Nachbericht zum Derby

Ängstlich und ohne Selbstvertrauen präsentierte sich der TVB 1898 Stuttgart 30 Minuten lang bei der 29:35-Niederlage gegen FA Göppingen – sehr zum Ärger von Markus Baur. Der zweite Spielabschnitt dagegen macht dem Trainer Hoffnung, am Samstag aus Wetzlar etwas mitzunehmen. „Das wird schwer genug“, sagt er. „Es trifft uns gerade geballt.“

Besonders heißblütig und unerschrockenpräsentieren sich die „Wild Boys“ des TVB derzeit nicht gerade – im Gegenteil: Beim 20:27 in Gummersbach und 28:46 gegen die SG Flensburg-Handewitt traten die Bittenfelder über weite Strecken eher wie schüchterne Klosterschüler auf. Den Weckruf der Verantwortlichen schien die Mannschaft nicht gehört zu haben. Jedenfalls knüpfte der TVB gegen Göppingen im zweiten Teil der ersten 30 Minuten an die bisweilen peinliche Vorstellung gegen Flensburg an: Er agierte mutlos, zaghaft, ohne Selbstvertrauen und wieder einmal mit schwachem Zweikampfverhalten.

Das Dilemma begann bereits im ersten Angriff

Für den Trainer begann das Dilemma bereits im ersten Angriff. Simon Baumgarten und Bobby Schagen scheiterten mit einer Doppelchance in bester Position am Göppinger Torhüter Primoz Prost. „So etwas ist natürlich, nachdem die Spieler mit einem flauen Gefühl aus dem Flensburgspiel rausliefen, nicht gerade förderlich.“

Der Kreisläufer und der Rechtsaußen sind gute Beispiele für den aktuellen Zustand der Bittenfelder. Beide zeichnet – normalerweise – eine hohe Trefferquote aus. Davon indes sind sie zurzeit ein gutes Stück entfernt – wie auch einige andere Spieler ihrer Form hinterherhecheln. Der Neuzugang Felix Lobedank blieb bislang, mit Ausnahme des Spiels gegen Lemgo, hinter den Erwartungen zurück. Auch vom Neu-Nationalspieler Dominik Weiß geht aktuell nicht besonders viel Torgefahr aus. Insgesamt zwei Treffer gingen gegen Göppingen auf das Konto der beiden, denen die Verunsicherung deutlich anzumerken ist. Am durchsetzungsstärksten auf den Halbpositionen ist noch Marian Orlowski.

Baur fehlen die Alternativen

Gegen Göppingen wurde wieder überdeutlich, dass Baur angesichts der langen Verletztenliste die Alternativen fehlen, um dem einen oder anderen form- und nervenschwachen Spieler eine Pause zu gönnen. Die zweite Disqualifikation von Michael Schweikardt in Folge passte dabei ins unglückliche Bild. „Wenn alles dermaßen geballt auf uns zukommt, haben wir gegen Teams wie Göppingen keine Chance“, so Baur.

So nahm das Unheil für den TVB im Derby seinen Lauf. „Meine Spieler haben sich durch falsche Entscheidungen selbst runtergezogen. Die Frage ist immer, wie man damit umgeht.“ Wie schon gegen Flensburg, so mangelte es auch am Mittwoch an der notwendigen Körpersprache und der Bereitschaft, sich mit allen Mitteln zu wehren. „Das ist eine Katastrophe, weil die Leute auf der Tribüne das sehen.“

Michael Kraus: Mutig, torgefährlich und dynamisch

Nicht alle Spieler versteckten sich im Derby. So schritt der Ex-Göppinger Michael Kraus mutig voran, war torgefährlich, dynamisch und glänzte mit klugen Anspielen. Im Übereifer misslangen allerdings auch etliche Aktionen. „Mit dem einen oder anderen Pass hat er es übertrieben“, sagt sein Trainer. „Aber mir ist ein Spieler lieber, der sein Herz in die Hand nimmt, als einer, der zu zögerlich rangeht.“

Einigermaßen versöhnlich stimmte den Coach der Auftritt in den zweiten 30 Minuten. „Das war in Ordnung.“ Die gewann der TVB sogar mit 20:18. Kaufen kann er sich davon zwar nichts, doch Baur hofft, dass seine Spieler gesehen haben, was mit der entsprechenden Einstellung möglich ist. „Wir müssen versuchen, in Wetzlar von Anfang an so aufzutreten. Das wird aber schwer genug.“

Die HSG: Der erste Gegner des TVB in der ersten Liga

Die HSG nimmt in der Geschichte des TVB einen besonderen Platz ein: Sie war am 21. August 2015 der erste Gegner der Bittenfelder in der ersten Liga. Viel hat nicht gefehlt, und der TVB hätte bei seiner Premiere einen Sieg gefeiert. In der 55. Minute führte er mit 26:24, sechs Sekunden vor dem Ende erzielte Joao Ferraz den glücklichen 27:26-Siegtreffer für die HSG.

Der portugiesische Nationalspieler fehlt Wetzlar verletzungsbedingt seit etlichen Wochen und wird auch am Samstag gegen den TVB nicht auf dem Feld stehen. Wie auch der Neuzugang Philipp Pöter, in den die HSG große Hoffnungen gesetzt hatte. Wann der Ex-Leipziger Spielmacher wieder zur Verfügung stehen wird, ist völlig ungewiss.

Wetzlar ohne die beiden Europameister Andreas Wolff und Steffen Fäth

Nicht mehr zählen können die Wetzlarer auf die beiden Europameister Andreas Wolff (THW Kiel) und Steffen Fäth (Füchse Berlin), genügend gute Spieler hat Kai Wandschneider dennoch um sich gesammelt. Auf den Trainer kam zur aktuellen Saison einige Arbeit zu, mit acht Abgängen und zehn neuen Spielern war die Fluktuation groß. Entsprechend wechselhaft ist die Runde bisher auch verlaufen. Auf die 22:27-Auftaktniederlage zu Hause gegen die Füchse Berlin ließ die HSG mit dem 27:24-Sieg gegen den THW Kiel gleich eine Überraschung folgen.

Enttäuschend waren die 20:22-Heimpleite gegen den Tabellenletzten Bergischer HC und das Aus im Pokal-Achtelfinale in eigener Halle gegen den SC DHfK Leipzig (25:27). Im jüngsten Punktspiel setzte es eine 26:30-Niederlage beim selben Gegner. Diese Partie mit ständigen Höhen und Tiefen ist ein Spiegelbild der gesamten Saison.

„Mit 14:14 Punkten steht Wetzlar im Soll

„Mit 14:14 Punkten steht Wetzlar im Soll“, sagt Markus Baur. „Die HSG hat einen richtig guten Kader.“ Stützen im Wetzlarer Rückraum sind Philipp Weber, der gemeinsam mit dem Bittenfelder Dominik Weiß im November zum DHB-Lehrgang berufen wurde, sowie Filip Mirkulovski, Vladan Lipovina und der Ex-Nationalspieler Stefan Kneer. Als Ersatz für Ferraz und den ebenfalls langzeitverletzten Linksaußen Maximilian Holst verpflichtete Wetzlar den montenegrinischen Nationalspieler Stefan Cavor und den Dänen Kasper Kvist.

Am Kreis stehen mit Jannik Kohlbacher und dem Schweden Anton Lindskog zwei durchsetzungsstarke Nationalspieler. Im Tor soll der bosnische Internationale Benjamin Buric, gemeinsam mit Nikolai Weber, den Nationalkeeper Andreas Wolff ersetzen.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW