Interview mit Co-Trainer Karsten Schäfer

Der Athletik- und Co-Trainer Karsten Schäfer ist beim Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart für die Fitness der Spieler zuständig – unter anderem. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner spricht der 40-Jährige über Hausaufgaben für die Spieler, den Sinn von Iglu-Baus und Bergtouren – und warum Wildschwein-Imitatoren wichtig sind für den Teamgeist.

 

Herr Schäfer, in der Handballpause sollen sich die Spieler in erster Linie regenerieren, jedoch nicht komplett abschlaffen. Stecken Sie den Spielern einen individuellen Trainingsplan mit in den Urlaubskoffer?

Den kriegen sie in der Tat. Es ist jedoch ein schwieriges Thema. Nach dem letzten Saisonspiel bleiben in der Regel vier Wochen, bis das Mannschaftstraining zur Saisonvorbereitung wieder beginnt. Sehr gerne würden wir den Spielern drei oder vier Wochen komplette Ruhe gönnen, damit sich Körper und Kopf regenerieren können und die Spieler wieder Lust auf Training, Wettkämpfe und Belastung bekommen. Die Zeitspanne zwischen dem letzten und ersten Saisonspiel ist im Handball sehr kurz im Vergleich zu anderen Sportarten. Um die lange und herausfordernde Saison auf einem hohen Niveau spielen zu können, müssen die Spieler zwei Wochen investieren für individuelles Training. Einige haben in diesem Sommer sogar noch mehr Zeit reingesteckt, um ihre Leistungsentwicklung weiter voranzutreiben.

 

Zum Trainingsauftakt standen ausgiebige Kraft-, Beweglichkeits- und Ausdauertests auf dem Programm. Gab’s Ausreißer nach unten oder oben?

Die gab’s in den vergangenen Jahren schon mal, dieses Jahr entsprachen die Ergebnisse weitgehend unseren Erwartungen. Wenn etwas irgendwo nicht ganz passte, war’s erklärbar oder nachvollziehbar. Die Tests sind enorm wichtig für uns, damit wir wissen, wo wir die Spieler in Empfang nehmen können.

 

Inwieweit finden diese gewonnenen Daten Einzug in den Trainingsbetrieb?

Zunächst einmal schauen wir, inwiefern die Werte der Spieler unseren Erwartungen entsprechen. Für jeden Spieler wird auf Basis der Zahlen und Daten ein Profil erstellt. Sind große Defizite da, versuchen wir, diese im Trainingsbetrieb aufzuarbeiten. Grundsätzlich ist es aber so, dass der Fokus nicht allein auf dem Abbau der Schwächen liegt. Es sollen in gleichem Maße die Stärken der Spieler verbessert werden. Entscheidend ist es, hier eine gute Balance zu finden.

 

Trainiert wird in der Regel im Team. Wie wichtig ist es, dass jeder Spieler individuell, sozusagen als Hausaufgabe, an seinen Schwächen arbeitet?

Das ist sehr wichtig! Wenn du als Spieler heutzutage nur regelmäßig ins Training kommst und die dort gestellten Aufgaben abarbeitest, dann wird das nicht reichen, um in der stärksten Liga der Welt konkurrenzfähig zu sein. Die Spieler sollten sich über Wochen, Monate, Jahre hinweg das Vertrauen der Trainer erarbeiten, dass sie gewissenhaft ihre Hausaufgaben erledigen und darüber hinaus an der Weiterentwicklung ihrer Stärken arbeiten. Wenn das vorhanden ist, räumen wir Trainer den Spielern sehr gerne gewisse Freiheiten ein. So ist eigenständiges Arbeiten ohne Qualitätsverlust möglich. Für uns Trainer ist das eine ideale Situation.

 

Eine gute Fitness ist zweifellos die Grundlage, um auf höchstem Niveau erfolgreich Handball zu spielen. Der eine oder andere Kritiker glaubt jedoch, dass der Verbesserung der Physis zu viel Bedeutung zugemessen wird und die handballerischen Fähigkeiten und Fertigkeiten auf der Strecke bleiben. Was sagen Sie dazu?

Beides bedingt sich gegenseitig. Es gibt Spieler mit großen handballerischen Fähigkeiten, die jedoch, was die Athletik betrifft, nicht besonders reich beschenkt wurden. Dann gibt es Spieler, die ihre Stärken klar im athletischen Bereich haben. Im Optimalfall haben sie beides, dann kommt ein Weltklassespieler heraus. Grundsätzlich ist die Trainingswoche zu kurz, um alles in optimalem Umfang abzudecken. Man muss Schwerpunkte setzen und die richtige Auswahl treffen. Das ist die große Kunst und letztlich die Leistung des Trainers.

 

Das Trainingslager fand im Juli zum wiederholten Mal im Ultental in Südtirol statt. Wie waren die Bedingungen dieses Mal?

Wir waren sehr zufrieden mit dem Trainingslager. Der Fokus lag wie immer auf dem athletischen Bereich und der einen oder anderen Teambuildings-Maßnahme. Die Bedingungen im Ultental vor dieser großartigen Naturkulisse sind hervorragend, da fällt es einem leichter, sich ein Stück weit zu quälen. Außerdem tut so ein Ortswechsel immer gut.

 

Eine der sogenannten Teambuildings-Maßnahmen war eine Gipfelwanderung inklusive Übernachtung im Zelt. Wie fanden das die Flachländer unter den Spielern?

Für die Jungs war das eine außergewöhnliche Herausforderung, beeindruckend und inspirierend zugleich. Wir haben aus dem Nachbartal heraus einen Alpenkamm erstiegen und dort in Zelten übernachtet. Am nächsten Tag musste sich die Gruppe aufteilen und verschiedene Aufgaben im Gebirge meistern. Am Abend sind alle erschöpft im Ultental wieder angekommen. Die Spieler mussten die Ausrüstung und Verpflegung für beide Tage in ihren teilweise recht schweren Rücksäcken tragen. Die meisten haben so etwas noch nie gemacht. Die Spieler hatten Respekt. Der eine oder andere stellte sich schon die Frage nach dem Warum. Nach einem halben Tag in den Bergen war die Skepsis verschwunden. Am Ende war’s für alle ein intensives, positives Erlebnis. Außerdem haben unsere beiden neuen Teamärzte Thomas Höpfner und Simon Scheiderer die Jungs beeindruckt, indem sie sich auf der Tour nahtlos in das Team eingefügt und bis zum Ende mitgehalten haben.

 

Im vergangenen Winter gab’s ein Iglu-Biwak, außerdem wurde ein Wildschwein gegrillt. Von wem kommen eigentlich die Ideen?

Das ist mein Gebiet, auf dem ich mich gerne austobe und das mir viel Freude bereitet. Dabei ist es aber auch wichtig, das richtige Maß zu finden. Eine Zweitagestour in den Alpen gelingt nur, wenn die Jungs über mehrere aufeinander aufbauende Maßnahmen schrittweise darauf vorbereitet werden. Es kostet ein bisschen Zeit in der Vorbereitung und lässt sich auch nicht eins zu eins von einer Mannschaft auf die andere übertragen.

 

Solche Survival-Aktionen sind zweifelsfrei mental und körperlich anstrengend. Handballspiele gewinnt man dadurch aber nicht, oder?

Wir glauben, dass die Spieler diese Erlebnisse mitnehmen und in ihr eigentliches Betätigungsfeld übertragen können. Wer sich beispielsweise auf dem Berg überwunden und erlebt hat, dass sich vieles zusammen leichter bewerkstelligen lässt, der kann sich den Teamgeist auch auf dem Spielfeld zunutze machen. Wir haben in der Rückrunde oft das Bild bemüht, das sich bei unserem – anstrengenden – Iglu-Bau in der Winterpause eingeprägt hat. Damals war eine große Erleichterung zu spüren, nachdem der letzte Stein gelegt worden und das Iglu endlich fertig war. In gemeinsamer Arbeit. Die Spieler haben dieses Bild des letzten Steins durch die ganze Rückrunde der vergangenen Saison transportiert und daraus immer wieder Motivation und Zuversicht geschöpft. So einen Effekt erhoffen wir uns jetzt wieder. Die Teambuildings-Maßnahmen sind jedenfalls ganz wichtige Puzzleteile für uns, um erfolgreich zu sein.

 

Wie man hört, kam auch der Spaß nicht zu kurz. Mimi Kraus begrüßte seine Teamkollegen auf dem Gipfel im Spiderman-Kostüm. Außerdem versteckte er sich in deren Hotel-Zimmer und erschreckte sie mit lautem Wildschwein-Grunzen. Es sieht so aus, als ob die Stimmung im Team passt.

So ist es. Für uns Trainer ist das ein super Feedback. Es zeigt uns, dass die Spieler Spaß haben an der Arbeit – auch wenn sie hart ist. Es ist nun mal so: Wer Freude hat, dem fällt die Arbeit leichter. Spieler wie Mimi sind sehr wichtig für eine Mannschaft, wir genießen es sehr, ihn im Team zu haben. Natürlich ist es auch vom Typ abhängig. Es gibt auch andere, die für gute Stimmung sorgen. Letztlich müssen alle mithelfen, dass wir im Team eine positive Stimmung haben.

 

Nicht ganz so viel zum Lachen haben derzeit die Langzeitverletzten Felix Lobedank und Djibril M’Bengue. Lobedank musste an der Achillessehne operiert werden, M’Bengue hat sich die Kniescheibe gebrochen – in der Reha. Wie konnte das passieren?

Passiert ist es bei einem scheinbar harmlosen, horizontalen Sprung, der Teil der Belastungsprogression in seinem Rehaprogramm war. Bei der Reha im Leistungssport ist man immer bemüht, den sich manchmal täglich verändernden Belastungsgrenzen möglichst nahe zu kommen, ohne diese zu überschreiten, damit in möglichst kurzer Zeit die volle Leistungsfähigkeit wieder hergestellt wird. Ich möchte hier niemandem einen Vorwurf machen, solche Dinge passieren nun mal. Für Djibi ist’s allerdings ein herber Rückschlag. Es ist bewundernswert, dass er den Mut behält, nicht resigniert und nach vorne schaut. Das können wir ihm nicht hoch genug anrechnen.  Das gilt im Übrigen auch für Felix Lobedank, der sich in der Rückrunde trotz Schmerzen in den Dienst der Mannschaft gestellt und vor allem im letzten Spiel in Göppingen stark gespielt hat. Das zeigt seinen Charakter. In der Reha ist er im Plan, er ist sehr gut unterwegs. Wir hoffen, dass er spätestens in der Rückrunde wieder am Start sein wird.

 

Während sich beide nun wieder mühsam herankämpfen müssen, kennt ein anderer dieses Gefühl gar nicht: In seinen elf Jahren bei FA Göppingen verpasste der TVB-Neuzugang Manuel Späth lediglich ein Spiel. Ist das Glück, Veranlagung oder ein Stück weit auch die professionelle Einstellung, auf seinen Körper zu achten?

Ich arbeite noch nicht lang genug mit Manu zusammen, um das zu erklären. Nach dem, wie ich ihn bisher erlebt habe, hat er sicherlich von allem etwas. Die genetische Veranlagung muss da sein, auch das Bewusstsein für ein kontrolliertes und gewissenhaftes Arbeiten im athletischen Bereich. Manu hat auch das eine oder andere Mal auf die Zähne gebissen und Glück gehabt, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Hin und wieder hatte er auch das „Glück“, dass er eine Verletzung im Urlaub auskurieren konnte. Weil Handball eine Kontaktsportart ist, lässt sich die eine oder andere Verletzung jedoch auch bei bester Prophylaxe nicht verhindern.

 

Bei der Verletzungsprophylaxe scheiden sich ja bisweilen die Geister. Methoden, die gestern noch als topmodern angepriesen wurden, spielen heute schon keine Rolle mehr. Wie schwierig ist es eigentlich, in diesem Wirrwarr den Überblick zu behalten?

Man nutzt zunächst einmal seine sportwissenschaftliche Expertise und schaut, wie sinnvoll eine neue Methode sein könnte, ob sie eine innere Logik aufweist, die die versprochenen Effekte erklärt, und ob überhaupt Bedarf da ist. Eventuell probiert man sie aus und spricht dann mit den Spielern, die in der Regel erfahren und feinfühlig sind. Es ist aber nicht so, dass man jedem Trend gleich hinterherrennt. Neues birgt auch meist ein Risiko. Wo wüsste man das besser als hier im Schwabenland? Oft ist es sinnvoller zu beobachten, wie sich eine Methode entwickelt und in der Praxis bewährt.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW