WILD BOYS empfangen die Gallier aus Balingen

Im sechstletzten Saisonspiel stehen die Chancen für den Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart am besten, die möglicherweise entscheidenden beiden Punkte im Kampf gegen den Abstieg zu holen. Allerdings präsentiert sich der HBW Balingen-Weilstetten ausgerechnet vor dem Derby am Sonntag in der ausverkauften Porsche-Arena in sehr guter Form.

Nicht gerade von Fortuna geküsst worden sind die Bittenfelder zuletzt. Die 21:23-Niederlage gegen den TSV Hannover-Burgdorf und die 22:23-Pleite beim Vorletzten TuS Nettelstedt-Lübbecke trafen den Aufsteiger ins Mark. Die kühnsten Optimisten glauben zwar nach wie vor, dass die 13 Punkte, die der TVB gesammelt hat, am Ende für den Ligaverbleib reichen werden. Es könnte allerdings eher ein Wunschdenken sein: Nettelstedt-Lübbecke hat noch ein Spiel mehr als die Konkurrenz – und die fehlenden sechs Punkte sind gegen Gegner wie den Bergischen HC und die Füchse Berlin (beide zu Hause) sowie beim TBV Lemgo durchaus drin.

Da nützt es dem TVB auch wenig, dass die Eisenacher wohl nicht mehr viel erben werden in den Partien gegen die Top-Teams FA Göppingen, SG Flensburg-Handewitt, THW Kiel und MT Melsungen. Mit einem Sieg gegen Balingen würden die Bittenfelder selbst den größten Schritt in Richtung Ligaverbleib machen – auch wenn sie sich in den verbleibenden fünf Spielen noch längst nicht zurücklehnen dürften.

Entsprechend groß ist die Anspannung vor dem württembergischen Derby. In den Partien zwischen den „Wild Boys“ und den „Galliern von der Alb“ geht es traditionell hoch her. Die Zuschauer dürfen sich also auf ein ähnliches Spektakel freuen wie im Hinspiel – sehr gerne aus TVB-Sicht mit einem vergleichbaren Ausgang. Mitte Dezember vergangenen Jahres holten sich die Bittenfelder in der mit 2300 Zuschauern ausverkauften Balinger „Hölle Süd“ beim 25:24 den – etwas glücklichen – Sieg.

Lange Zeit war der TVB einem knappen Rückstand hinterhergelaufen, lag vier Minuten vor dem Ende mit 23:24 zurück. Michael Spatz sorgte für den Ausgleich und Michael Schweikardt traf mit einem Kunstwurf zum 25:24-Sieg. Die Balinger trennten sich ein paar Tage später von ihrem Trainer Markus Gaugisch und holten den ehemaligen Erlanger Coach Frank Bergemann.

Danach berappelten sich die Balinger, punkteten gegen Wetzlar (27:26) und Magdeburg (28:28) und mussten sich beim Tabellenvierten MT Melsungen knapp mit 28:29 geschlagen geben. Für den größten Coup in der an Überraschungen eher armen Saison sorgten die Gallier mit dem 22:22-Unentschieden gegen den Deutschen Meister THW Kiel. Im Anschluss behielten sie auch im wichtigen Spiel gegen den Abstiegskonkurrenten Eisenach klar mit 27:20 die Oberhand. Entsprechend selbstbewusst wird Balingen am Sonntag in der Porsche-Arena auftreten und dürfte psychologisch im Vorteil sein. Andererseits: Der TVB darf sich der Unterstützung der meisten der 6200 Fans sicher sein. Mut macht zudem, dass die Balinger auswärts nur magere zwei Punkte gesammelt haben – beim 35:30-Erfolg beim Bergischen HC.

„Wir wollen unbedingt etwas reißen“, sagt der TVB-Trainer Thomas König. „Natürlich wären das zwei sehr, sehr wichtige Punkte.“ Durch das spielfreie Wochenende hatte der TVB zwei Wochen Zeit, sich intensiv mit den Balingern auseinanderzusetzen.

Mit dem neuen Trainer hat sich auch das Spielsystem etwas geändert. Die offensive 3:2:1-Deckung ist passé, der TVB-Gegner agiert wahlweise in der 6:0- oder 5:1-Formation. Egal, welche Variante dem TVB begegnen wird: Er muss seine Fehlerquote gegenüber den jüngsten Auftritten deutlich reduzieren.

Zeit zum Üben im Wettkampfmodus hatte der TVB am Mittwoch beim Benefizspiel gegen den BW-Oberligisten TV Neuhausen/Filder. „Für die zuletzt angeschlagenen Spieler ist so ein Spiel gut, um wieder in den Rhythmus zu kommen“, so König. Für den Spielgestalter Michael Schweikardt beispielsweise. Geschont wurden Djibril M’Bengue (Patellarsehne) und Kasper Kisum (Fußverletzung). Für den Dänen dürfte ein Einsatz am Sonntag zu früh kommen.

Große Stütze im Team des HBW war zuletzt der lange verletzte schwedische Nationaltorhüter Peter Johannesson. Der Ex-HSV-Spieler Davor Dominikovic ist Chef in der Abwehr, im Rückraum ziehen der Europameister Martin Strobel und der Jung-Nationalspieler Fabian Böhm die Fäden. Der sprunggewaltige Franzose Olivier Nykoas ist an einem guten Tag schwer zu bremsen. Viel Routine bringen die ehemaligen Nationalspieler Christoph Theuerkauf am Kreis und Alexandros Vasilakis im rechten Rückraum mit. „Balingen hat eine stabile, sehr kampfstarke Mannschaft“, sagt König, der seine Spieler ans Hinspiel erinnern möchte. „Da haben wir prima dagegengehalten.“

An den beiden hauchdünnen Niederlagen gegen Hannover und in Lübbecke hat auch der TVB-Geschäftsführer zu knabbern. „Klar, wir waren nah dran und sind jetzt alle sehr enttäuscht“, sagt Jürgen Schweikardt. „Nach Niederlagen kann man nie zufrieden sein.“ Andererseits sei sich der TVB stets bewusst gewesen, dass er als dritter Aufsteiger vor einer schweren Saison stehen würde. „Wir haben lange an unserem Traum gearbeitet, in die erste Liga zu kommen. Und wir werden alles dafür tun, dass dieser Traum länger als eine Saison dauert.“ Es müssten in dieser schwierigen Phase alle zusammenhalten: Mannschaft, Umfeld und Zuschauer. „Wir können es nur gemeinsam schaffen.“

Quelle: Thomas Wagner, ZVW