Melsungen zu Gast in der SCHARRena

Durch die 26:35-Niederlage in Göppingen ist der Handball-Erstligist TVB 1898 Stuttgart auf den 15. Tabellenplatz zurückgerutscht. Vier Spiele vor Saisonende hat der Aufsteiger vier Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz. Um ganz sicher zu gehen, sollten noch zwei Punkte her. Die nächste Gelegenheit besteht am Sonntag gegen den Tabellenvierten MT Melsungen.

Wer bei einem Anwärter auf die internationalen Plätze 20 Minuten in Führung und zur Halbzeit lediglich mit 16:17 im Hintertreffen liegt, der sollte sich nach einer Niederlage mit neun Toren eigentlich maßlos ärgern. Die Mienen der Verantwortlichen und Spieler hellten sich allerdings recht schnell wieder auf, nachdem das Ergebnis aus Lübbecke bekannt geworden war: Der TuS unterlag gegen den Bergischen HC mit 26:27.

Damit zogen die Löwen zwar in der Tabelle am TVB vorbei. Viel wichtiger indes aus Sicht der Bittenfelder war, dass der Vorletzte nicht punktete. Somit hat der Aufsteiger vier Spiele vor Saisonende weiterhin sechs Punkte Vorsprung auf Lübbecke und vier Zähler – plus die deutlich bessere Tordifferenz – auf Eisenach. Angesichts des Restprogramms (siehe Aufstellung links) dürfte unter normalen Umständen nichts mehr anbrennen für den TVB.

Eine minimale Unsicherheit indes ist noch zu spüren. Michael Schweikardt, der in Göppingen wie schon gegen Balingen zumindest eine Zeit lang der effektivste Rückraumspieler des TVB war, wirkte direkt nach dem Derby alles andere als begeistert. „Seit drei, vier Partien spielen wir eine gute erste Halbzeit“, sagte der Spielmacher. „Im zweiten Spielabschnitt bekommen wir es aber nicht gebacken, eine ähnliche Leistung abzurufen.“

Melsungen ist das körperlich robusteste Team der Liga

Am Tag danach war Thomas König noch mit der Aufbereitung der Niederlage beschäftigt. Die Art und Weise, wie sein Team das Spiel in Göppingen binnen kurzer Zeit aus der Hand gegeben habe, sei für einen Trainer „schon frustrierend“. Gleich mehreren Akteuren seien haarsträubende Fehler unterlaufen. „Und es war keiner da, der das Spiel beruhigt hat.“

Nur ein schwacher Trost war’s für König, dass sich der Angriff über weite Strecken besser als zuletzt präsentierte und der Kreis öfter einbezogen wurde. Die Defensive indes, in den jüngsten Spielen das Prunkstück des TVB, schwächelte plötzlich. Im zweiten Spielabschnitt ließ auch die Offensive zu wünschen übrig. Vor allem die Halbpositionen strahlten zu wenig Torgefahr aus. „Es fehlt der Spielrhythmus“, sagt König. Bei Dominik Weiß und Djibril M’Bengue flutscht es derzeit überhaupt nicht. Zusammen 14 Fehlwürfe und sechs technische Fehler weist die Statistik des Spiels in Göppingen aus. Nur drei Tage bleiben dem TVB Zeit, an den Defiziten zu arbeiten. Der Gegner am Sonntag dürfte noch einen Tick stärker sein als FA Göppingen. Mit der MT Melsungen gastiert das nach den Rhein-Neckar Löwen, dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt viertbeste Team der Liga in der Scharrena. Die Chancen der Melsunger, die Saison mit dem vierten Platz und damit der Europapokal-Qualifikation abzuschließen, sind sehr gut – trotz der 25:32-Heimniederlage am Mittwoch gegen die Flensburger. Weil der Konkurrent Füchse Berlin mit 22:25 in Hannover verlor, hat Melsungen ein Vier-Punkte-Polster auf den fünften Platz und könnte mit einem Erfolg in der Scharrena einen gewaltigen Schritt in Richtung Europa machen.

Nach Rang sechs im Vorjahr hatte das Team von Trainer Michael Roth vor der Spielzeit dieses Ziel ausgegeben – und es erwischte mit 10:0 Punkten einen überragenden Start. Nur sieben Spiele verloren die Melsunger und schnappten sich unter anderem in Flensburg (33:32) und gegen die Rhein-Neckar Löwen (25:23) die Punkte. Der Tabellenvierte leistete sich aber auch den einen oder anderen Ausrutscher wie bei der 25:28-Heimniederlage gegen Hannover oder dem 28:28 gegen Magdeburg. Mühe hatte der Bittenfelder Gegner kürzlich beim 29:28 gegen Balingen-Weilstetten.

Im Hinspiel, dem ersten in der Fremde, hielt der TVB überraschend gut mit. Nach dem 12:16-Pausenrückstand kämpfte er sich heran, glich zum 20:20 aus und ging zwölf Minuten vor dem Ende mit 24:23 in Führung. Dann nützte Melsungen die vielen leichten Fehler des TVB in der Schlussphase und drehte die Partie mit einem 5:0-Lauf zur 28:24-Führung und siegte letztlich sicher mit 30:26.

Mit dem Rechtsaußen Johannes Sellin hat Melsungen einen aktuellen Europameister in seinen Reihen. Nationalmannschafts-Erfahrung bringen die Zwillinge Philipp und Michael Müller, Timm Schneider und Felix Danner mit. International im Einsatz war oder sind die Torhüter Johan Sjöstrand (Schweden) und René Villadsen (Dänemark), der Ex-Göppinger Momir Rnic und Nenad Vuckovic (Serbien), Patrik Fahlgren (Schweden), Marino Maric (Kroatien) und Jeffrey Boomhouwer (Niederlande).

„Melsungen ist die körperlich robusteste Mannschaft der Liga“, sagt König. Folglich sei die Defensive schwer zu überwinden, der Angriff spiele sehr variabel. „Wir brauchen keinen Hehl daraus machen, dass es sehr schwierig ist, gegen Melsungen etwas zu holen.“ Besonders tragisch wäre dies für den TVB nicht – vorausgesetzt, die Liga bleibt ihrem Trend in den verbleibenden vier Spieltagen treu: Die Teams aus den unteren Tabellenregionen hatten gegen die Top-Teams bisher nichts zu bestellen. Das bedeutete, Eisenach und Lübbecke blieben auf ihren zehn und acht Punkten mehr oder weniger sitzen.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW