TVB verliert gegen den Letzten – und Bitter

Es ein bitterer Nachmittag für den Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart gewesen: Zum einen steckt er nach der 28:29-Heimniederlage (16:14) gegen den Aufsteiger und Tabellenletzten TuS Nettelstedt-Lübbecke nun mittendrin im Abstiegs-Schlamassel. Zum anderen verletzte sich Johannes Bitter am Oberschenkel, nach zehn Minuten war die Partie für den Torhüter beendet.

Mucksmäuschenstill waren die 2251 TVB-Fans am Sonntagnachmittag in der ausverkauften Scharrena, nachdem Marian Orlowski fünf Sekunden vor der Schlusssirene mit dem finalen Wurf am Lübbecker Torhüter Joel Birlehm gescheitert und die Hoffnung auf einen Punkt hinüber war. Im 14. Anlauf feierte der Liga-Neuling nicht nur seinen ersten Saisonsieg, sondern robbte sich bis auf einen Punkt an die Nichtabstiegsplätze heran.
Der TVB indes, mit nur vier Punkten Polster auf den vorletzten Rang, steht vor einem schwierigen Restjahr: Das anspruchsvolle Programm lässt wenig Hoffnung, dass es mit einem fetten Polster in die Winterpause gehen wird. Im Gegenteil: Gegen Lübbecke zeigte sich wieder einmal, wie wichtig Jogi Bitter für sein Team ist. Sein Vertreter Jonas Maier strahlte nicht die Sicherheit des Weltmeisters aus. Wie schlimm Bitters Verletzung ist, wird sich an diesem Montag beim Arztbesuch herausstellen. Die Bewegungen des Torhüters nach seiner Auswechslung und die Miene des Trainers nach dem Spiel lassen allerdings das Schlimmste befürchten: „Wenn Jogi rausgeht, dann wird schon was sein“, sagte Markus Baur.
Für dessen Team sah’s im Vorfeld des so genannten Vier-Punkte-Spiels personell wieder besser aus: Michael Kraus feierte nach sieben Minuten sein Comeback. Der TVB erwischte einen ordentlichen Start, Bobby Schagen traf zur 3:1- und Michael Schweikardt zur 4:2-Führung. Dann erlebten die Fans besagte Schrecksekunde. Nach dem 3:4-Anschlusstreffer des starken Ex-Bittenfelders Jens Bechtloff in der zehnten Minute griff sich Bitter an den linken Oberschenkel und humpelte zur Bank. Schnell war klar, dass der Torhüter an diesem Nachmittag nicht mehr zwischen die Pfosten zurückkehren würde.
Es entwickelte sich das der Bedeutung angemessene umkämpfte Spiel. Die Gäste langten in der Deckung kräftig hin, ihr Abwehrchef Piotr Grabarczyk musste nach elf Minuten bereits das zweite Mal auf die Strafbank. Dasselbe Schicksal ereilte den Bittenfelder Dominik Weiß eine Minute danach. Während Lübbecke aus dem Rückraum wenig Torgefahr ausstrahlte und es immer wieder über den Kreis versuchte, spielte beim TVB einer groß aus: Marian Orlowski war von der Gästeabwehr kaum zu bremsen, immer wieder setzte sich der Halblinke energisch durch und ließ den TuS-Keepern Joel Birlehm und später Peter Tatai keine Abwehrmöglichkeit.
Dennoch blieb die Partie zunächst ausgeglichen, weil sich auch in der TVB-Deckung immer wieder Lücken auftaten. 11:11 stand’s nach 24 Minuten, dann folgte die beste Phase des TVB. Nach einem Doppelschlag von Schagen und Orlowski führte er mit 14:11. Kraus sorgte mit dem 16:12 für die erste Vier-Tore-Führung des Heimteams (29.). Die brachte es allerdings nicht bis in die Pause: Marko Bargaric verkürzte auf 13:16, Nils Torbrügge traf mit der Halbzeitsirene zum 14:16 aus Sicht der Gäste.
Die kamen stark zurück aus der Kabine: Bechtloff und René Gruszka per Konter glichen zum 16:16 aus und machten den 4:0-Lauf perfekt. Der TVB tat sich nach wie vor sehr schwer gegen die rustikale Deckung der Lübbecker – auch zwei Treffer von Schweikardt zum 18:16 (35.) täuschten darüber nicht hinweg. Die Gäste stellten im Angriff um: Der Linksaußen Bechtloff sollte auf der Spielmacher-Position für Tempo sorgen – und diese Taktik war keine schlechte Idee. Immer wieder nutzte der TuS die Defizite der TVB-Defensive. Erschwerend hinzu kam, dass das Heimteam kaum Ballgewinne und leichte Tore verzeichnete. Auch vom Kreis ging wenig Torgefahr aus. Dennoch blieb der TVB bis zum 22:21 (43.) knapp im Vorteil.
Nach der dritten Zeitstrafe und damit der Roten Karte gegen Weiß (43.) egalisierte zunächst Jo Gerrit Genz ins leere TVB-Tor zum 22:22. Derselbe Spieler war auch für die erste Lübbecker Führung beim 23:22 verantwortlich. Ante Kaleb legte zum 24:22 (45.) und 25:23 (48.) vor. Der TVB verlor die Zweikämpfe in der Abwehr, und Maier wurde auch nicht zum entscheidenden Faktor. Zudem schlichen sich nun auch im Angriff immer mehr leichte Fehler ein. So war Michael Kraus die fehlende Spielpraxis nach seiner Verletzungspause anzumerken.
Lübbecke wurde immer selbstbewusster, nach Moritz Schades Treffer zum 26:23 (50.) und Kalebs 27:24 (52.) waren die nach wie vor extrem kampfstarken Gäste obenauf. Der TVB gab sich allerdings längst nicht auf – und hatte die große Chance, die Partie zu drehen, weil Lübbecke ungeschickt agierte: Simon Baumgarten und Schweikardt stellten beim 26:27 (56.) den Anschluss her. Die Gäste kassierten kurz hintereinander zwei Zeitstrafen, Schweikardt traf dreieinhalb Minuten vor dem Ende per Hüftwurf zum 27:27-Ausgleich. Mit zwei Spielern in Überzahl kassierten die Bittenfelder das 27:28, Schagen glich erneut aus.
Dann leistete sich die TVB-Deckung erneut ein Nickerchen, Lukasz Gierek stahl sich weg und brachte sein Team beim 29:28 wieder in die Vorlage. Der Fehlpass von Kraus blieb ohne Folgen, weil dem Lübbecker Gierak ein technischer Fehler unterlief. Nach einer Auszeit blieben dem TVB noch 13 Sekunden, um wenigstens einen Punkt zu retten. Doch ausgerechnet der beste TVB-Spieler, Marian Orlowski, scheiterte mit dem finalen Wurf.
Am Ende jubelten die Gäste über ihren ersten Saisonsieg, der sie im Abstiegskampf wieder hoffen lässt. In dem ist der TVB spätestens gestern angelangt.

 

Quelle: ZVW, Thomas Wagner