Dominik Weiß im Interview

TVB 1898 Stuttgart. Mit 27 Jahren hat Dominik Weiß im EM-Qualifikationsspiel gegen Portugal sein Debüt in der Handball-Nationalmannschaft gefeiert. „Es war schon cool, ein Teil dieses Teams zu sein“, sagt der Rückraumspieler des Erstligisten TVB 1898 Stuttgart im Interview. Er sei immer noch dabei, seine Eindrücke zu sortieren. „Jetzt habe ich aber wieder große Lust, für den TVB zu spielen.“

ZVW: Herr Weiß, bis vor ein paar Tagen waren Sie einer von vielen Spielern in der DKB-Handball-Bundesliga, nach Ihren ersten beiden Länderspielen am Mittwoch vor einer Woche gegen Portugal und Samstag gegen die Schweiz zählen Sie zum erlauchten Kreis der „Bad Boys“. Haben Sie das alles schon richtig verarbeitet?

Weiß: Auf gar keinen Fall, ich habe noch nicht alles verarbeitet. Ich hab’ so viele Eindrücke gesammelt und so viel erlebt, das realisiert man erst nach und nach. Es war jedenfalls schon cool, ein Teil der Nationalmannschaft zu sein. Ich habe die Jungs ja bisher nur als Gegner gekannt. Und ein Heimspiel mit der Nationalmannschaft ist sowieso immer etwas ganz Besonderes. Die Nationalmannschaft ist sehr beliebt bei den Fans, die stehen hinter dem Team – ganz egal, wie dieser oder jener Spieler heißt. Das war einfach nur unglaublich.

ZVW: Nach Ihrer Berufung für den Nationalmannschaft-Lehrgang übersprangen Sie die nächste Hürde mit der Nominierung in den Kader fürs Portugal-Spiel, Sie bekamen den Vorzug vor Philipp Weber. Ist man da als Neuling demütig und erst einmal froh, überhaupt dabei zu sein, oder ist der Ehrgeiz so groß, auch auf der Platte stehen zu wollen?

Weiß: Man denkt da zunächst einmal Schritt für Schritt. Eigentlich waren meine Chancen, fürs Spiel gegen Portugal nominiert zu werden, nicht optimal. Für Philipp Weber wäre es in Wetzlar ja ein Heimspiel gewesen. Deshalb war ich sehr glücklich, dabei zu sein. Aber natürlich ist man dann auch so ehrgeizig, dass man gerne spielen möchte.

ZVW: Ganz ehrlich: Als Sie auf dem Spielfeld standen und der Nationalhymne lauschten: Ist Ihnen da nicht das Herz in die Hose gerutscht?

Weiß: Ich habe mir im Vorfeld oft vorgestellt, wie es sich anfühlen wird. Wenn es dann jedoch soweit ist und man anfängt, die Hymne zu singen, ist es nicht ganz so einfach, textsicher zu bleiben. Das ist schon eine Ausnahmesituation, in dem Moment denkt man zweimal darüber nach. Ich wollte mir jedenfalls nicht von der Oma zu Hause vorwerfen lassen, ich hätte nicht richtig mitgesungen (lacht).

ZVW: Erwartungsgemäß saßen Sie zunächst auf der Bank. Gab’s im Vorfeld irgendwelche Andeutungen von Dagur Sigurdsson, dass Sie bei entsprechendem Spielverlauf zum Einsatz kommen werden?

Weiß: Nein, die gab es nicht. In der Vorbereitung auf das Spiel werden verschiedene Situationen durchgesprochen. Jeder Spieler kennt seine Aufgabe, sobald er auf dem Platz steht. Wenn dann der Bundestrainer an der Bank vorbeiläuft und auf einen zeigt, dann bedeutet dies, dass man die Trainingsjacke ausziehen und sich bereitmachen muss.

ZVW: Beschreiben Sie doch bitte mal den Moment, als Ihnen der Trainer das Zeichen zum Fertigmachen gab.

Weiß: Ich war im ersten Moment ein bisschen hin- und hergerissen. Auf der einen Seite will man sich ja nicht aufdrängen. Auf der anderen Seite möchte man natürlich wissen, wie es ist, auf dem Spielfeld zu stehen. Am Ende sagt man sich, jawoll, jetzt geht’s los. Und man weiß, jetzt gibt es keine Ausflüchte mehr. Keine Frage: In diesem Moment sind die Nerven angespannt, schließlich schauen eine ganze Menge Leute auf einen.

ZVW: Im zweiten Angriff der Portugiesen kassierten Sie gleich eine Zeitstrafe. Für den einen oder anderen Beobachter war’s ein unglücklicher Start. Mit ein bisschen Humor könnte man auch sagen, der Debütant hat sich gleich medienwirksam in Szene gesetzt. Haben Sie befürchtet, dass Sie der Trainer gleich wieder auf der Bank schmoren lassen wird?

Weiß: Es war natürlich nicht meine Absicht, mir gleich eine Zeitstrafe abzuholen. Ich denke aber, solche Aktionen, für die ich bestraft wurde, gibt es in der Bundesliga zehnmal im Spiel und sie werden nicht geahndet. Das zeigt, dass international ein bisschen anders gepfiffen wird, die Schiedsrichter kommen ja aus allen möglichen Ländern. Man muss sich erst einmal darauf einstellen, was erlaubt ist und was nicht. Kurz habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht, ob mich der Bundestrainer nach Auslauf der Zeitstrafe wieder bringen wird. Ich habe aber gehofft, dass die Strafe keinen Einfluss auf seine Entscheidung haben wird. Und zum Glück war’s auch so.

ZVW: Sie hatten bei Ihrem viertelstündigen Auftritt auch sehr gute Szenen, bereiteten zwei Treffer von Matthias Musche vor, erzielten selbst ein Tor und holten ein Stürmerfoul gegen Sie heraus. Wächst da mit jeder gelungenen Aktion das Selbstvertrauen?

Weiß: Es geht alles so schnell, da reflektiert man nicht jede einzelne Aktion. Nachdem ich den Ball in der Abwehr gewonnen und auf Matthias Musche gepasst hatte, habe ich natürlich gehofft, dass er ihn reinmacht. Andererseits hatte ich darauf je keinen Einfluss. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass ich mehr Energie brauchte als in einem normalen Spiel. Man will ja unbedingt alles richtig machen. Klar ist auch, dass mit jeder gelungenen Aktion die Nervenanspannung geringer wird und man Sicherheit in seinen Aktionen bekommt.

ZVW: Sie spielten zunächst mit Jannik Kohlbacher zusammen im Mittelblock – zum ersten Mal natürlich. Wie schwierig ist da die Abstimmung?

Weiß: Es ist immer schwierig, in einem ganz neuen Team zu spielen, mit dem man erst zwei Tage trainiert hat. Da kann es noch keine Automatismen geben, man muss sich an das System gewöhnen. Nicht nur an den Nebenmann im Mittelblock. Von Vorteil für mich war sicherlich, dass ich in einer Phase in die Partie kam, in der die Portugiesen nicht mehr ganz so intensiv spielten.

ZVW: Gegen Ende der Partie dürften Sie es ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft haben: Der Mittelblock mit Ihnen und Finn Lemke bringt es gefühlt auf viereinhalb Meter Körpergröße. Hat sich der Torhüter Andy Wolff nicht beschwert, dass es plötzlich dunkel geworden ist vor ihm?

Weiß: (Lacht) Nein, das war bei den Block-Übungen im Training schon cool. Für den Torhüter ist das keine schlechte Situation, wenn man es gut macht. Für mich war das aber eine ganz neue Erfahrung, einmal der Kleinere zu sein. Simon Baumgarten hat im Vorfeld schon gewitzelt, dass wir einen neuen Größen-Weltrekord im Mittelblock aufstellen werden.

ZVW: Mit 2,10 Metern ist Finn Lemke doch nur einen Zentimeter größer als Sie. Da fühlen Sie sich schon als der Kleine?

Weiß: Ich glaube, der Finn weiß gar nicht, wie groß er tatsächlich ist (lacht). Für mich fühlt er sich an wie 2,15 Meter.

ZVW: Unterm Strich feierten Sie gegen Portugal ein gelungenes Debüt. Wie groß waren Ihre Hoffnungen, auch im zweiten Spiel in der Schweiz dabei zu sein?

Weiß: Ich schätzte meine Chancen auf etwa 50 Prozent ein. Ich hätte mir schon vorstellen können, dass der Bundestrainer auch Philipp Weber gerne sehen wollte. Schließlich ist ein Training immer etwas anderes als ein Spiel. Nachdem klar war, dass Hendrik Pekeler nicht fit werden würde und ich wieder den Vorzug vor Weber bekomme, habe ich mich natürlich sehr gefreut.

ZVW: Es war ein enges Spiel mit einem glücklichen Ausgang für die deutsche Mannschaft. Wie haben Sie die Partie erlebt?

Weiß: Wir haben von Anfang an gemerkt, dass die Schweizer extrem gallig sind. Bei uns sind ein paar Dinge etwas unglücklich gelaufen, die Chancenverwertung war nicht so gut und wir waren nicht so konsequent in der Defensive. Plötzlich waren die 10 000 Fans da, das war schon beeindruckend. Und die Schweiz hat keine schlechte Mannschaft.

ZVW: Obwohl es knapp war, kamen Sie zu einem Kurzeinsatz in der Abwehr. Hatten Sie damit gerechnet? Immerhin war’s ja ein EM-Qualifikationsspiel und damit eine bedeutsame Partie.

Weiß: Ehrlich gesagt, bin ich davon ausgegangen, dass der Bundestrainer bei so einem engen Spielstand auf die Stammmannschaft und die erfahrenen Spieler setzt. So wird das im Verein in der Regel ja auch gehandhabt. Als es in der Abwehr nicht so gut lief, bin ich für fünf, sechs Angriffe reingekommen. Nachdem wir da auch nicht so richtig Zugriff bekamen, wurde wieder zurückgewechselt. Ich denke, es war auch eine taktische Maßnahme, um Patrick Wienczek im Mittelblock eine Pause zu gönnen und ihn auf die letzten zehn Minuten einzustimmen.

ZVW: Gab’s zum Abschluss des Lehrgangs so etwas wie ein Zeugnis vom Trainer oder geht jeder seines Weges?

Weiß: Ein Zeugnis in dem Sinne gab es nicht. Der Bundestrainer sagte uns aber, dass er sehr zufrieden war, wie fokussiert wir gewesen seien und wie professionell wir gearbeitet hätten. Nun sollten wir in unseren Vereinen wieder Gas geben, damit jeder einzelne und die Nationalmannschaft bestens vorbereitet zum Turnier fahren.

ZVW: Nach einem Bundesligaspiel ist Ihr Vater Ihr erster Gesprächspartner. War er bei Ihrem Nationalmannschaft-Debüt vor Ort?

Weiß: In Zürich ja, für Wetzlar hat es ihm nicht gereicht. Sehr gefreut habe ich mich, dass meine Freundin in Wetzlar vor Ort war. Es ist einfach schön, wenn beim Debüt jemand von der Familie dabei ist. Nach dem Portugal-Spiel habe ich mit meinem Vater telefoniert, aber viel zu sagen gab es da gar nicht. Es ging mehr um die Gefühle und weniger um die handballerischen Inhalte. Sicherlich war mein Vater am Tag des Spiels etwas angespannt und hat mitgefiebert.

ZVW: Zu welcher Kategorie zählt Ihr Vater: Ist er eher kritisch eingestellt oder hat er die rosarote Vater-Brille auf?

Weiß: Er ist schon eher kritisch, er sagt mir, was ich besser machen kann. Aber im Lauf der Jahre hat das nachgelassen, es geht jetzt eher um Kleinigkeiten. Grundsätzlich brauche ich ein Feedback, mit dem ich etwas anfangen kann. Das ist bei meinem Vater so. Ich habe aber auch andere Leute, deren Meinung ich sehr schätze. Es bringt mir nichts, wenn ich über den grünen Klee gelobt oder nur kritisiert werde.

ZVW: Am Freitag geht’s im TVB-Trikot und damit im Liga-Alltag weiter – und zwar mit dem sehr bedeutsamen Spiel gegen den Abstiegskonkurrenten TBV Lemgo. Sind Sie schon im Liga-Modus angekommen und bereit für die Partie?

Weiß: Die Woche bei der Nationalmannschaft hat meine Motivation erhöht, sie hat mir auf jeden Fall einen Schub gegeben. Jetzt habe ich wieder große Lust, für meinen Heimatverein zu spielen, hier stehe ich noch mehr in der Verantwortung. Mit einem Sieg gegen Lemgo möchten wir uns für das belohnen, wofür wir die ganze Woche über hart gearbeitet haben.

Zitat

„Ich glaube, das war ein gutes Debüt. Es war vielleicht nicht so leicht für ihn, sofort mit Kohlbacher zusammen im Mittelblock zu spielen, sie haben noch nie zusammen gespielt. Aber ich glaube, er hat sein erstes Spiel sicherlich genossen. Jetzt ist er ein wenig näher dran.“ Dagur Sigurdsson, Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft, gegenüber Handballworld zum Debüt von Dominik Weiß.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW