht sicher, dass Jogi Bitter bis zum Saisonstart Mitte August wieder einsatzfähig sein wird. Damit wäre Maier wieder – vorerst – die Nummer eins. Darüber macht er sich derzeit allerdings keine Gedanken. „Ich denke, der Abstand zu Jogi ist geringer geworden“, sagt er. „Wenn sich ein Konkurrenzkampf entwickelt, profitiert davon auch die Mannschaft.“

Ein gutes Torhütergespann brauche der TVB allemal. „Wir möchten uns langfristig ins Mittelfeld manövrieren“, sagt Maier. „Das ist ein ambitioniertes Ziel, aber ich denke, wir können es schaffen mit unseren Neuzugängen.“

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW