“Haben am oberen Limit gearbeitet”

Verletzte Schlüsselspieler, ein suboptimaler Spielplan, extrem hartnäckige Abstiegskonkurrenten: Der TVB 1898 Stuttgart hatte zu kämpfen, um in seiner zweiten Saison in der 1. Handball-Bundesliga zu bestehen. Unterm Strich war’s eine bemerkenswerte Leistung, auf die der Trainer stolz ist. „Ich denke, wir haben am oberen Limit gearbeitet“, sagt Markus Baur.

Vier Tage Urlaub mit der Familie gönnte sich Markus Baur nach dem finalen Spiel. Angesichts der kräftezehrenden und dramatischen Schlussphase kann diese Pause freilich nicht genügen, um den Akku wieder aufzuladen. So wird sich Baur den einen oder anderen Chillout-Tag sicherlich noch gönnen, bevor er seine Spieler am 10. Juli zum ersten Training einbestellt. „Am Schluss war’s schon sehr nervenaufreibend“, sagt er.

Nüchtern betrachtet, hat der TVB seine Pflicht erfüllt. Offiziell hatten die Bittenfelder in ihrer zweiten Spielzeit zwar den Ligaverbleib als Saisonziel angegeben, hinter vorgehaltener Hand indes erhoffte sich der eine oder andere doch eine etwas sorgenfreiere Spielzeit. Schließlich hatte der TVB mit dem Weltmeisterduo Johannes „Jogi“ Bitter und Michael „Mimi“ Kraus ein Duo im Kader, das jeder Mannschaft gut zu Gesicht stehen würde.

So viele Punkte waren zum Ligaverbleib selten nötig

Markus Baur jedoch hatte bereits vor dem Saisonstart vor überzogenen Erwartungen gewarnt – und sieht sich im Nachhinein in seiner vorsichtigen Prognose bestätigt. „Wenn wir im Vorfeld gesagt hätten, wir brauchen 23 Punkte zum Klassenverbleib, hätte man uns den Vogel gezeigt.“ 27 Punkte hatte der TVB Lemgo in der Saison 2014/2015 benötigt, um den Absturz in die zweite Liga zu verhindern – allerdings bei zwei Spielen mehr. In den Jahren davor waren meist deutlich weniger als 23 Punkte notwendig. Wie knallhart und ausgeglichen der Überlebenskampf in der abgelaufenen Saison war, zeigt auch der Vergleich zum ersten Erstligajahr des TVB: 2015/2016 hatte der Tabellenzehnte ein Polster von 24 Punkten auf die Abstiegsränge, nun waren’s lediglich fünf.

Nichts geschenkt bekommen

Am Ende hat sich der TVB zwischen den etablierten Teams TBV Lemgo und VfL Gummersbach platziert. Mit einem – durchaus möglichen – Sieg im letzten Spiel in Göppingen hätten die Bittenfelder auf Rang zwölf abgeschlossen. „Wir können absolut stolz sein auf das, was wir geleistet haben“, sagt Baur. Dabei habe sich das Team jeden einzelnen Punkt selbst erarbeitet und nichts geschenkt bekommen. Sprich: In der heißen Endphase der Saison spielte die Liga teilweise verrückt, die Konkurrenten holten immer wieder überraschende Punkte. Der TVB brauchte einen langen Atem – und eine große Portion Coolness und Selbstbewusstsein, die er sich in kleinen Happen während der Saison angeeignet hat.

„Große Zweifel hatte ich nie“

Auch wenn der TVB in der Schlussphase zittern musste: Baur blieb ruhig, glaubte an die Fähigkeiten seiner Spieler. „Große Zweifel hatte ich nie“, sagt er. Seine Mannschaft habe gut gespielt, auch wenn sie sich des Öfteren nicht dafür belohnt habe. Wie bei der 27:29-Niederlage gegen die Füchse Berlin am viertletzten Spieltag. „Der Auftritt hat mir Mut gemacht für die letzten Aufgaben.“

Viel Selbstvertrauen

Mit wie viel Selbstvertrauen die Bittenfelder die Muss-Spiele in Minden (28:26), gegen Coburg (26:20) und in Göppingen (26:26) angingen, demonstrierte Marian Orlowski unmittelbar nach der Niederlage gegen die Füchse. „Wenn wir so spielen wie heute, gewinnen wir die nächsten drei Spiele“, sagte der Rückraumspieler.

Der 24-Jährige, der vom Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen zum TVB gestoßen war, avancierte zu einem der großen Gewinner der Saison. Nachdem er in der Hinrunde im einen oder anderen Spiel sein Potenzial angedeutet hatte, drehte er in der Rückrunde richtig auf. „Er hat sich ganz stark entwickelt“, sagt Baur.

Die entscheidenden Phasen im Griff

Es dauerte auch eine Weile, bis die Mannschaft die Stabilität an den Tag legte, die sich der Trainer gewünscht hatte. „Das lag sicherlich auch daran, dass wir fast nie in kompletter Besetzung gespielt haben.“ Nach sechs Spieltagen und 6:6 Punkten war dies in der Tabelle noch nicht abzulesen, in der zweiten Hälfte der Hinserie indes waren die Ausfälle von Jogi Bitter, Can Celebi, Djibril M’Bengue und Tobias Schimmelbauer kaum mehr zu kompensieren. So überwinterte der TVB auf einem Abstiegsrang. „Es waren gute Sachen dabei, es gab aber auch Spiele, in denen wir unseren Job nicht so gut gemacht haben“, sagt der Trainer. „Es hat die Sicherheit gefehlt.“ Zudem hatten etliche Spieler mit länger anhaltenden Formschwächen zu kämpfen.

Die bekamen sie in der entscheidenden Phase in den Griff – für Baur war dies einer der Erfolgsgaranten. Wie auch die körperliche und mentale Stärke. Selbst den Ausfall von Kraus, der sich im siebtletzten Spiel die Hand brach, warf das Team nicht um. Im Gegenteil: Es machte sich eine „Jetzt-erst-recht“-Stimmung breit.

Zufrieden mit Neuverpflichtungen

„Vorsichtig optimistisch“ blickt Baur voraus auf die neue Saison. Auch, weil er „sehr zufrieden“ ist mit den Neuverpflichtungen Jonas Maier (Lemgo), Samuel Röthlisberger (Bern), Max Häfner (Schwäbisch Gmünd) und Manuel Späth (Göppingen).

Zuwachs bekommt auch der Männer-Haushalt des Trainers: Die Tochter Chiara, die zur FSG Waiblingen/Korb wechselt, zieht zu ihrem Vater nach Stuttgart. Der Sohn Mika, er spielt Fußball in der Jugend des VfB Stuttgart, lebt schon seit vergangenen Sommer beim Vater. Noch im Haus am Bodensee wohnen Baurs Frau Marion und der jüngste Sohn Kimi. „Der Clan hier wird langsam größer“, sagt Baur und lacht.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW