TVB-Geschäftsführer im Interview

Das Jahr 2015 war das erfolgreichste in der Geschichte des TV Bittenfeld. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner zieht Jürgen Schweikardt eine Zwischenbilanz. „Die Zuschauer-Resonanz ist einmalig“, sagt der Geschäftsführer des TVB 1898 Stuttgart. „Wir brauchen diese fantastische Unterstützung auch in der Rückrunde.“

Herr Schweikardt, die Hinrunde und die ersten drei Rückrundenspiele sind absolviert und der TVB geht mit neun Punkten und auf einem Nichtabstiegsplatz in die EM-Pause. Ist der Geschäftsführer rundum zufrieden?

Wir sind zufrieden. Ich denke, man muss die Situation realistisch einschätzen. Wir sind als dritter Aufsteiger und damit größter Underdog in die Liga gestartet. Deshalb sind wir jetzt mit dem 14. Tabellenplatz super zufrieden. Sicherlich hätten wir uns ein paar Punkte mehr erhofft und die wären auch durchaus drin gewesen. Aber natürlich gibt es immer Dinge, die man verbessern kann.

Bis vor einem halben Jahr durften Sie als Trainer Ihre Emotionen am Spielfeldrand ausleben, ein aufgeregter Geschäftsführer auf der Tribüne indes käme nicht so gut an. Müssen Sie sich eigentlich hin und wieder zusammenreißen?

Das gelingt mir eigentlich ganz gut. Es sind auf jeden Fall ganz andere Emotionen, als Trainer ist man ganz nah am Spielfeldrand. Sicher gibt es den einen oder anderen Moment, in dem ich nicht ganz unemotional sein kann. Ich finde es aber nicht schlimm, wenn auch der Geschäftsführer mal seine Gefühle zeigt. Wenn man etwas mit Leidenschaft betreibt, sind automatisch Emotionen dabei. Ich glaube, das versteht jeder.

Planspiele – Personalentscheidungen

In der Spielpause im Januar werden traditionell die Personalplanungen für die neue Saison vorangetrieben. Seit Jahren steckt der TVB im Dilemma, dass er nicht weiß, welcher Liga er in der neuen Spielzeit angehören wird. Aktuell dürfte mehr Arbeit denn je auf Sie zukommen: 18 Spieler umfasst der Kader, gleich 13 Verträge laufen aus. Haben die Gespräche mit den Spielern bereits begonnen?

In diesem Dilemma stecken wir tatsächlich schon seit einigen Jahren. Wir haben aber immer gesagt, dass wir keine Wasserstandsmeldungen herausgeben, sondern erst etwas verkünden werden, wenn es etwas zu vermelden gibt. So werden wir das auch in Zukunft halten. Wir sprechen bis spätestens im Februar mit allen Spielern und werden dann sehen, wie wir weitermachen können. Die Personalplanungen laufen im Übrigen nicht erst in der Spielpause, sondern ständig im Hintergrund.

Panikverpflichtungen sind noch nie der Stil des TVB gewesen. Meist dauert es eine ganze Weile, bis sich die Verantwortlichen entschieden haben. Ist die Spielersuche in der 1. Liga eigentlich noch schwieriger geworden, weil es weniger Spieler gibt, die einem zum einen wirklich weiterhelfen und zum anderen kein Loch in die Kasse reißen?

Genauso ist es. Je höher man kommt, desto weniger Spieler gibt es, die das Niveau haben. Es gibt welche, die einen definitiv verbessern, die wir aber nicht bezahlen können. Die Lücke dazwischen, das heißt Spieler, die uns weiterbringen und die wir uns leisten können, ist klein. Um diese Spieler reißen sich alle Mannschaften von Platz zwölf abwärts in der 1. Liga und von Platz fünf aufwärts in der 2. Liga plus viele ausländische Clubs. Dieser Markt ist also hart umkämpft. Wir schauen uns hier ständig um – allerdings ganz sachlich – und prüfen, was für uns realisierbar ist. Es gibt allerdings keinen Grund zur Panik.

