„Sind auf alle Fälle einen Schritt weiter“

Auch in seiner zweiten Saison in der ersten Handball-Bundesliga hat der TVB 1898 Stuttgart heftig zittern müssen um den Ligaverbleib. Der Geschäftsführer Jürgen Schweikardt sieht das Team dennoch auf einem guten Weg. Im Gespräch mit Sportredakteur Thomas Wagner blickt er zurück – und ist überzeugt davon, dass der neue TV-Vertrag den Handball voranbringen wird.

Herr Schweikardt, nach dem schwer erkämpften Ligaverbleib haben Sie sich in den Pfingstferien nur eine knappe Woche Urlaub gegönnt. Hält es die Familie mit dem rastlosen Geschäftsführer nicht länger aus oder gab’s noch so viel zu tun?

Ich glaube schon, dass wir es länger ausgehalten hätten. Aber es ist eben im Moment eine ungünstige Zeit, Urlaub zu machen, weil noch viele Prozesse am Laufen sind. Wir wussten ja bis zum letzten Spiel nicht, in welcher Liga wir in der kommenden Saison spielen werden. Ein richtiger Urlaub war’s nicht, weil ich immer wieder am Laptop saß.

Teamleistung: Kein TVB Bitter-Kraus

Haben Sie eigentlich Ihrem Kumpel, dem Hannoveraner Trainer Jens Bürkle, schon die Leviten gelesen? Mit seinen schwachen Auftritten gegen die Abstiegskonkurrenten Lemgo und Bergischer HC hat Hannover den TVB ganz schön in die Bredouille gebracht.

Ich habe ihm natürlich nicht die Leviten gelesen. Er hatte ja ganz andere Probleme angesichts der langen Negativserie seiner Mannschaft, die ihm jetzt ja auch den Job gekostet hat. Das tut mir sehr leid für ihn. Ich hatte vor den Spielen gegen Lemgo und den BHC mit Jens telefoniert, er war höchst motiviert. Die Hannoveraner haben sicherlich nicht absichtlich verloren.

Der Handball-Experte Dr. Rolf Brack äußerste sich in der heißen Phase des Abstiegskampfes zu den Chancen der Kandidaten. Um den TVB machte er sich dabei keine Sorgen. Mit Jogi Bitter und Mimi Kraus steige kein Team ab, ließ er wissen. Beide werden auch in der nächsten Saison zum Kader gehören – und Sie können im Grunde ganz gelassen sein.

Es freut mich, dass Rolf Recht behalten hat. Allerdings darf man den Ligaverbleib nicht an Bitter und Kraus alleine festmachen. Es war eine absolute Teamleistung, bei der einige Spieler vor allem in der Endphase der Saison über sich hinausgewachsen sind.

Vor exakt einem Jahr sagten Sie, sie seien – trotz des Ligaverbleibs im ersten Jahr nach dem Aufstieg – mit der Entwicklung des Teams nicht so zufrieden. Ist der TVB jetzt einen Schritt weiter?

Wir sind auf alle Fälle einen Schritt weiter. Im Vorjahr holten wir 14 Punkte, jetzt 23. Nach einem sehr guten Start hatten wir eine schwächere Phase, die auch dem Verletzungspech geschuldet war. Dadurch sind wir ins Schlingern gekommen und hatten kein stabiles Konstrukt mehr. Unsere besten Leistungen haben wir, beginnend mit dem Sieg gegen Gummersbach, am Ende der Saison gebracht. Das zeigt, dass wir uns entwickelt haben.

Sportlich ist der TVB mit den etablierten Teams wie Lemgo oder Gummersbach auf Augenhöhe. Kann der Verein in der kommenden Saison auch finanziell die Lücke zu den Mittelklasse-Clubs schließen?

In der vergangenen Saison hatten wir einen Etat von dreieinhalb Millionen Euro zur Verfügung. Nun sind wir optimistisch, mit vier Millionen in die neue Runde gehen zu können. Damit wären wir vor einigen Jahren noch ein Mittelklasse-Club gewesen. Ich denke, dass wir uns jetzt etatmäßig im unteren Mittelfeld bewegen. Allerdings dürfen die Gesamtetats der Clubs nicht unbedingt miteinander verglichen werden, weil die Standorte unterschiedlich sind. Davon hängt es ab, wie groß der Etat-Anteil ist, der in die Mannschaft investiert werden kann.

Die Zuschauerresonanz war enorm, nahezu jede Partie war ausverkauft. Kapazitäten hat der TVB nur noch frei, wenn er mehr Spiele in der Porsche-Arena austragen würde. Wie stehen die Chancen hierzu?

Natürlich könnten wir uns sehr gut vorstellen, mehr Spiele in der Porsche-Arena auszutragen. Dazu müssen wir aber frühzeitig planen können. Und das war jetzt nicht möglich, weil die Liga nicht feststand. So wird’s in der kommenden Saison bei den sieben Spielen in der Porsche-Arena und zehn Partien in der Scharrena bleiben. Klar ist aber auch, dass wir mehr Spiele in der großen Halle brauchen, wenn wir uns wirtschaftlich weiterentwickeln wollen.

In der neuen Saison erlebt der Handball eine kleine Revolution: Der Bezahl-Sender Sky und die ARD haben sich die Fernsehrechte gesichert. Vier Spiele werden donnerstags um 19 Uhr angepfiffen, vier sonntags um 12.30 Uhr und eines sonntags um 15 Uhr. Abgesehen davon, dass mehr mediale Präsenz dem Handball nur gut tun kann: Haben Sie nicht ein bisschen Bauchweh, dass die Handball-Fans dem Spitzensport den Rücken kehren werden?

Keine Frage: Die neuen Anwurfzeiten sind eine Veränderung mit allen Vor- und Nachteilen. Ich denke aber, wir sollten jetzt erst mal abwarten und schauen, wie sie von den Vorort-Zuschauern angenommen werden. Alles andere ist Spekulation. Wir werden versuchen, unseren Fans weiterhin gute Konzepte anzubieten. Medial ist der neue TV-Vertrag jedenfalls ein Quantensprung für den Handball.

Speziell die TVB-Fans haben in den vergangenen Jahren einiges ertragen müssen: erst den Umzug von der Bittenfelder Gemeindehalle nach Stuttgart, dann die Namenserweiterung zum TVB 1898 Stuttgart. Glauben Sie, dass die Bittenfelder auch diesen Schritt mitgehen werden oder sonntags lieber zu Hause bleiben und gemütlich mit der Familie zu Mittag essen?

Die neuen Anwurfzeiten sind nicht ansatzweise zu vergleichen mit den anderen angesprochenen Veränderungen, die wir in jüngster Vergangenheit durchgeführt haben. Wir sprechen von etwa acht Sonntagen im Jahr, das 52 Wochenenden hat. Wir hoffen, dass die Zuschauer diese Spieltage mit einem Familienausflug verbinden, unterwegs etwas essen oder nach dem Spiel etwas gemeinsam unternehmen.

Wie stehen eigentlich die Sponsoren zu dieser Neuerung? Ist eine Zurückhaltung zu spüren?

Ich spüre bei den Sponsoren keine Zurückhaltung – im Gegenteil: Durch die Fernsehübertragungen bekommt der Handball eine neue Reichweite, von der sich auch die Sponsoren etwas versprechen.

In welchem Maße profitieren die Erstligavereine finanziell vom neuen Fernseh-Vertrag?

Es fließt ein niedriger sechsstelliger Betrag in die Klassen der Clubs. Noch wichtiger ist die Nachverwertung von ARD und ZDF, durch die sich die Reichweite noch einmal erhöhen wird. Davon erhoffen wir uns neue Sponsorenaufträge.

Hoffnung: Eine Saison ohne Zittern

Mit der größeren Medienpräsenz dürfte auch auf das Umfeld mehr Arbeit zukommen. Sind die Ehrenamtlichen bereits sensibilisiert, dass sie vor allem bei den Spielen am Sonntag eine Frühschicht einplanen müssen?

Wir gehen davon aus, dass sie in der neuen Saison nicht mehr, allerdings zu anderen Zeiten arbeiten müssen. Wir versuchen, diese Veränderungen so gut wie möglich abzufedern und den Ehrenamtlichen nicht noch mehr zuzumuten. So werden bei den Sonntagsspielen die Hauptamtlichen um sechs oder sieben Uhr in der Früh in der Halle sein und die Ehrenamtlichen so gegen halb neun hinzustoßen.

Auf den sportlichen Erfolg dürften die neuen Anwurfzeiten keine Auswirkungen haben. Nach der unterm Strich überzeugenden Saison zählt der TVB in der neuen Spielzeit nicht zwangsläufig zu den heißen Abstiegskandidaten, zumal es ja nur noch zwei Absteiger geben wird. Orientiert sich der TVB schon an einem einstelligen Tabellenplatz?

Unser Ziel ist nach wie vor der Ligaverbleib – mit dem Zusatz, den so früh wie möglich zu sichern. Ich warne allerdings ausdrücklich davor, die Aufsteiger Hüttenberg und Friesenheim aufgrund ihrer vielen Minuspunkte zu unterschätzen. Sie werden ihre Aufgaben mit großer Euphorie und ohne Druck angehen und ihre Punkte holen. Wir werden nichts geschenkt bekommen und müssen vom ersten Spieltag an hellwach sein.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW