Das Problem mit der Stressresistenz

Auch drei Tage danach hat der Handball-Erstligist TVB 1898 Stuttgart an der bitteren 21:23-Niederlage gegen TSV Hannover-Burgdorf zu knabbern. Schließlich hätte der Aufsteiger einen großen Schritt in Richtung Ligaverbleib machen können. Dem TVB unterliefen letztlich zu viele Fehler. „Vielleicht war auch die Aufstellung nicht richtig“, sagt Trainer Thomas König.

Es kommt schon mal vor, dass gute Freunde nicht derselben Meinung sind. Bei der Pressekonferenz nach dem Spiel am Freitag sprach der Hannoveraner Trainer Jens Bürkle von einem „sehr, sehr glücklichen Sieg von uns, den wir nicht hundertprozentig verdient hatten“. Jürgen Schweikardt sah das anders. „Der Sieg für Hannover war verdient, weil wir ihn nicht verdient hatten“, sagte der Geschäftsführer des TVB 1898 Stuttgart. In der Schlussphase hätten die TVB-Spieler zu oft den Nebenmann gesucht. „Irgendwann aber muss man eine Entscheidung treffen – auch unter Stress.“

Die Hoffnung auf einen Sahnetag

Die hatte – wieder einmal – der Gegner parat. Unter gütiger Mithilfe des TVB allerdings, der in den letzten zehn Minuten Fehler en masse produzierte. Nach der 20:18-Führung leisteten sich die Bittenfelder vier Fehlwürfe, vier Fehlpässe und einen Schrittfehler. Ein paar zu viel, um zumindest einen Punkt in der ausverkauften Scharrena zu behalten.

Besonders bitter für Trainer Thomas König war, dass auch die erfahrenen Spieler keine Akzente setzten. Im Gegenteil. „Lars Friedrich, Michael Schweikardt und Dominik Weiß waren in der Aufstiegssaison die tragenden Säulen“, so König. „Ich wünsche mir schon, dass sie auch in so einem Spiel mal einen Sahnetag erwischen.“ Gegen Hannover gelangen dem Trio zusammen lediglich drei Tore.

Andererseits: Der Kader besteht nicht nur aus dieses drei Spielern. Wäre es unter Umständen also nicht besser gewesen, anderen Akteuren das Vertrauen zu schenken? Dass Dominik Weiß am Freitag – nach einem verheißungsvollen Start – ziemlich neben sich stand, war nicht zu übersehen. Die Alternativen indes im linken Rückraum waren bescheiden, nachdem Kasper Kisum aufgrund von Rückenproblemen erst gar nicht im Kader stand. Vio Fotache wäre eventuell infrage gekommen. Im Training jedoch, so König, dränge er sich nicht unbedingt auf. Die Not war allerdings so groß, dass der Abwehrspezialist in der Schlussphase möglicherweise doch noch im Angriff zum Einsatz gekommen wäre. Allerdings musste sich der Rumäne die letzten neun Minuten nach der dritten Zeitstrafe von der Tribüne aus ansehen.

Eine Option auf der Spielmacherposition nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Michael Schweikardt war Alexander Heib. Dessen Einwechslung brachte Schwung ins träge Angriffsspiel des TVB, doch König nahm ihn rasch wieder vom Feld und brachte Lars Friedrich auf der Mitte. In der Hoffnung, die defensive Hannoveraner Deckung lasse sich herauslocken. Dieser Schachzug funktionierte jedoch nicht. „Im Nachhinein hat sich die Aufstellung in dieser Phase als nicht richtig erwiesen“, sagt König. „Alex hätte sicher mehr spielen können, aber ein Trainer entscheidet eben aus dem Gefühl heraus.“

Am Ende stand die Erkenntnis, dass der TVB im Abstiegskampf einen – um es mit Pep Guardiola zu sagen –, big, big, big point verpasst hat. So bleibt die Hoffnung, dass den Hannoveraner Geschäftsführer sein Gefühl nicht trügt. „Ich bin mir sicher, dass wir uns in der nächsten Saison wiedersehen werden“, sagte Benjamin Chatton auf der Pressekonferenz nach dem Spiel.

Trotz der ausgelassenen Chance auf die Vorentscheidung hat der TVB noch alle Trümpfe in der Hand im Abstiegskampf: Die Konkurrenten blieben am Wochenende ebenfalls ohne Erfolgserlebnis. Sieben Spiele vor Schluss hat der TVB nach wie vor drei Punkte Vorsprung. Vorsicht ist dennoch geboten – vor allem, wenn die Bittenfelder auch am Samstag beim Vorletzten TuS Nettelstedt-Lübbecke patzen sollten.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW