Teamcheck vor dem Bundesligaauftakt

Die zweite Saison in der ersten Handball-Bundesliga war für den TVB 1898 Stuttgart wieder eine Zitterpartie. Die starke Rückrunde sowie der in der Spitze und Breite besser aufgestellte Kader lässt auf eine sorgenfreiere dritte Spielzeit hoffen. Der Trainer des Vorjahresvierzehnten indes bremst die Erwartungen. „Es kann sein, dass wir konstanter spielen und trotzdem keine bessere Platzierung erreichen“, sagt Markus Baur.

Auch in seinem zweiten Jahr hatte das Bundesliga-Baby TVB 1898 Stuttgart für die eine oder andere schlaflose Nacht gesorgt. Erst nach dem finalen Spieltag kehrte Ruhe ein. Der TVB hatte schwierigen Phasen, Verletzungspech und dem ungünstigen Terminplan getrotzt. Mit acht Punkten hatte das Team die Hinrunde auf einem Abstiegsrang abgeschlossen. In der Rückserie erkämpfte es sich mit Stehvermögen, Nervenstärke und Willenskraft 15 weitere Zähler, letztlich Rang 14 und damit – allerdings knapp – den Ligaverbleib.

Der könnte für den Verein der entscheidende Schritt gewesen sein zum großen Ziel, es sich dauerhaft bequem zu machen in der wohl immer noch stärksten Handball-Liga der Welt. Der Umstand, dass künftig lediglich zwei statt drei Teams den Weg in die zweite Liga antreten müssen, macht die Mission Klassenverbleib zweifellos ein gutes Stück einfacher.

Beim Saisonopening und Präsentation der Mannschaft am Mittwoch, 16.August, stellte der TVB eine wahre Show auf die Beine. Wir haben die besten Ausschnitte aus der Live-Aufzeichnung zusammengestellt. Unter anderen dieses Video, bei dem Moderator Jens Zimmermann zum ersten Mal von Anja Lange unterstützt wird.

 

Frischlinge: Talente mit viel Potenzial

Der eine oder andere im Umfeld wähnt die Bittenfelder bereits in der kommenden Saison auf einem sicheren Mittelfeldplatz. Der ehemalige Flensburger Trainer Ljubomir Vranjes erkennt „einiges an Potenzial“ in der Mannschaft des TVB. „Die Qualität reicht, um nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben“, prognostiziert Vranjes im Fachmagazin Handballwoche. Gleich fünf Teams sieht er in der Endabrechnung hinter Stuttgart.

Damit wäre der TVB lediglich einen Rang besser platziert als in der vergangenen Saison. Eine zu dürftige Entwicklung womöglich? „Ich gebe als Saisonziel keine Platzierung aus“, sagt der TVB-Coach Markus Baur. „Daran mache ich den Erfolg nicht fest.“ Er hat sich andere Ziele gesetzt. „Wir möchten mehr Konstanz und Flexibilität in unserem Spiel sowie das Gegenstoß- und Umschaltspiel verbessern.“ Diesbezüglich sah er in der vergangenen Spielzeit die größten Defizite. Ein weiterer Anspruch Baurs ist es, die jungen Spieler weiterzuentwickeln. Davon hat der TVB in der neuen Spielzeit einige in seinen Reihen. Die Neuzugänge Jonas Maier (23), Stefan Salger (21), Max Häfner (21), Samuel Röthlisberger (21), Nick Lehmann (18), Florian Burmeister (20) und Sascha Pfattheicher (20) senken den Altersdurchschnitt deutlich. Einziger Ausreißer ist Manuel „Urmel“ Späth (31).

„Das Alter der Spieler war nicht der ausschlaggebende Punkt, es musste einfach passen“, sagt Baur, der anders als im Vorjahr komplett an der Kaderzusammenstellung mitgearbeitet hat. „Aber natürlich sind wir auch froh darüber, dass wir uns verjüngt haben.“ Verstärkungen waren auf diversen Positionen gesucht worden. Dabei hatten die Verantwortlichen, wie immer in den vergangenen Jahren, vor dem Problem gestanden, dass sie nicht wussten, welche Liga sie den Kandidaten bei den Verhandlungen anbieten durften. Dennoch stand der Kader recht früh – und alle Spieler unterzeichneten Verträge sowohl für die erste als auch zweite Liga. „Ich bin sehr zufrieden mit unserem Kader“, sagt Baur. Jede Position sei doppelt besetzt. Die jungen Spieler bereiten dem Trainer viel Spaß. Sie wollten viel erreichen und seien sehr fleißig im Training, in dem nun „deutlich mehr Zug“ drin sei. „Sie geben den älteren Spielern Feuer, die glauben, sie könnten sich in der einen oder anderen Einheit ein bisschen zurücklehnen.“

Als sehr ehrgeizig, „manchmal vielleicht sogar etwas zu verbissen“, beschreibt Baur den Jerkovic-Nachfolger Jonas Maier. Der Keeper vom TBV Lemgo bringe trotz seines jungen Alters Erfahrung mit und könne viel von Jogi Bitter lernen. Samuel Röthlisberger spielt bereits seit vier Jahren in der ersten Schweizer Liga und gehört dem starken 1996er-Jahrgang seines Heimatlandes an. „Er ist ein interessanter Spieler und einer der wenigen, die den Sprung ins Ausland wagen.“ Baur ist sich sicher, dass der abwehrstarke Nationalspieler seinen Weg gehen werde – auch wenn er im Angriff noch dazulernen müsse.

Lediglich ein halber Neuer ist Max Häfner. Der Bruder des Nationalspielers Kai Häfner trainierte bereits in der vergangenen Saison beim TVB mit. „Er ist eine kleine Wunderwaffe, sehr wurfstark und spielintelligent“, sagt Baur. Mit Tobias Schimmelbauer bildet Häfner das Gespann auf Linksaußen, Baur plant den Youngster aber auch im linken Rückraum ein.

 

Flaute: Rechter Rückraum dünn besetzt

Sehr froh ist der Trainer, dass sich der Routinier Manuel Späth für den TVB entschieden hat. „So einen haben wir gebraucht.“ Der Ex-Göppinger sei nicht nur aufgrund seiner immensen Erfahrung ein wichtiger Baustein im Abwehrzentrum und am Kreis, sondern auch wegen seiner Persönlichkeit. „Ich lege viel Wert auf die Achse Torhüter – Kreis – Rückraummitte“, sagt Baur. Mit Bitter/Maier – Späth/Baumgarten – Kraus/Schweikardt sei der TVB hier sehr gut aufgestellt.

Weil sich Felix Lobedank erneut einer Achillessehnen-Operation unterziehen musste, sah der TVB im rechten Rückraum kurzfristig noch einmal Handlungsbedarf – und schnappte sich den Junioren-Nationalspieler Stefan Salger aus Leutershausen. Seine Verpflichtung gewann durch die neuerliche Verletzung von Djibril M’Bengue, der sich die Kniescheibe brach und frühestens im Februar zurückerwartet wird, noch an Bedeutung. Salger ist damit derzeit der einzige gelernte Linkshänder im rechten Rückraum. Der Rechtsaußen Finn Kretzschmer oder ein Rechtshänder sollen Salger entlasten. „Stefan hat ein Riesenpotenzial und einen enormen Schritt gemacht“, sagt sein Trainer. „Wir müssen aber Geduld mit ihm haben und ihn behutsam aufbauen.“

 

20 Spieler für den Bundesliga-Kader

Der jüngste Spieler im Kader ist Sascha Pfattheicher, der mit Zweitspielrecht ausgestattet wurde. Der Rechtsaußen wird vornehmlich beim Drittligisten SG Leutershausen zum Einsatz kommen, er soll aber auch Bundesligaluft schnuppern und wird Trainingseinheiten beim TVB absolvieren.

Aus den eigenen Reihen kommen der Torhüter Nick Lehmann und der linke Rückraumspieler Florian Burmeister. Beide sollen in erster Linie mithelfen, die zweite Mannschaft des TVB in die Baden-Württemberg-Oberliga zu hieven. Sie sollen jedoch auch am Trainingsbetrieb der ersten Mannschaft teilnehmen, soweit es die Ausbildung und das Studium zulassen.

Alexander Heib wird, wie in der vergangenen Saison, als Back-up fungieren. Heib machte zuletzt das verletzte Knie ein wenig zu schaffen. Priorität hat auch bei Heib das Perspektivteam, das er mit seiner Erfahrung und Spielstärke unterstützen soll.

20 Spieler umfasst damit der Bundesliga-Kader – wobei auffällt, dass keiner darunter ist, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist. In der vergangenen Saison war die Verständigung mit Vio Fotache, Can Celebi und Teo Coric – zumindest auf Deutsch –, nicht immer ganz einfach. „Dass alle unsere Sprache sprechen, ist zumindest kein Nachteil“, sagt Baur. „Aber grundsätzlich habe ich kein Problem damit, wenn es nicht so ist.“

Rundum zufrieden war der Trainer mit der Vorbereitung – vor allem mit dem Trainingslager im Ultental in Südtirol, wo die Mannschaft sehr gut gearbeitet habe. Mehr Testspiele und Turniere als im Vorjahr bestritten die Bittenfelder, wobei sie hier nicht immer überzeugten und sich vor allem gegen die unterklassigen Gegner sehr schwer taten. Beim jüngsten Härtetest in Ehingen waren die Gegner Füchse Berlin, HBC Nantes und RK PPD Zagreb eine Nummer zu groß.

Viel bedeutender war für Baur, dass das Team von Verletzungen weitgehend verschont geblieben ist. Michael Kraus (Handbruch) und Tobias Schimmelbauer (Schambeinentzündung) stiegen später ins Mannschaftstraining ein, derzeit ist lediglich Dominik Weiß (Schlag auf den Daumen) noch etwas gehandicapt.

 

Neujustierung: Abwehr muss umgestellt werden

Bleibt’s so, hat der Trainer zum Saisonauftakt die Qual der Wahl – von der Flaute im rechten Rückraum abgesehen. „Wir haben trotzdem noch ein paar Baustellen. Die Frage ist, ob wir unsere Abwehr gleich wieder so stabil hinbekommen.“ Celebi und Fotache, zwei Säulen in der vergangenen Spielzeit, sind nicht mehr dabei. Späth, Röthlisberger, Salger und Co. müssten sich erst finden. „Wir sind noch dabei zu schauen, wer mit wem am besten zusammenpasst.“

Zudem sollten zu viele Abwehr-/Angriffswechsel vermieden werden. „Da müssen wir schon aufpassen“, sagt Baur und lacht. „Nicht, dass wir plötzlich drei Kreisläufer auf dem Spielfeld haben.“

 

Quelle: ZVW