Die Hoffnungsträger funktionieren

Der Blick auf die Tabelle der 1. Handball-Bundesliga zeigt, wie bedeutend der 30:29-Sieg des TVB 1898 Stuttgart gegen den TBV Lemgo war: Weil Balingen punktete, wäre der TVB nach Minuspunkten auf einen Abstiegsrang gerutscht. „Es ist mir egal, wie die anderen spielen“, sagt der TVB-Trainer Markus Baur. „Wir müssen unsere Aufgaben erledigen.“ Wie gegen Lemgo.

Eine gefühlte Ewigkeit war Simon Baumgartens finaler Heber unterwegs, ehe er fünf Sekunden vor der Schlusssirene im hohen Bogen hinter dem polnischen Nationaltorhüter Piotr Wyszomirski ins Tor des TBV Lemgo fiel – zum 30:29-Sieg des TVB 1898 Stuttgart. Die anschließende schnelle Mitte der Lemgoer war im Nirwana geendet. Und während im hintersten Zipfel der Tribüne die verletzten Djibril M’Bengue und Tobias Schimmelbauer kräftig durchpusteten, ließen sich die TVB-Spieler von den 2251 Fans in der ausverkauften Halle feiern. Die Protagonisten der Partie hießen dieses Mal nicht Jogi Bitter, Mimi Kraus oder Bobby Schagen, sondern Dragan Jerkovic, Marian Orlowski und Felix Lobedank.

In knapp vier Wochen feiert Jerkovic seinen 41. Geburtstag, doch schon am Freitag gab’s ein großes Geschenk. Nach der Nachricht über das – voraussichtliche – Hinrunden-Aus für Jogi Bitter rückte der ehemalige kroatische Nationaltorhüter vom Bankdrücker zur Nummer eins auf. Als Back-up stand der gerade halb so alte Linus Mathes parat.

Orlowski gut in Form: 15 Tore in zwei Spielen

Für die Fans war der vierte Ausfall nach Schimmelbauer, M’Bengue und Can Celebi ein Schock. Der TVB-Trainer Markus Baur dagegen ist nach wie vor gelassen. „Ich bin keiner, der groß herumhadert, wenn Spieler ausfallen“, sagt er. „Und in gewissen Spielen ist es im Grunde egal, wer spielt.“

Will heißen: Jeder hat um die Bedeutung der Partie gegen Lemgo gewusst und sich entsprechend vorbereitet. „Den Spielern war klar, dass sie funktionierten mussten“, so Baur. Nicht nur Jerkovic („Er hat genug Erfahrung“), sondern auch Lobedank – als einzig verbliebenem, echtem rechten Rückraumspieler. „Da gab es keine Entschuldigungen mehr.“

Der Neuzugang aus Göppingen überzeugte

Nachdem klar gewesen sei, dass Bitter nicht einsatzfähig sein werde, habe sich Jerkovic im Training gezielt auf Lemgo vorbereitet, so Baur. Und er war sofort im Spiel: Von den ersten sechs Würfen des Gegners parierte er fünf – inklusive eines Siebenmeters. Auch wenn er in den zweiten 30 Minuten nicht mehr ganz so stark hielt, war Jerkovic einer der Sieggaranten.

Ein anderer war Felix Lobedank. Der Neuzugang aus Göppingen überzeugte im rechten Rückraum. Auf der anderen Halbposition rechtfertigte Marian Orlowski das Vertrauen. Nach seinen acht Toren in Leipzig glänzte der 23-Jährige auch am Freitag mit sieben Treffern. Weil Orlowski stark spielte, gab’s für Markus Baur zunächst keinen Anlass, seinen Neu-Nationalspieler Dominik Weiß im Angriff zu bringen. „Es war so besprochen, dass Dominik in der Abwehr Vollgas geben sollte“, so Baur. Zumal es dort ebenfalls zu personellen Engpässen kam. In der letzten Viertelstunde spielte Weiß auch in der Offensive und hatte noch Kraftreserven.

Zwei Punkte trennen das Team von Platz acht

Die schienen bei Orlowski, der im zweiten Spielabschnitt auch in der Defensive zum Einsatz kam, zu schwinden. Und beinahe wäre er in der Schlussphase zum tragischen Helden geworden: Nach dem 29:28 scheiterte er am Lemgoer Keeper, beim 29:29 landete ein Pass im Toraus. Zum Glück für den TVB behielt Michael Kraus beim finalen Angriff den Überblick und sah den freien Baumgarten. Ausgerechnet Kraus, dem in den 60 Minuten vergleichsweise wenig gelungen war. Im entscheidenden Moment indes habe auch er „funktioniert“, so Baur.

Und so reichte es dem TVB trotz 29 Gegentreffern zum hauchdünnen Sieg, der ihn vom 14. auf den zwölften Platz klettern ließ. Nur zwei Punkte trennen das Team von Rang acht – aber auch lediglich drei vom ersten Abstiegsrang. Baur möchte jedoch weder in die eine, noch in die andere Richtung blicken. „Ich weiß, dass viele Leute auf die Tabelle schauen“, sagt er. Die indes interessiere ihn nicht besonders. „Wir müssen unsere Aufgaben erledigen.“

Suche nach Torhüter gestaltet sich schwierig

Die sind happig genug in den kommenden Wochen. Zumal eine personelle Entspannung nicht in Sicht ist. Jogi Bitter wird dieser Tage noch einmal einen Spezialisten aufsuchen. Nicht ausgeschlossen ist eine Operation am Oberschenkel, die zu einer noch längeren Pause als die prognostizierten drei Monate zwingen könnte.

Spätestens dann müssten sich die Verantwortlichen intensiv Gedanken darüber machen, auf der Torhüterposition nachzulegen. Aktuell indes gestalte sich die Suche schwierig, sagt der Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. Das „Anforderungsprofil“ hat es nämlich in sich: Infrage kommt eigentlich nur ein Keeper, der in dieser Saison noch nicht gespielt hat. Ansonsten wäre er nach Ablauf des Drei-Monats-Vertrags beim TVB auf Eis gelegt. Ein Spieler darf während einer Saison nicht bei drei Vereinen aktiv sein. „Davon abgesehen, werden wir sicherlich keinen finden, der Jogis Qualität hat“, sagt Schweikardt.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW