Zwei Punkte fürs Nervenkostüm

Es ist kein Endspiel für die Handballer des TVB 1898 Stuttgart, aber eine ziemlich bedeutende Partie auf dem Weg zum Verbleib in der 1. Liga. Bei einem Sieg beim Vorletzten TuS Nettelstedt-Lübbecke hätte der TVB sechs Spiele vor Saisonende fünf Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang. „Wir müssen im Angriff an individueller Qualität zulegen“, sagt Trainer König.

24 Spiele, ein Sieg, vier Unentschieden: Das ist die ernüchternde Bilanz des Vorjahreszwölften TuS Nettelstedt-Lübbecke. Fünf Punkte Rückstand hat der TuS aufs rettende Ufer – allerdings auch zwei Spiele weniger absolviert als der Bergische HC, der aktuell den ersten Nichtabstiegsplatz einnimmt. Für die Bittenfelder bedeutet dies auf dem Papier: Wenn nicht jetzt, wann dann soll es klappen mit dem zweiten Auswärtssieg in dieser Saison nach dem 25:24 in Balingen? Auf dem Papier jedenfalls stehen die Chancen in Göppingen, Magdeburg und Kiel deutlich schlechter.

Ein Erfolg in Lübbecke wäre für den TVB jedenfalls ein gewaltiger Schritt in Richtung Ligaverbleib. Weil er gegenüber den Eisenachern die deutlich bessere Tordifferenz hat, müssten die Thüringer aus ihren letzten sechs Spielen gegen Balingen, Rhein-Neckar Löwen, Göppingen, Flensburg-Handewitt, Kiel und Melsungen sechs Punkte holen. Das scheint, bei allen Unwägbarkeiten in den für etliche Teams bedeutungslosen finalen Saisonspielen, kaum möglich.

So oder so: Dass die Nettelstedter um den Ex-Bittenfelder Linksaußen Jens Bechtloff gerade einmal sechs Pünktchen gehamstert haben, ist auch für den TVB-Coach Thomas König „fast unglaublich“. Es schlummert jedenfalls durchaus Qualität im Kader. Zwar hat der Nationalspieler Jens Schöngarth den Club zur Winterpause Richtung Göppingen verlassen. Dafür verstärkte sich der TuS mit Tom Wetzel und Piotr Grabarczyk vom insolventen HSV Hamburg, mit dem Ex-Göppinger Nikola Manjolovic aus der ersten weißrussischen Liga sowie mit Pontus Zettermann, der in den vergangenen Spielzeiten zu den besten Torschützen der ersten schwedischen Liga zählte.

Auch der Trainer ist nicht mehr derselbe. Der TuS trennte sich vor Weihnachten von Goran Suton und holte Goran Perkovac. Und mit dem neuen Personal ging’s beim TuS im Jahr 2016 tatsächlich bergauf: Zunächst trotzte Lübbecke dem TSV Hannover-Burgdorf beim 29:29 einen Punkt ab, dann gelang beim 25:24 gegen den HBW Balingen-Weilstetten der erste und einzige Sieg. Überraschend war auch das 26:26 gegen FA Göppingen, ehe der Vorletzte einen herben Rückschlag einstecken musste: Mit 22:24 verlor er das sogenannte Vier-Punkte-Spiel in eigener Halle gegen den Abstiegskonkurrenten ThSV Eisenach. Zuletzt zog sich Nettelstedt-Lübbecke beim Tabellenzweiten SG Flensburg-Handewitt (27:34) ordentlich aus der Affäre, beklagte jedoch das Saisonaus seines linken Rückraumspielers Vuko Borozan (Daumenbruch). Zudem fällt Gabor Langhans (Knie-Operation) aus.

Gut besetzt ist der Bittenfelder Gegner trotzdem. Im Tor bringen Nikola Blazicko (Kroatien) und Matevz Skok (Slowenien) internationale Erfahrung mit, Niklas Pieczkowski ist aktueller deutscher Europameister, Tim Remer und Bobby Schagen bilden die Flügelzange bei der niederländischen Nationalmannschaft. Am Kreis spielt mit Christian Klimek ein ehemaliger Schützling des TVB-Trainers aus gemeinsamen Friesenheimer Zeiten. Als großes Talent gilt der wurfgewaltige Rückraumspieler Tim Suton.

Dass Lübbecke kämpfen kann, bewies es im Hinspiel in der Stuttgarter Scharrena: Nach ganz schwachen ersten 30 Minuten der Gäste sah der TVB bei der 21:13-Führung wie der sichere Sieger aus, doch Lübbecke drehte die Partie zum 33:32-Vorteil. Mit einem Siebenmeter in der Schlusssekunde rettete der elffache Torschütze Michael Schweikardt dem TVB einen Punkt.

Eine ähnliche Entschlossen- und Zielstrebigkeit stünde dem TVB auch in der Lübbecker Merkur-Arena gut zu Gesicht. Die Angriffsleistungen jedenfalls waren zuletzt eher dürftig. Zweimal 21 sowie 20 und 24 Treffer deuten nicht gerade auf Offensivstärke hin. „Wir müssen in der individuellen Qualität deutlich zulegen“, sagt Thomas König. Das zuletzt überzeugende Abwehr-Torhüter-Paket ist zwar die Basis für den Erfolg. Die magere Trefferausbeute indes steht diesem im Wege. König wünscht sich, dass seine Spieler wieder mutiger und selbstbewusster auftreten. „Sie müssen sich gegenseitig mehr unterstützen.“

Personell sieht’s ganz gut aus. Djibril M’Bengue hat zwar nach wie vor Probleme mit der Patellarsehne. Der Linkshänder wird allerdings ebenso dabei sein wie die zuletzt von Rückenschmerzen geplagten Kasper Kisum und Michael Schweikardt.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW