Schönes Polster, aber kein Ruhekissen

Elf Spiele vor Saisonende haben die Erstliga-Handballer des TVB 1898 Stuttgart sechs Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz. „Das sieht komfortabel aus“, sagt der TVB-Trainer Thomas König – und warnt. „Wir wissen auch, dass am Saisonende die verrücktesten Sachen passieren.“ Sprich: Der Aufsteiger sollte es sich auf seinem Polster nicht allzu bequem machen.

Es sind die Geschichten, die eigentlich nur der Sport schreibt. Zum Matchwinner beim so wichtigen Sieg des TVB 1898 Stuttgart gegen den TBV Lemgo avancierten ausgerechnet zwei Spieler, die lange Zeit nicht gerade als Hauptdarsteller in Erscheinung getreten waren.

Als da wären zum einen Djibril M’Bengue. Hin und wieder packte der wurfgewaltige Linkshänder zwar auch in der Porsche-Arena den Hammer aus. Doch allen voran in den zweiten 30 Minuten hatte „Djibi“ auch ein paar Probleme, die Defensive der Gäste ließ den Bittenfelder Kraftprotz selten in Wurfposition kommen. Als jedoch der Lemgoer Ionut Ramba drei Sekunden vor Schluss einmal nicht richtig zupackte, fasste sich M’Bengue ein Herz und knallte den Ball per Aufsetzer zum 28:27-Sieg ins Netz.

Dass der TVB nach dem zwischenzeitlichen 22:24-Rückstand in der 50. Minute überhaupt noch einmal zurückkam, lag auch an Yunus Özmusul. Der türkische Nationaltorhüter muss sich, wie Dragan Jerkovic, nach der Verpflichtung von Jogi Bitter hinten anstellen. Der Weltmeister von 2007 erwischte am Sonntag allerdings, anders als gegen den Bergischen HC, keinen guten Tag und machte nach einer Dreiviertelstunde Platz für die Nummer zwei. Und Özmusul hielt stark. „Er hat uns zwei, drei Bälle weggenommen“, sagte Florian Kehrmann nach dem Spiel. „Und dann entscheidet auch noch ein Glückswurf aus zehn Metern die Partie.“

Der Trainer des TBV Lemgo machte in den Katakomben der Porsche-Arena einen ziemlich dünnhäutigen Eindruck. Üblich ist, dass bei der Pressekonferenz zunächst der Gästetrainer das Wort hat. Weil der Computer jedoch die statistische Auswertung der Partie nicht rechtzeitig ausgespuckt hatte, wollte sich Kehrmann auch nicht äußern und überließ zunächst dem TVB-Coach Thomas König das Spielfazit. Als die Zahlen vorlagen, ging Kehrmann nicht näher darauf ein – und regte sich vielmehr über die Männer am Zeitnehmertisch auf, die seine Grüne Karte Sekunden vor dem Ende seiner Ansicht nach zu spät registriert haben. Deshalb gab’s nach der Schlusssirene kurz Diskussionen, der 28. Treffer des TVB tauchte nicht sofort auf dem Anzeigewürfel auf. „Die Zeitnehmer sind nun einmal mit dem Herzen näher beim Heimteam“, sagte Florian Kehrmann.

Die Laune beim – etwas glücklichen – Sieger dagegen hätte besser nicht sein können. Schließlich holten die Bittenfelder aus ihren beiden Spielen in diesem Kalenderjahr die optimale Punktausbeute. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir so aus der EM-Pause kommen“, sagte der TVB-Trainer Thomas König am Montag. Die ersten beiden Heimspiele gegen den Bergischen HC und den TBV Lemgo waren, auch angesichts des happigen Restprogramms, im Vorfeld als wegweisend eingestuft worden.

Verrückte Ergebnisse gegen Saisonende

So gesehen, ist der Aufsteiger also auf dem besten Weg, das zu schaffen, was ihm nur wenige zugetraut hatten: den Ligaverbleib. Sechs Punkte Vorsprung bei noch elf Spielen lassen den TVB 1898 Stuttgart zunächst einmal durchatmen. Gut möglich, dass zwei weitere Siege bereits reichen. Vielleicht aber auch nicht. „Der Teufel ist ein Eichhörnchen“, sagt der Coach. Zwar unterscheide sich das Restprogramm der Kontrahenten nicht wesentlich voneinander. Doch König ist erfahren im Abstiegskampf und hat schon einiges erlebt. „Gegen Ende der Saison passieren mitunter verrückte Sachen.“ Sprich: Wenn’s beim einen oder anderen Gegner um nicht mehr viel geht, erhöhten sich die Chancen auf einen Außenseitersieg.

Indes: Das gilt natürlich auch für den TVB, der durch die beiden jüngsten Siege reichlich Selbstvertrauen gesammelt haben dürfte. Zusätzlich Hoffnung macht die derzeit stabile Defensive. Und im Angriff wird Thomas König in Kürze eine weitere Option haben: Lars Friedrich hat wieder mit der Mannschaft trainiert und dürfte am Samstag in Leipzig sein Comeback feiern.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW