Trübe Aussichten: Bitter verletzt

Johannes-Bitter-jubelt

Einen rabenschwarzen Sonntag haben die Erstliga-Handballer des TVB 1898 Stuttgart hinter sich. Die 28:29-Pleite gegen das Schlusslicht TuS Nettelstedt-Lübbecke traf den TVB ebenso ins Mark wie die erneuten Verletzungssorgen: Das Team muss in den nächsten Wochen ohne seinen Torhüter Johannes Bitter auskommen, Michael Kraus fehlt zumindest ein Spiel.

Ausgerechnet Jens Bechtloff. Vor zwei Jahren hatte die Rote Karte mit Siebenmeter gegen Bechtloff – nach einem Foul an seinem ehemaligen TVB-Mitspieler Michael Schweikardt – den späteren Absteiger in Stuttgart den Sieg gekostet. Am Sonntag nun führte der Ex-Bittenfelder den Wiederaufsteiger zum ersten Saisonsieg.

13 Punkte wollten die Verantwortlichen bis Ende Dezember holen

Entsprechend groß war die Freude beim 31-Jährigen und seinen Mannschaftskollegen nach dem schwer erkämpften, etwas glücklichen, aber keinesfalls unverdienten Erfolg. Der brachte die Hoffnung zurück bei den Nettelstedtern im Abstiegskampf.

Mit diesem muss sich der TVB nach dieser äußerst bitteren Pleite wieder verstärkt auseinandersetzen. Dabei hatte der Plan ganz anders ausgesehen: 13 Punkte wollten die Verantwortlichen bis Ende Dezember auf dem Konto haben. Mit dieser Ausbeute hätten sie während der EM-Pause schon vorsichtig mit den Planungen für die neue Saison beginnen können.

Déjà-vu für Bitter, Rückschlag für Kraus

Nun hat der TVB jedoch ganz andere Sorgen. „Wir gehen schweren Zeiten entgegen“, sagte der TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt bei der Pressekonferenz unmittelbar nach dem Spiel. Nicht nur, weil die angepeilte Punktzahl wohl kaum mehr zu erreichen sein wird in den noch ausstehenden beiden Heimspielen gegen den Tabellensechsten SC DHfK Leipzig und den Deutschen Meister Rhein-Neckar Löwen (Nachholspiel vom zweiten Spieltag) sowie den Auswärtspartien gegen die HSG Wetzlar, MT Melsungen und Löwen.

Die erneuten Hiobsbotschaften aus dem Verletztenlager ließen die Laune der Verantwortlichen in den Keller rutschen: Wie wichtig die beiden Weltmeister Johannes Bitter und Michael Kraus für den TVB sind, haben sie schon häufig bewiesen. Der Torhüter war in etlichen Partien in dieser Saison der Matchwinner für den TVB – und er hätte seinem Team aller Voraussicht nach auch gegen Lübbecke entscheidend weitergeholfen.

„Für Jonas war’s eine spezielle Situation“

Bitters Vertreter Jonas Maier wurde jedenfalls nicht zum Faktor, knapp 17 Prozent Fangquote laut Statistik waren unterdurchschnittlich. „Für Jonas war’s eine spezielle Situation“, sagt sein Trainer Markus Baur. Maier habe sicherlich nicht damit gerechnet, so früh in die Partie zu kommen. „Vielleicht wollte er dann auch zu viel. Und die Messlatte, die Jogi angelegt hat, ist natürlich sehr hoch.“

In den kommenden Wochen wird sich Maier beweisen müssen, weil Bitter wegen einer Verletzung am linken Oberschenkel bis auf weiteres ausfallen wird. Wie lange, darüber soll die MRT an diesem Dienstag Aufschluss geben. Bitters Gefühl direkt nach dem Spiel war jedenfalls nicht besonders gut, er geht von vier bis fünf Wochen Pause aus.

Trainer Baur wundert sich über Kraus-Verletzung

Bestätigt sich diese Selbstdiagnose, ist das Kalenderjahr für den Torhüter gelaufen. Kurios: Fast exakt vor einem Jahr hatte sich Bitter einen Muskelfaserriss am rechten Oberschenkel zugezogen, der ihn zu einer sechswöchigen Pause zwang und den TVB in die Bredouille brachte.

Auch Michael Kraus wird seinem Team kurzfristig nicht weiterhelfen können. Bei seinem Comeback am Sonntag brach die alte Wadenverletzung wieder auf. „Vielleicht habe ich doch einen Tick zu früh angefangen“, gab Kraus am Sonntagabend zu Protokoll – und sein Trainer wunderte sich.

„Die Ärzte haben grünes Licht gegeben, Mimi hat die Reha ohne Probleme absolviert und intensiv trainiert“, so Baur. Am Tag danach indes gab’s leichte Entwarnung: Der Muskel ist leicht gezerrt. So oder so: In optimaler Verfassung war Kraus gegen Lübbecke – noch – nicht. Die fehlende Spielpraxis war ihm deutlich anzumerken. „Er hatte mehr Fehler als gute Aktionen“, sagt Baur.

“Irgendwie ist der Knopf nicht richtig aufgegangen“

Lange Zeit hatte der TVB die Lübbecker dennoch im Griff, die Rote Karte nach der dritten Zeitstrafe gegen Dominik Weiß nach 43 Minuten sorgte für einen kleinen Bruch im Spiel. Im Anschluss habe die Variabilität in der Abwehr gefehlt, und durch die Abwehr-/Angriffwechsel sei der Spielfluss verloren gegangen, sagt Baur.

Zudem war der TVB in der Offensive recht leicht auszurechnen. So gelang lediglich ein Tor aus der Nahdistanz. „Wir wollten eigentlich mehr über den Kreisläufer spielen und er war auch oft frei“, sagt Baur. „Er wurde nur nicht angespielt.“

So musste sich der TVB den kampfstarken Gästen geschlagen geben in einem Spiel, in dem – wieder einmal – mehr drin gewesen wäre für den TVB. Fehlende Bereitschaft möchte der Trainer seinen Spielern zwar nicht unterstellen. „Aber das Letzte reinzuhauen, das hat mir doch ein Stückle gefehlt. Irgendwie ist der Knopf nicht richtig aufgegangen.“

Bangen vor einer weiteren Zittersaison

Zum wiederholten Mal hat es der TVB verpasst, sich Luft zu verschaffen im Abstiegskampf. Nur noch vier Punkte trennen ihn vom ersten Abstiegsrang. Entsprechend gedrückt ist die Stimmung im Umfeld. „Es herrscht absolute Unzufriedenheit“, sagt Baur.

„Und das ist auch absolut verständlich angesichts der Situation, in der wir uns befinden.“ Er wisse sehr wohl, dass die Ansprüche in Stuttgart andere sind. „Andererseits muss man auch sehen, dass wir nur im ersten Spiel komplett waren und ansonsten immer irgendwo etwas zu kitten hatten.“ In etlichen Spielen habe dies funktioniert, in manchen aber auch nicht. So schmerzen allen voran die Punktverluste in eigener Halle gegen die Mittelklasse-Teams Erlangen, Minden, Gummersbach und zuletzt Lübbecke sehr.

In der vergangenen Saison hatte der TVB zum Ende der Hinrunde acht Punkte gesammelt, aktuell steht er bei neun. Und es wäre keine große Überraschung, bliebe er auf dieser mageren Ausbeute sitzen. Damit wäre er ein gutes Stück von seinem Ziel entfernt, den Ligaverbleib früher klarzumachen als im Vorjahr.

Keine Frage: Eine weitere Zittersaison wäre nicht förderlich für die Entwicklung.

 

Quelle: ZVW, Thomas Wagner