Den Blick schärfen für die nächste Aufgabe

Wenn der deutsche Rekordmeister THW Kiel froh ist, die „Wild Boys“ des TVB 1898 Stuttgart mühevoll gebändigt zu haben, dann darf sich der Außenseiter auf die Schultern klopfen. Allerdings nur sanft, findet der TVB-Trainer. „Wir haben zwar gesehen, was möglich ist, wenn die Spieler ihren Job gut machen“, sagt Markus Baur. „Aber wir haben noch genug zu diskutieren.“

Sicher: Das mit Weltklasse-Spielern gespickte Team des THW Kiel hatte vor dem ersten Punktspiel erst eine Woche gemeinsam trainiert, weil die Nationalspieler mit ihren Auswahlmannschaften auf der halben Welt unterwegs waren. Für den TVB indes, da waren sich die meisten Experten einig, müsste es auch unter erschwerten Bedingungen locker reichen. Zumal die Vorbereitung beim Vorjahresaufsteiger auch nicht gerade Anlass gab zu besonders euphorischen Prognosen und mit Dragan Jerkovic, Djibril M’Bengue und Felix Lobedank drei Spieler nicht zur Verfügung standen. Dominik Weiß und Marian Orlowski gingen angeschlagen ins Spiel, ein dickes Fragezeichen stand zudem hinter dem Einsatz des neuen Hoffnungsträgers Michael Kraus.

Kreisspiel und rechter Rückraum verbesserungswürdig

Dass die Bittenfelder die Kieler Zebras über weite Strecken der Partie ziemlich aufscheuchten, überraschte den neuen TVB-Trainer allerdings nicht allzu sehr. „Wir haben gewusst, dass wir Kiel ärgern können, wenn die Spieler gewisse Aufgaben erfüllen“, sagt Markus Baur. Allen voran die Art und Weise, wie seine Mannschaft die Defensivarbeit verrichtete, gefiel ihm. Geschickt provozierte der TVB Fehler der Kieler und verwandelte die daraus resultierenden Konter zunächst eiskalt. Der THW hatte große Probleme, in der Kette um Simon Baumgarten, Vio Fotache, Dominik Weiß und Tobias Schimmelbauer Lücken zu finden. Und hinter dieser Mauer stand der gute Johannes Bitter.

Dass die Bittenfelder eine gesunde Härte an den Tag legen mussten, war ebenfalls klar. Nach dem Geschmack der Schiedsrichter Christoph Immel und Ronald Klein ging der TVB in der einen oder anderen Situation ein bisschen zu beherzt zu Werke. Sechsmal schickten sie TVB-Spieler auf die Strafbank, nur zweimal die auch nicht gerade zimperlichen Kieler. „Vier Strafen gegen uns wären auch okay gewesen“, sagt Baur. Die insgesamt zwölfminütige Unterzahl war möglicherweise ein Mosaiksteinchen, weshalb es doch nicht zu einer Überraschung reichte. „Auch das Kreisspiel hat nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt hatte“, sagt Baur. Simon Baumgarten und Teo Coric blieben ohne Torerfolg und kamen dabei so gut wie gar nicht zum Abschluss. Bei den Zuspielen des ansonsten sehr starken Michael Schweikardt war meist eine Kieler Hand dazwischen. Auch der zweite Spielmacher hatte kein Glück: Michael Kraus fehlten nach seiner verletzungsbedingten Trainingspause die Spielpraxis und die Sicherheit. „Er sollte in beiden Spielhälften Michael Schweikardt ein bisschen entlasten“, sagt Baur.

Niederlage, angesichts der Leistung, zu hoch ausgefallen

Eine Idee hatte der Coach nach der Halbzeit, um das Angriffsspiel zu beleben: Dominik Weiß rückte vom linken in den rechten Rückraum – für einen Rechtshänder keine ganz einfache Aufgabe. „Ich wollte für mehr Torgefahr von dieser Position sorgen, so richtig geklappt hat das allerdings nicht.“ Finn Kretschmer mühte sich zwar, den Ball schnell zu machen, gegen die Hünen in der Kieler Deckung fehlten dem gelernten Rechtsaußen jedoch schlichtweg die körperlichen Voraussetzungen.

Kuriose Szenen zum Haare-Raufen gab’s am Sonntag übrigens auch: Weder der Torhüter Bitter noch Fotache schafften es, beim 17:20-Rückstand den Ball vom eigenen Kreis aus ins leere Kieler Tor zu befördern. „In dieser Phase hätten wir noch einmal zurückkommen können“, sagt Baur. 24 Tore hätte sein Team im Erfolgsfall sicher gehabt, und die Kieler hätten womöglich keine 27 erzielt. Vom Trainer indes gab’s keine Vorwürfe, und extra Trainingseinheiten würden auch nicht angesetzt.

So fiel die Niederlage beim 22:27 für Baur etwas zu hoch aus „angesichts der Leistung, die das Team abgerufen hat“. Fürs Selbstbewusstsein indes sei der überzeugende Auftritt allemal gut – wobei Selbstzufriedenheit fehl am Platz sei. „Wir haben noch genug zu diskutieren, manche Dinge sind nicht so gut gelaufen.“

Neun Tage haben die Bittenfelder nun Zeit, an den Defiziten zu arbeiten: Nach dem spielfreien Wochenende gastiert am Mittwoch, 14. September (20.15 Uhr), der Bergische HC in der Scharrena.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW