TVB erhält ein Jugendzertifikat

Zum ersten Mal hat der TVB 1898 Stuttgart das Jugendzertifikat der Handball-Bundesliga erhalten. Unser Redaktionsmitglied Thomas Wagner unterhielt sich mit Günter Schweikardt über das Qualitätssiegel und die Nachwuchsförderung beim TVB. „Wichtig ist, den Talenten genügend Zeit zu geben, sich zu entwickeln“, sagt der Sportliche Leiter des Erstligisten.

Herr Schweikardt, Frankreich hat seinen Heimvorteil genutzt und sich den WM-Titel geholt. Für die deutsche Mannschaft kam im Achtelfinale überraschend das Aus. Glauben Sie, dass diese große Enttäuschung die Entwicklung des Handballs in Deutschland negativ beeinflussen wird?

Wenn die Nationalmannschaft eine Runde oder zwei Runden weitergekommen wäre, hätte das sicherlich für einen weiteren positiven Schub gesorgt. Ich glaube aber nicht, dass sich das Ausscheiden dauerhaft negativ auswirken wird. Dazu sind wir zu gut aufgestellt. Deutschland wird auch bei den nächsten Meisterschaften um Titel mitspielen.

Die Verantwortlichen des DHB haben angekündigt, nun schnellstmöglich den Nachfolger des scheidenden Bundestrainers Dagur Sigurdsson zu präsentieren. Dem Vernehmen nach soll sich der Verband mit dem Leipziger Coach Christian Prokop einig sein. Besonders traurig darüber dürfte der TVB nicht sein. Damit könnte sich der zweite Kandidat Markus Baur komplett auf seine schwierige Mission konzentrieren, den Abstieg des TVB zu verhindern. Wie groß ist Ihre Zuversicht, dass der TVB den Tabellenkeller schnell verlassen kann?

Wir stehen aktuell auf einem Abstiegsplatz und wissen, wie schwierig es wird, diesen zu verlassen. Allerdings haben wir auch die Möglichkeiten dazu, es zu schaffen. Jetzt gilt es, in der Vorbereitung gut zu arbeiten.

Auch wenn nicht gespielt wurde, gab’s für den TVB vor ein paar Tagen erfreuliche Nachrichten: Zum ersten Mal wurde der Verein mit dem Jugendzertifikat der DKB-Handball-Bundesliga ausgezeichnet. Welchen Stellenwert hat es für den TVB?

Wir freuen uns natürlich darüber, dass wir die Auszeichnung bekommen haben, nachdem wir das Jugendzertifikat im vergangenen Jahr nicht beantragt hatten.

Warum nicht?

Wir konnten das Kriterium „Frühtraining“ noch nicht vollumfänglich erfüllen. Gefordert wird die Zusammenarbeit mit einer Schule, die den Talenten zweimal die Woche die Möglichkeit bietet, morgens zwischen 7.30 und 9 Uhr zu trainieren.

Und nun ist eine Lösung gefunden?

Inzwischen haben wir unsere seit 2015 bestehende Kooperation mit dem Schickhardt-Gymnasium in Stuttgart, einer Elite-Schule des Sports, ausgeweitet. Sieben unserer Talente besuchen diese Schule. Unser U-19-Jugendtrainer Jörg Ebermann, A-Lizenz-Inhaber und Lehrer am Schickhardt-Gymnasium, trainiert mit den Jungs am Dienstag- und Donnerstagvormittag in der Scharrena. Der verpasste Unterricht wird nachgeholt, somit wird das Lernziel nicht gefährdet. Nicht zu vergessen sind auch unsere seit Jahren bestehenden Kooperationen mit der Schillerschule Bittenfeld und der Salier-Schule Waiblingen.

Kritiker merken an, dass dieses Qualitätssiegel nichts Besonderes ist, weil es alle 18 Erstligisten erhalten haben. Was halten Sie dagegen?

Das Jugendzertifikat ist einerseits eine Auszeichnung und Bestätigung für die Arbeit im Verein. Allerdings sind wir überzeugt davon, dass unsere Jugendarbeit auch ohne das offizielle Papier seit vielen Jahren umfangreich und gut ist. Wir sind mit unseren Jugendteams schon lange vorne mit dabei. Wobei unser Konzept nicht ausschließlich auf die Eliteförderung ausgelegt ist.

Was heißt das?

In unserem Konzept sollen die A-Jugendlichen bereits bei den aktiven Mannschaften mittrainieren und spielen. Es geht aber nicht nur darum, Spieler für das Bundesligateam zu rekrutieren. Im Grunde gibt es drei Spieler-Kategorien: Talente, die es gleich in den erweiterten Kader der Bundesligamannschaft schaffen. Talente, die noch nicht ganz so weit sind und die über den Perspektivkader herangeführt werden sollen. Und schließlich Spieler, die nicht mit ganz so viel Ehrgeiz ausgestattet sind und in unserer dritten oder vierten Mannschaft eine gute Plattform finden. Wir stehen sowohl für Leistungssport als auch Breitensport.

In welchen Bereichen musste sich der TVB besonders strecken, um die Kriterien für das Jugendzertifikat zu erfüllen?

Die größte Hürde war wie gesagt das regelmäßige „Frühtraining“ unserer Talente aus dem Förderkader, verbunden mit einer entsprechenden Schulkooperation. Ausgleichen mussten wir auch die Spielklassenzugehörigkeit unserer zweiten Mannschaft. Mindestens die vierthöchste Liga ist hier vorgeschrieben. Bei diesem Punkt haben wir die sogenannten Ausgleichskriterien genutzt, beispielsweise, Spieler mit Doppelspielrecht auszustatten.

Die Auszeichnung alleine dürfte dem TVB nicht viel weiterhelfen – abgesehen davon, dass er jetzt nicht mehr in den sogenannten Straf-Fond einzahlen muss. Irgendwann möchte der Verein die Früchte seiner Arbeit sicherlich ernten. Wie weit ist der TVB aktuell davon entfernt, Nachwuchsspieler aus den eigenen Reihen in den Kader der Bundesligamannschaft einzubauen?

Die Regel ist, dass ein talentierter Spieler über die zweite Mannschaft den Sprung in den Bundesligakader schafft. Allerdings ist es ein großer Schritt, in der Zweiten Liga war das natürlich einfacher. Unser großes Ziel ist es, in Zukunft immer mindestens fünf Spieler im Bundesliga-Kader zu haben, die wir entweder selbst ausgebildet haben oder die aus der nahen Region kommen. Dazu müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Uns ist bewusst, dass dieses Ziel mit einem großen personellen und finanziellen Aufwand verbunden ist. Momentan haben wir beim TVB insgesamt 32 Trainer, darunter vier A- und sechs B-Lizenz-Inhaber. Wir werden nach und nach in der Jugend mit mehr hauptamtlichen Kräften arbeiten müssen. Und wir sind überzeugt davon, dass wir schon in der nächsten Saison den einen oder anderen Spieler zumindest im erweiterten Erstliga-Kader haben werden.

Mit Daniel Sdunek und Martin Kienzle kehren zur neuen Saison zwei altgediente Bittenfelder aus Pforzheim zurück, sie sollen das Württembergliga-Team führen. Das heißt, es wird nicht nur aus U-23-Spielern bestehen?

Nein. Unser Ziel ist der Aufstieg in der Baden-Württemberg-Oberliga. Und der ist ausschließlich mit Spielern aus der A-Jugend kaum möglich, da braucht es auch den einen oder anderen erfahrenen Spieler. Für die jungen Spieler ist der Faktor Zeit ganz wichtig, um sie an die Anforderungen der Bundesliga heranzuführen. Der große Unterschied zum Fußball ist die Körperlichkeit, und die entwickelt sich bei vielen Spielern erst nach dem Ende der Jugendzeit. Wir legen viel Wert auf Individualtraining, das sich bereits ausgezahlt hat. Alexander Heib und Felix Lobedank kümmern sich um den Athletikbereich, Karsten Schäfer um die Torhüter und U-17-Trainer Michael Schweikardt ums Techniktraining.

Fernziel müsste doch eigentlich die dritte Liga sein. Der schwäbische Konkurrent HBW Balingen-Weilstetten kann seit Jahren auf seinen Unterbau zählen. Sind die Balinger diesbezüglich so etwas wie ein Vorbild?

Sicherlich holt man sich hier und da Anregungen. Wir haben aber keine Vorbilder und halten an unserem Konzept fest. Der Aufstieg in die dritte Liga ist allerdings nicht unbedingt das Ziel. Wir fänden es auch dem Handball nicht zuträglich, wenn die dritten Ligen ausschließlich aus zweiten Mannschaften der Bundesligisten bestehen. Das würde die Entwicklung der anderen Vereine hemmen. Und das kann der Handball nicht wollen.

Der TVB spielt mit sämtlichen Jugendteams auf höchster Ebene, die A-Jugend in der Bundesliga. An Zulauf dürfte es also nicht mangeln. Wie sieht das Scouting beim TVB aus? Was kann der TVB den Talenten bieten?

Ganz wichtig ist uns, dass wir keine Spieler abwerben. Bevor wir einen Spieler ansprechen, treten wir mit seinem Verein beziehungsweise mit unseren Kooperationspartnern in Kontakt. Wir legen höchsten Wert auf eine faire Zusammenarbeit, am Ende muss es eine Win-win-Situation sein. Über den Weg des Talentes soll gemeinsam und von Fall zu Fall entschieden werden. Wir überlegen, in welcher Mannschaft ein Spieler zu welchem Zeitpunkt am besten aufgehoben ist. Natürlich bemühen wir uns, den Talenten die besten Rahmenbedingungen für ihre Entwicklung zu bieten – nicht nur sportlich. Eine wichtige Rolle nehmen dabei unsere Sponsoren und Partner ein, die den jungen Spielern Ausbildungs- und Studienplätze anbieten. Ich denke, das ist eine tolle Sache.

Der TVB ist im Handball das Aushängeschild der Region. Seine Wurzeln scheint er jedoch nie aus den Augen verloren zu haben, er pflegt den Kontakt zu den Nachbarvereinen und gibt sich bodenständig.

Das ist richtig. Unsere Bundesligaspieler und Jugendtrainer leiten zum Beispiel immer wieder Trainingseinheiten bei anderen Vereinen der Region. In den vergangenen vier Monaten waren es acht Einheiten.

 

Jugendzertifikat der Handball-Bundesliga

Insgesamt 23 Vereinen aus der Ersten und Zweiten Bundesliga hat die DKB-Handball-Bundesliga das Qualitätssiegel verliehen. Folgende Anforderungen mussten die Vereine erfüllen (Auszug):

  • Für Erstligisten gilt, dass in den vier Altersklassen von der C- bis A-Jugend sowie U 23 eine Mannschaft von einem A- und drei von einem B-Lizenz-Inhaber trainiert werden muss. Zudem muss jeder Erstligist einen übergreifend fungierenden, lizenzierten Torwarttrainer sowie einen lizenzierten Athletiktrainer vorweisen.
  • Eine Kooperation mit mindestens einer weiterführenden Schule ist einzugehen, um zusätzliche Trainingseinheiten und die Koordination der schulischen mit den sportlichen Anforderungen zu gewährleisten.
  • Die Kooperation muss die Durchführung von mindestens vier Schulstunden wöchentlich von der ersten Schulstunde an und somit während der offiziellen Schulzeit beinhalten. Der verantwortliche Vereinstrainer muss die Einheiten leiten.
  • Es müssen mindestens fünf Spieler aus den vereinseigenen C-, B- und/oder A-Jugendmannschaften an den zusätzlichen Trainingseinheiten im Rahmen der Schulkooperation teilnehmen.
  • Um außer der sportlichen auch eine schulische und berufliche Ausbildung der Jugendlichen zu gewährleisten und so die Karrieren junger Spieler aktiv mitzubetreuen, soll eine Laufbahnberatung für diese Spieler erfolgen.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW