TVB bringt Vorsprung wieder nicht über die Zeit

Der Handball-Erstligist TVB 1898 Stuttgart hat sich gestern im Abstiegskampf gegen den HBW Balingen-Weilstetten mit einem 22:22-Unentschieden (10:7) zufriedengeben müssen. Zwei Minuten vor dem Ende hatte der TVB in der mit 6211 Fans ausverkauften Porsche-Arena beim 22:20-Vorsprung wie der Sieger ausgesehen. Am Ende reichten die überragenden Jogi Bitter und Michael Spatz nicht.
Tobias Schimmelbauer war so etwas wie der tragische Held gestern Abend. Zweieinhalb Minuten vor dem Ende versenkte er aus schier unmöglichem Winkel den Ball zur 22:20-Führung für den TVB im Kasten der Balinger. Sekunden später schloss der Linksaußen einen Konter zu lässig ab und scheiterte am Gästekeeper Peter Johannesson. Es wäre die Entscheidung gewesen in einem emotionalen und in der Schlussphase spannenden Derby, dem die schwachen Schiedsrichter Robert Schulze und Tobias Tönnies zu keiner Zeit gewachsen waren.
Der Ex-Nationalkreisläufer Christoph Theuerkauf brachte die Balinger eineinhalb Minuten vor dem Ende auf 21:22 heran. Nach der umstrittenen dritten Zeitstrafe für Michael Schweikardt nutzte Fabian Böhm die Überzahl zum 22:22-Aufgleich. Während die Balinger den Punkt mit ihren Fans wie einen Sieg feierten, trotteten die Bittenfelder enttäuscht vom Spielfeld. Ein Sieg wäre eine kleine Vorentscheidung im Abstiegskampf gewesen.
Leichte Fehler der Balinger in der Anfangsphase.
Der TVB startete konzentriert ins Derby, ließ den Balinger Rückraum kaum in aussichtsreiche Wurfpositionen kommen. Die Gäste leisteten sich zudem in der Anfangsphase eine ganze Reihe leichter Fehler, Djibril M’Bengue traf mit seinem zweiten Tor nach sieben Minuten zur 4:1-Führung des TVB. Nach dem 5:2 durch Michael Spatz legte der Balinger Trainer Frank Bergemann nach zehn Minuten die Grüne Karte auf den Tisch.
Die Bittenfelder blieben jedoch, angefeuert vom tollen Publikum, weiterhin Chef im Ring. Die Defensive stand kompakt, und dahinter lief Jogi Bitter zur Galaform auf: Der TVB-Keeper parierte nicht nur drei Strafwürfe spektakulär, sondern raubte den Gästen auch aus dem Spiel heraus den Nerv mit etlichen

gehaltenen freien Bällen. Mit 8:4 führte der Aufsteiger (18.) nach einer bis dahin überzeugenden Partie.
Probleme hatte der TVB allerdings mit zunehmender Spielzeit im Positionsangriff. Der Rückraum erwischte einen rabenschwarzen Tag: Dominik Weiß, Lars Friedrich, Kasper Kisum und Djibril M’Bengue blieben durchweg blass. Magere drei Tore des Quartetts sind der Beweis dafür. Michael Schweikardt setzte noch die meisten Akzente – auch wenn beim Spielmacher längst nicht alles perfekt funktionierte.
Erschwerend hinzu kam die fragwürdige Regelauslegung der Schiedsrichter. Gleich neunmal schickten Schulze/Tönnies TVB-Spieler für zwei Minuten auf die Strafbank, teilweise wegen harmloser Vergehen. Die Balinger dagegen kamen mit vier Zeitstrafen davon.
Mit zwei Spielern in Unterzahl büßte der TVB zwischen der 18. und 25. Minute seine recht komfortable Führung ein, Yves Kunkel brachte die Gäste beim 8:7 wieder ins Spiel. Mit einem Doppelschlag sorgte Schweikardt für die verdiente 10:7-Halbzeitführung des TVB.
Michael Spatz ohne Nerven vom Siebenmeterstrich
Fokussiert kamen die Bittenfelder aus der Kabine zurück. Nach Spatz’ siebten Streich, der Rechtsaußen verwandelte sämtliche fünf Strafwürfe sicher, und Schweikardts verdecktem Hüftwurf stand beim 13:8 (34.) erstmals die Fünf-Tore-Führung (34.). Den Balingern fiel weiterhin wenig ein im Positionsangriff, auch der eingewechselte Olivier Nyokas kam nicht zum Abschluss. Nach der achten Zeitstrafe gegen den TVB (45.) jedoch kamen die Gäste beim 15:12 zurück: Nyokas, der in der Defensive auf der vorgezogenen Position den Spielfluss der Bittenfelder störte, nutzte zwei Fehlabspiele des Heimteams zu Kontern. Balingen glich mit einem 7:2-Lauf zum 16:16 aus (48.).
Fortan entwickelte sich ein ausgeglichenes und spannendes Derby. Der TVB agierte, wie in den Spielen zuvor, nun viel zu zögerlich im Angriff. Fabian Böhm, der in der ersten Halbzeit beim HBW nicht in Erscheinung getreten war, warf sich langsam warm und traf zum 18:18-Ausgleich (52.). Die Bittenfelder kämpften weiter, Bitter hielt sein hohes Niveau. Nachdem Schweikardt zum 20:18 (55.) und Finn Kretschmer zum 21:19 (56.) getroffen hatten, war der TVB auf bestem Weg zu den so wichtigen zwei Punkten.
Theuerkauf schockt den TVB mit einem Doppelschlag
Doch Theuerkauf nagelte den Ball nach toller Vorarbeit von Europameister Martin Strobel zum 21:20 unter die Latte, dann überlistete Schimmelbauer den HBW-Torhüter Johannesson zum 22:20. Zum Sieg allerdings reichte dieser Treffer nicht – obwohl Bitter mit einer famoser Rettungsaktion seinem Team die Vorlage dafür bot. Für einen kurzen Moment indes verlor die Bittenfelder Defensive die Orientierung. Theuerkauf schnappte sich den Abpraller gedankenschnell und knallte den Ball zum 22:21 unter die Latte, Böhm sorgte schließlich für den glücklichen Ausgleich der Balinger.
Mit dem Remis vergrößerte der TVB seinen Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang zwar auf vier Punkte. Ob die 14 Zähler indes zum Ligaverbleib reichen werden, ist längst nicht sicher.
Am Mittwoch wartet auf den Aufsteiger eine noch schwierigere Aufgabe: Beim nächsten Derby in Göppingen ist er klarer Außenseiter.
TVB 1898 Stuttgart: Bitter, Jerkovic; Schimmelbauer (2), Schöbinger (1), Weiß (1), Schweikardt (5), Friedrich, Kisum, M’Bengue (2), Coric, Baumgarten (1), Fotache, Kretschmer (1), Spatz (9/5).
HBW Balingen-Weilstetten: Johannesson, Baumeister; Böhm (6), Nyokas (2), Hausmann, Foth, Wilke (2/1), Theuerkauf (3), Strobel (5), Kunkel (2/1), Krieg (2), Frietsch, Dominikovic, Wiederstein.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW