Lieber Punkte als Komplimente

Lob nimmt Markus Baur, Trainer des Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart, gerne entgegen – allerdings vorzugsweise nach Siegen. So wurmte ihn die 25:28-Niederlage am Mittwoch in Berlin nach guter Leistung auch noch am Tag danach. Am Samstag beim Aufsteiger HSC Coburg sollte der TVB wieder etwas Zählbares mit nach Hause bringen.

Der eine oder andere Berliner hatte die Partie gegen den TVB womöglich als Vorbereitung auf die schweren Spiele in Hannover und gegen Kiel betrachtet. Am Ende musste der Vereinsweltmeister jedoch froh sein, mit 28:25 die Punkte im Fuchsbau behalten zu haben. Die Bittenfelder hatten sich äußerst widerborstig präsentiert. So schnaufte auch der Geschäftsführer des neuen Tabellenführers nach dem Spiel kräftig durch. „Stuttgart hat sich sehr gut entwickelt und war ein hochkarätigerer Gegner als zuletzt Balingen“, sagte Bob Hanning. „Letztlich war’s unsere Routine, die das Spiel in unsere Richtung hat biegen lassen.“

Wenn die Erfahrung der einzige Punkt war, in dem sich Berlin und Stuttgart unterschieden, dann dürfte Markus Baur am Donnerstagmorgen zufrieden in den Flieger gestiegen sein. Ist er aber nicht. „Wenn ich am Ende der Saison höre, dass wir in allen Spielen gut mitgehalten haben und abgestiegen sind, bringt das nichts“, sagte er. Sicherlich sei sein Team den Berlinern ein gleichwertiger Gegner gewesen. „Aber um dort zu gewinnen, musst du fünf Tore besser sein.“ Am Ende hätten Kleinigkeiten den Ausschlag gegeben „gegen ein Team mit 14 Nationalspielern“.

Einer von ihnen ebnete den Füchsen den Weg zum fünften Sieg im fünften Spiel: Dago Vukovic. Ausgerechnet. Denn auf dessen Qualität, in brenzligen Situationen die Verantwortung zu übernehmen, hatte Baur im Vorfeld explizit hingewiesen.

Coburg sorgte am ersten Spieltag in Melsungen für einen Coup

Bei allem Frust über die verpasste Chance: Es gab auch Punkte, die Baur zufriedenstellten. So kämpfte sich der TVB nach mehreren Rückständen heran und ging sogar mit zwei Toren in Führung. Auch die Taktik, den siebten Feldspieler einzusetzen, funktionierte sehr gut. „Das haben wir über weite Strecken diszipliniert gespielt“, sagt Baur.

Disziplin wird auch am Samstag vonnöten sein. Der Aufsteiger HSC Coburg wartet zwar seit vier Spielen auf einen Punktgewinn. Doch Baur warnt: „Für die Coburger ist das ein ähnliches Spiel wie unseres gegen den Bergischen HC. Sie werden alles reinhauen.“

Hinter dem Meister HC Erlangen und GWD Minden kletterte der HSC Coburg als dritter Aufsteiger in die erste Liga. Die Experten trauten dem Team von Trainer Jan Gorr vor der Saison den Ligaverbleib nicht wirklich zu – und schienen bereits am ersten Spieltag eines Besseren belehrt zu werden. Die Franken schockten den Vorjahresvierten MT Melsungen mit dem 25:20-Sieg – und das auch noch in der Fremde.

Danach indes setzte es vier Niederlagen: Keine Chance hatte der HSC beim 19:31 gegen den Meister Rhein-Neckar Löwen, wieder deutlich besser präsentierte sich der Neuling beim 27:31 in Gummersbach und 31:33 gegen den SC DHfK Leipzig. Die 22:32-Schlappe zuletzt beim TBV Lemgo darf nicht als Maßstab dienen, da mit Tom Wetzel, Nico Büdel und Ralf Barsties gleich drei wichtige Rückraumspieler fehlten. Die Verantwortlichen hoffen nun, dass das angeschlagene Trio bis Samstag wieder einsatzfähig sein wird. Ganz sicher fehlen wird der Kreisläufer Markus Hagelin. Der Schwede verletzte sich in Lemgo am Knie und muss voraussichtlich drei Wochen pausieren.

Bewegung in Coburg

Wie in der Saison davor, so gab’s auch nach dem Aufstieg einige Bewegung im Kader der Coburger. Der Rückraum-Shooter Matthias Gerlich schloss sich dem ThSV Eisenach an, auch Sebastian Kirchner, Tomas Riha und Jiri Vitek sind nicht mehr dabei. Neu im Kader stehen für den Rückraum die beiden Friesenheimer Nico Büdel und Stefan Lex sowie Tom Wetzel (TuS Nettelstedt-Lübbecke) und für den Kreis Sebastian Weber (HSG Wetzlar).

Top-Stars sind im Kader des HSC Coburg nicht zu finden. Bewusst, wie die Verantwortlichen immer wieder betonen. Mit Teamgeist und mannschaftlicher Geschlossenheit soll das große Ziel, der Ligaverblieb, realisiert werden. Und mit dem begeisterungsfähigen und treuen Publikum im Rücken. Bereits zu gemeinsamen Regionalligazeiten war die Bittenfelder Gemeindehalle gut gefüllt mit Coburger Fans in Schwarz-Gelb, in der ersten Liga peilt der Aufsteiger einen Schnitt von rund 3000 Fans an.

Wie mit einem relativ kleinen Etat Großes geleistet werden kann, zeigte der Coburger Trainer in der Saison 2011/2012: Jan Gorr schaffte mit dem TV Hüttenberg den Aufstieg in die erste Liga, allerdings stieg der TVH umgehend wieder ab. Am meisten Erfahrung im Team bringen die international erprobten Adnan Harmandic (Bosnien-Herzegowina), Romas Kirveliavicius (Österreich) und Girts Lilienfelds (Lettland) mit. Keine Länderspiele auf dem Buckel, aber etliche Bundesligaspiele absolviert haben der 35-jährige Torhüter Jan Kulhanek (ehemals Bietigheim), Till Riehn (Ex-Leipzig) und der Rechtsaußen Florian Billek. Die Coburger verlängerten kürzlich den Vertrag mit dem Ex-Balinger bis 2021. Billek und sein Pendant auf Linksaußen, Steffen Coßbau, bildeten eine gefährliche Flügelzange, sagt Baur. Die beiden brillierten auch im gefährlichen Gegenstoßspiel des HSC. Mit 2:8 Punkten stecken die Coburger zwar schon mitten im Abstiegskampf, besonders nervös indes scheint bei den Franken – noch – niemand zu sein. Bei einem Sieg gegen den TVB wäre wieder alles im grünen Bereich.

Der TVB wird aller Voraussicht mit unverändertem Kader nach Coburg anreisen. Felix Lobebank macht nach seinem Daumenbruch zwar Fortschritte, Baur glaubt jedoch nicht an einen Einsatz. Ein Risiko jedenfalls werde der TVB nicht eingehen.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW