Lage für den TVB spitzt sich zu

Mit der bitteren 19:23-Pleite in Balingen am Mittwoch ist der Handball-Erstligist TVB 1898 Stuttgart auf den ersten Abstiegsrang durchgereicht worden. Eine Chance bleibt dem TVB noch, sich mit einem halbwegs guten Gefühl in die WM-Pause zu verabschieden: Am zweiten Weihnachtsfeiertag kommt der Überraschungs-Sechste Leipzig in die ausverkaufte Porsche-Arena.

Krisenstimmung beim TVB 1898 Stuttgart: Nach dem guten Saisonstart mit 6:6 Punkten holte der TVB aus den folgenden elf Partien mickrige zwei Punkte. Logische Folge dieser erschreckenden Bilanz ist der 16. Tabellenplatz. Und der wird, anders als in der vergangenen Saison, dieses Mal nicht zum Ligaverbleib reichen. Entsprechend schrill läuten beim TVB die Alarmglocken. Schließlich macht das ungünstige Rückrunden-Programm wenig Hoffnung auf eine Siegesserie.

Das Selbstvertrauen ist im Keller

Aus dem „stabilen Gerüst, das wir Ende Oktober noch hatten“, wie der Geschäftsführer Jürgen Schweikardt auf der Pressekonferenz nach dem Balingen-Spiel bemerkte, ist ein ziemlich wackliges Gebilde geworden. Die Verunsicherung nach etlichen dürftigen Auftritten ist immens und das Selbstvertrauen bei einigen Spielern im Keller. In Balingen verhalf selbst das überraschende Comeback von Jogi Bitter nicht zum Sieg. Wobei der Torhüter noch zu den besseren Akteuren zählte und alleine mit seiner Präsenz der Abwehr mehr Sicherheit verlieh.

Das reichte jedoch nicht, weil der TVB nicht jene Tugenden mit auf die Schwäbische Alb brachte, um gegen die „Gallier“ zu bestehen. Viel zu ängstlich und zurückhaltend hätten einige Spieler agiert, sagt der TVB-Trainer Markus Baur. „So kann man in einem so wichtigen Spiel nichts reißen.“ Dabei war’s schon schwieriger, in der Fremde zu punkten: Es war deutlich zu sehen, weshalb die Balinger nur neun Punkte gesammelt hatten – vor dem Derby.

Chancen am Montag stehen nicht gut

Der TVB bleibt auf seinen acht Zählern sitzen. Und die Chancen, mit zehn die WM-Pause anzutreten, stehen angesichts der aktuellen Verfassung nicht besonders gut. Zumal der Gegner am zweiten Weihnachtsfeiertag in der längst ausverkauften Porsche-Arena zur besseren Sorte zählt.

Es bleibt die Hoffnung, dass der TVB den Schalter wieder findet und so geschlossen und konzentriert auftritt wie in der ersten Hälfte der Hinrunde. Warum das Selbstvertrauen plötzlich abhandengekommen ist bei etlichen Spielern, ist Baur ein Rätsel. „Sicherlich braucht es Erfolgserlebnisse“, sagt er. Auf der anderen Seite müsse sich jeder Einzelne daran erinnern, was zu Beginn der Saison gut gewesen sei. „Das kann doch innerhalb von ein paar Wochen nicht einfach weg sein.“

Laute Ansprache von Baur

Nach der neuerlichen Pleite in Balingen ist Baur etwas lauter geworden in seiner Ansprache. Zu laut womöglich für den einen oder anderen Spieler, der sich Kritik zu sehr zu Herzen nimmt? „Natürlich haben wir unterschiedliche Typen, jeder geht anders damit um“, sagt Baur. „Es ist auch Aufgabe der Trainer, hier die Balance zu finden.“

Baur gegen Prokop: Duell der Bundestrainer-Kandidaten

In der Vorsaison waren der SC DHfK Leipzig und der TVB gemeinsam in die erste Bundesliga aufgestiegen – das war’s allerdings bereits mit den Gemeinsamkeiten. Schon in seinem Debüt-Jahr hatte das Team von Trainer Christian Prokop nichts mit dem Abstieg zu tun gehabt und landete mit 30:34 Punkten auf dem beachtlichen elften Platz. Der TVB dagegen quälte sich mit 14 Punkten zum Ligaverbleib.

Leipzig überzeugt in der Hinrunde

Die Leipziger legen in dieser Saison noch eine Schippe drauf: Mit 19:15 Punkten liegen sie im vorderen Tabellendrittel. Sie krönten ihre überzeugende Hinrunde mit dem 28:24-Sieg im DHB-Pokal gegen den TSV Hannover-Burgdorf und dem damit verbundenen Einzug ins Final Four.

Wird einer der Trainer Sigurdssons Nachfolger?

Ein schwieriges zweites Jahr in der ersten Liga hatten die Verantwortlichen erwartet, doch die Leipziger waren vom Start weg präsent. Mit dem 30:21-Auftaktsieg gegen den Bergischen HC und dem 21:21 in Magdeburg sammelten sie gleich Selbstvertrauen. Anschließend überraschte der SC unter anderem mit Siegen gegen die stärker eingeschätzte MT Melsungen (23:20), den VfL Gummersbach (24:22) und die HSG Wetzlar (30:26). Die Mannschaft ließ sich auch durch die Bundestrainer-Debatte nicht aus der Ruhe bringen: Der SC-Coach Christian Prokop bekundete Interesse, die Nachfolge des scheidenden Bundestrainers Dagur Sigurdsson anzutreten – wobei Prokop zuvor offensichtlich ein Treuebekenntnis zu seinem Verein abgegeben hatte. Weil der TVB-Coach Markus Baur der zweite verbliebene Wunsch-Kandidat von DHB-Vizepräsident Bob Hanning ist, bekommt das Spiel am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Porsche-Arena eine interessante Note.

Um nicht vorzeitig den Anschluss an die Nichtabstiegsplätze zu verlieren, braucht der TVB dringend beide Punkte. In der vergangenen Saison hat er die Leipziger in der Porsche-Arena mit 28:26 in die Knie gezwungen. In dieser Spielzeit hatte er im Hinspiel in Leipzig beim 20:25 keine Siegchance und bekam einen Eindruck von der Defensivstärke des Gegners.

Leipziger Neuzugänge haben sich hervorragend eingefügt

Mit Philipp Weber und Philipp Pöter, die sich beide der HSG Wetzlar anschlossen, verlor Leipzig am Ende der Saison zwei zentrale Spieler. Allerdings fing es diese Verluste glänzend auf durch die Verpflichtungen von Nationalspieler Niclas Pieczkowski (TuS Nettelstedt-Lübbecke), Roman Becvar (Empor Rostock), Tobias Rivesjö (HC Erlangen) und Andreas Rojewski (SC Magdeburg). Das Quartett fügte sich hervorragend ein in die gut funktionierende Mannschaft, deren großes Plus Kampfkraft und Willensstärke sind.

Zudem ist der Kader breit und äußerst ausgeglichen besetzt. Mit Milos Putera und Jens Vortmann verfügt der SC über ein sehr gutes Torhüter-Gespann. Am Kreis spielt der Schweizer Nationalspieler Alen Milosevic eine starke Saison, Bastian Roscheck ist der Abwehrchef. Im rechten Rückraum hat Prokop die Wahl zwischen Franz Semper, Christoph Steinert, Andreas Rojewski und Roman Becvar. Zum Vergleich: Beim TVB spielt hier Felix Lobedank momentan den Alleinunterhalter. Im linken Rückraum teilen sich Aivis Jurdzs und Niclas Pieczkowski die Rolle. Sehr gefährlich ist die Flügelzange Lukas Binder (links) und Peter Strosack.

Baumgartens Einsatz ist stark gefährdet

Nachdem Jogi Bitter wieder in den Kader zurückgekehrt ist, droht dem TVB neuerliches Ungemach: Simon Baumgarten verletzte sich in Balingen an den Adduktoren. Sein Einsatz am Montag ist stark gefährdet. Von allen, die auf der Platte stehen werden, erwartet Baur eine Einstellung, die über jeden Zweifel erhaben ist. „Dass jeder alles herauskitzeln muss, ist eine Grundvoraussetzung.“

Quelle: Thomas Wagner, ZVW