Sie müssen sich mehr oder weniger auf Ihr Näschen, die Spielervermittler und das Glück verlassen, oder?

Für die ganz großen Namen fehlt uns, wie gesagt, der Spielraum. Vielleicht ergibt sich mal irgendwann eine günstige Gelegenheit. Aber im Normalfall müssen wir uns tatsächlich auf unser Näschen verlassen und die Kompetenzen, die wir im Verein haben.

Was die Personalpolitik betrifft, kam zuletzt immer mal wieder leise Kritik auf. So war der eine oder andere der Meinung, Sajad Esteki, von dem sich der Verein mittlerweile wieder getrennt hat, habe nie eine richtige Chance bekommen. Dabei war der Iraner mit großen Vorschusslorbeeren in Bittenfeld angekommen.

Es gibt immer wieder Themen, die auf den ersten Blick eine gute Idee sind und auf den zweiten eben nicht. Bei Sajad war das jetzt der Fall, da hat die Integration von beiden Seiten nicht so funktioniert wie erhofft. Ich sehe das aber nicht so dramatisch, so etwas kann passieren. Wir haben in der Vergangenheit viele gute und richtige Entscheidungen getroffen. Es wird aber bei Personalentscheidungen nie eine hundertprozentige Quote geben. Deshalb wirft uns so etwas überhaupt nicht aus der Bahn. Wichtig ist, dass wir eine Lösung gefunden haben für beide Parteien. Alles in allem ist Sajad für mich immer noch ein guter Handballer. Ich glaube schon, dass er bei einem guten Verein auftauchen wird und dort seine Leistung zeigen kann.

Realismus – Gegner mit Weltklasse-Format

Über die jüngste Neuverpflichtung, Viorel Fotache, lässt sich zwar noch kein Urteil fällen. Manch einer findet jedoch, das Geld wäre besser in einen Torhüter investiert worden anstatt in einen Abwehrspezialisten.

Viorel ist eine Verpflichtung, von der ich absolut überzeugt bin. Das hat sich in den ersten Wochen auch schon gezeigt. Natürlich kann er spielerisch nach so kurzer Zeit noch nicht so eingebunden sein in der Mannschaft. Wir haben im Vorfeld über ihn recherchiert. Er ist ein Führungsspieler, der Verantwortung übernehmen kann. Er hat seinen Club in der Champions League als Kapitän geführt. Diese Fähigkeiten zeigt er jetzt schon, er ist engagiert und bringt sich auch im Training ein. Ihm müssen wir, wie jedem anderen Neuzugang auch, Zeit geben. Wir sind nach wie vor der Überzeugung, dass wir einen in der Mannschaft gebraucht haben, der das Abwehrspiel liebt, und sind der Meinung, mit Viorel den richtigen Mann gefunden zu haben. Über die Torhüter möchte ich mich jetzt nicht äußern. Allgemein gilt, dass wir in der Pause die Vorrunde analysieren und schauen werden, ob wir noch finanzielle Möglichkeiten haben, um einen weiteren Baustein hinzuzuholen und falls ja, auf welcher Position. Dieser Prozess läuft bei uns ständig.

In der Hinrunde waren nicht nur die Leistungen der Torhüter schwankend, sondern auch die der meisten Feldspieler. Die Einstellung und der Kampfgeist stimmten bis auf wenige Ausnahmen. So ließ die Gegenwehr gegen Göppingen und die Füchse Berlin, ausgerechnet in der ausverkauften Porsche-Arena, doch zu wünschen übrig. Auch zuletzt in Gummersbach schien der Glaube in der ersten Halbzeit zu fehlen. Wie sehr ärgert Sie das?

Auch hier gilt’s, die Situation realistisch zu betrachten. Es ist einfach so: Wenn Berlin einen guten oder gar sehr guten Tag erwischt wie jetzt gegen uns, dann haben wir einfach keine Chance. Da ist Berlin eine Klasse besser als wir. Wenn Berlin seine Aufgabe spielerisch löst, dann sieht das von außen vielleicht so aus, als würde unsere Mannschaft nicht richtig dagegenhalten. Klar hatte ich gegen Berlin und Göppingen ein bisschen mehr Gegenwehr erwartet, aber ein Stück weit ist das auch erklärbar. Schließlich liegen da auch ein paar Millionen Etat zwischen uns und zum Beispiel Berlin. Wir müssen einfach anerkennen, dass wir gegen die besten Spieler der Welt antreten und die uns auch mal schlecht aussehen lassen können. Daran müssen wir uns erst mal gewöhnen. Das geht aber nicht nur uns so, sondern allen Mannschaften, die dort unten drinstehen. Dass es immer in der Porsche-Arena ist, liegt natürlich auch an den Gegnern, die wir dort haben. Wir versuchen, unseren Fans die Top-Teams in der Porsche-Arena zu bieten. Wichtig ist für unsere Mannschaft, dass sie sich nach solchen Spielen wieder fokussiert, wie ihr das zuletzt gelungen ist nach dem nicht so guten Spiel gegen Berlin und der schlechten ersten Halbzeit in Gummersbach. Fast hätte es dort ja noch zu einem Punkt gereicht. Ich hoffe, dass unsere Fans das genauso sehen, denn auch in der Rückrunde benötigen wir diese fantastische Unterstützung, um das große Ziel Klassenerhalt schaffen zu können.

Von zehn Heimspielen waren neun ausverkauft. Auch wenn die Scharrena mit 2300 Plätzen zu den kleinsten Hallen der 1. Bundesliga zählt: Die Resonanz ist hervorragend. Ist dies eher der Neugier der Fans auf die 1. Liga geschuldet oder entwickelt sich langsam eine Wild-Boys-Fankultur?

Unsere Zuschauerzahlen in der Hinrunde sind sicherlich nicht selbstverständlich, die Resonanz ist für einen Aufsteiger einmalig. Natürlich haben viele Leute in der Region richtig Lust auf die 1. Liga und sind neugierig auf die Mannschaften, die hier auftreten. Wir haben aber auch viele Fans dazugewonnen, die mit uns mitfiebern. Wir sind jedenfalls sehr, sehr zufrieden mit dem Zuschauerzuspruch.

Befürchten Sie, falls es mit dem Ligaverbleib nicht klappen sollte, dass das Interesse am TVB nachlassen wird?

Natürlich ist das Interesse an der 2. Liga nicht so groß wie an der 1. Liga. Es wäre normal, dass in der 2. Liga ein paar Zuschauer weniger kämen. Ich glaube aber nicht, dass das generelle Interesse nachlassen würde.

Nachhaltigkeit – Wirtschaftlich weiterentwickelt

Die Strategie des TVB ist auf Nachhaltigkeit angelegt. Die Namensänderung von TV Bittenfeld in TVB 1898 Stuttgart hatte wirtschaftliche Gründe. Ist der Geldbeutel eigentlich im ersten halben Jahr bereits etwas dicker geworden?

Diese Nachhaltigkeit ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir haben uns wirtschaftlich in dieser Saison schon sehr gut weiterentwickelt. Sonst wären solche späten Verpflichtungen wie Kasper Kisum, Sajad Esteki oder jetzt Viorel Fotache nicht möglich gewesen. Es wäre fahrlässig, wenn wir keinen Plan B hätten, wie es in der 2. Bundesliga weiterginge. Uns ist natürlich allen bewusst, dass wir wieder absteigen könnten. Dann müssten wir schauen, dass wir in der 2. Liga so stark wären, dass wir sofort wieder aufsteigen können. Plan A ist, dass wir in der Liga bleiben und uns hier direkt etablieren möchten. Die Schwere der Aufgabe darf man bei aller Kritik, die nach ein paar Niederlagen aufkommt, nicht vergessen. Mit dem 14. Tabellenplatz haben wir uns keine schlechte Ausgangsposition erarbeitet. Auch, wenn’s punktemäßig sicherlich sehr eng ist.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW