Simon Baumgarten im Interview

Simon Baumgarten, dienstältester Spieler und Kapitän des Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart, ist kein Freund von Zahlenspielen. „Es wäre fahrlässig zu rechnen, wie viele Punkte man noch braucht, um nicht abzusteigen“, sagt er im Interview. „Die Liga spielt jede Woche verrückt.“

Herr Baumgarten, nach der 24:25-Niederlage in Kiel sprachen Sie davon, dass der TVB der Chance beraubt worden sei, dem THW ein Bein zu stellen. Was hat Sie denn so sehr erzürnt?

Es wurde bereits ja von unserem Trainer gesagt. Es geht hauptsächlich um den Ablauf der letzten 25 Sekunden im Spiel. Man hätte in diesen Szenen auch anders entscheiden können oder vielleicht auch müssen. Zumindest ein direkter Zeitstopp wäre Pflicht gewesen. Über eine Zeitstrafe und den dadurch fälligen Siebenmeter hätte sich auch keiner beschweren dürfen.

Was überwiegt nun mit ein paar Tagen Abstand: der Frust über den verpassten Coup oder das gute Gefühl, selbst mit den Top-Teams der Liga mithalten zu können?

Ganz klar ist dies ebenso eine verpasste Chance gewesen wie gegen jedes andere Team der Liga. Am Ende des Tages stehen leider keine Punkte auf unserem Konto.

Wir schätzen Sie die Lage im Abstiegskampf ein: Wie viele Punkte werden zum Ligaverbleib benötigt?

Es wäre fahrlässig zu rechnen, wie viele Punkte man noch braucht, um nicht abzusteigen. Die Liga spielt jede Woche verrückt. Da kann jeder noch ordentlich punkten oder irgendwo überraschend Punkte liegenlassen. Die Lage im Tabellenkeller ist dieses Jahr eine ganz andere Hausnummer als letzte Saison und wesentlich ausgeglichener.

In den Sechskampf gegen den Abstieg ist auch der VfL Gummersbach verwickelt. Hatten Sie erwartet, dass der VfL solche Probleme bekommen würde?

Ich dachte mir zu Beginn der Saison, dass es auch mal eine etablierte Mannschaft erwischen könnte, die sonst normalerweise nicht gegen den Abstieg spielt. Dass es nun Gummersbach ist, war so nicht abzusehen. Was aber auf der anderen Seite wieder zeigt, wie ausgeglichen die Liga ist.

Der TVB hat ein ziemlich strammes Restprogramm, vier Heimspielen stehen sieben Partien in der Fremde gegenüber – und im Mai gleich sechs Spiele binnen 19 Tagen. Der eine oder andere hält das für Wettbewerbsverzerrung.

Gut, über den Spielplan, die Belastung und Terminfindung wird ja jede Woche in aller Ausführlichkeit diskutiert. Dass es vielleicht anders besser wäre, als sechs Spiele in 19 Tagen zu machen, das brauche ich sicherlich nicht zu erwähnen. Ändern kann ich daran aber nichts. Man macht dem Fußball so viel nach, aber in manchen Dingen reagiert man einfach nicht auf die vorhandenen Probleme.

Welche Probleme meinen Sie?

Eine WM oder EM würde im Handball meiner Meinung nach auch alle vier Jahre reichen. Genauso wie im Fußball. Ein Champions-League-Modus mit dermaßen vielen Spielen, Gruppenphasen und Mannschaften ist absolut sinnfrei. Auch die Pokalturniere mit vier Mannschaften ab der ersten Runde sind eine Änderung, die aus meiner Sicht wieder direkt abgeschafft werden sollte. Ebenso die uneinheitlichen Anwurfzeiten und Spieltage. In anderen Sportarten geht es doch auch, dass man an fixen Tagen Ligaspiele hat und an fixen Tagen in der Champions League auflaufen muss und an fixen Tagen im Pokal anzutreten hat.

Zumindest in der Bundesliga soll’s ja künftig Regelspieltage geben.

Richtig, dieses Problem versucht man ab kommender Saison ein wenig anzugehen und legt viele Spieltage auf Sonntagmittag 12.30 Uhr. Da schreien natürlich auch viele, dass dies nicht machbar ist. Aber der Fußball nimmt einfach eine zu große Rolle ein in der Gesellschaft, so dass der Handball, um seine Attraktivität zu steigern, genau da spielen muss, wenn kein Fußball läuft. Durch den einheitlichen TV-Deal mit Sky, der ab kommender Saison die Handball- Bundesliga und die Champions League überträgt, steigt auch die mediale Präsenz des Handballs weiter an, was für unsere Sportart sehr wichtig ist. Es wird sicher eine Weile dauern, bis das wirklich gut funktioniert. Aber ich denke, in zwei oder drei Jahren ist 12.30 Uhr am Sonntag für Handballer das, was der Samstag um 15.30 Uhr für die Fußballer ist. Man muss nur offen für Neues sein.

Am Gründonnerstag kommt die HSG Wetzlar in die Scharrena, im Hinspiel war der TVB bei der 25:33-Niederlage klar unterlegen. Wie groß ist die Chance auf eine Revanche?

Man sieht es jede Woche, was möglich ist. Balingen gewinnt gegen Hannover, Leipzig verliert nur mit einem Tor bei den Rhein-Neckar Löwen. Wetzlar schlägt Kiel und verliert zu Hause dann gegen den Bergischen HC. So könnte man wahrscheinlich diese Saison 20 Spiele aufzählen. Daher besteht auch für uns, wie bei jedem Spiel, die Chance auf zwei Punkte. Und wenn wir unsere Aufgaben so erfüllen wie zuletzt in Kiel, dann klappt das auch.

In der nächsten Saison werden Sie zusammen mit Manuel Späth die Kreisläufer-Position besetzen. Mit ihm spielten Sie in der Saison 2006/2007 gemeinsam bei FA Göppingen. Was ist er für ein Typ?

Er ist ein sehr ruhiger und angenehmer Mensch, der aber auf dem Spielfeld explodieren kann und immer mit vollem Einsatz zu Werke geht. Ich hoffe, er konnte seine Fußballskills in den letzten Jahren etwas verbessern. Das „Team alt“ braucht gute Fußballer.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW