Der zweite Saisonsieg wäre Gold wert

Nach dem spielfreien Wochenende müssen die Erstliga-Handballer des TVB 1898 Stuttgart nun binnen vier Tagen zweimal ran. Am Dienstag in der Porsche-Arena gegen den Deutschen Meister THW Kiel dürfte nach menschlichem Ermessen nichts zu holen sein. Deutlich besser sind die Aussichten am Samstag beim Abstiegskonkurrenten Bergischer HC.

 

Drei Spiele vor dem Ende der Hinrunde scheint sich die Liga zur Drei-Klassen-Gesellschaft zu entwickeln. Vorne die Rhein-Neckar Löwen, Melsungen, Flensburg und Kiel. Hinten Lübbecke, der Bergische HC, Balingen, Eisenach, der TVB und vielleicht noch Lemgo. Was dazwischen liegt, dürfte weder mit der Meisterschaft noch mit dem Abstieg etwas zu tun haben.

Auch wenn, allen voran in eigener Halle, für die Teams im Tabellenkeller immer mal wieder etwas zu holen sein wird gegen Mannschaften aus dem vorderen Drittel: Die wichtigen Partien sind jene gegen die direkten Konkurrenten. Mit der Ausbeute können die Bittenfelder nur bedingt zufrieden sein, mussten sie sich doch in den beiden so genannten Vier-Punkte-Spielen gegen den ThSV Eisenach und TuS Nettelstedt-Lübbecke jeweils mit einer Punkteteilung begnügen.

Nun steht der TVB vor einem weiteren eminent bedeutenden Spiel: Die Bergischen Löwen stecken gemeinsam mit den Bittenfeldern im Tabellenkeller fest und stehen wie der Aufsteiger an diesem Samstag in der Solinger Klingenhalle unter Zugzwang.

Vorletzter ist das Team von Trainer Sebastian Hinze. Etwas überraschend. Nach dem 14. Rang in der vergangenen Saison gaben die Verantwortlichen zwar den Klassenverbleib als offizielles Ziel an, insgeheim indes wollen sich die Löwen ein bisschen weiter nach vorne orientieren und sich langfristig in der Liga etablieren. Nach dem ersten Aufstieg in der Saison 2011/12 ließ sich der BHC auch vom sofortigen Wiederabstieg nicht aus der Ruhe bringen und stieg umgehend wieder auf.

„Die Löwen haben in den vergangenen Jahren meist eine sehr gute Hinrunde gespielt und eine schwächere Rückrunde“, sagt der TVB-Trainer Thomas König. Gegen Ende musste der BHC zittern, lediglich drei Punkte trennten ihn vom ersten Abstiegsrang. Immerhin jedoch hatten die Löwen 28 Zähler auf dem Konto.

So viele werden sie in dieser Spielzeit zum Ligaverbleib nicht brauchen. Dennoch sollte das Team von Trainer Sebastian Hinze – wie der TVB auch – allmählich anfangen zu punkten. Zuletzt zeigte der Bittenfelder Gegner trotz der Niederlagen gegen die Füchse Berlin (26:29) und in Leipzig (28:31) ansteigende Form.

Gegenüber der Vorsaison hat sich der Kader kaum verändert. Ersetzt werden mussten lediglich der Torhüter Mario Huhnstock (HC Erlangen) und der Kreisläufer Benjamin Meschke (SC DHfK Leipzig). Aus der ersten dänischen Liga kam der deutsche Junioren-Nationaltorhüter Christian Rudeck, vom spanischen Vizemeister Naturhouse La Rioja der neue Abwehrchef und mazedonische Auswahlspieler Ace Jonovski.

Für den rechten Rückraum verpflichtete der BHC Maximilian Hermann. Der österreichische Nationalspieler wird allerdings rund drei Monate ausfallen: Beim Spiel in Leipzig zog er sich einen Riss des Syndesmosebands am Sprunggelenk zu. Noch härter indes trifft die Löwen die Verletzung von Viktor Szilagyi. Der 196-fache österreichische Nationalspieler, seit 2012 Dreh- und Angelpunkt des Löwen-Spiels, war gerade erst von einer langwierigen Fußverletzung genesen – und verletzte sich erneut schwer: Nach einem Teilabriss der Achillessehne ist mit dem 37-Jährigen nicht vor der Rückrunde zu rechnen.

Die Vereinsführung hat reagiert und Inal Aflitulin (27), Spielmacher der russischen Nationalmannschaft und aktuell in Rumänien bei HCM Baia Mare unter Vertrag, bis zum Saisonende verpflichtet. Noch indes fehlt die Freigabe vom rumänischen Verband.

Ob mit oder ohne Aflitulin: Der TVB will am Samstag die Chance auf den ersten Auswärtssieg unbedingt nutzen. Wohlwissend, dass ihm das Löwenrudel ausgesprochen bissig gegenübertreten wird – und mit einer offensiven Deckung. Wahlweise 5:1 oder gar 3:3. So beschäftigten sich die Bittenfelder in der Vorbereitung vornehmlich damit, wie solche Defensiv-Formationen zu knacken sind. „Da würde uns ein Spieler wie Lars Friedrich natürlich gut tun“, sagt König. Der Linkshänder indes ist ebenso zum Zuschauen verdammt wie Alexander Heib. Letzterer plant, kommende Woche ins Mannschaftstraining einzusteigen. Sein Einsatz scheint aber frühestens am 13. Dezember in Balingen möglich. Bei Friedrich steht am Dienstag ein weiterer Arztbesuch an. Der soll Auskunft darüber geben, inwieweit die Schambeinentzündung abgeklungen ist. Djibril M’Bengue trainierte wegen Problemen mit der Patellasehne reduziert, Dragan Jerkovic kränkelte. Beide werden jedoch spielen.

Ein Wiedersehen gibt es am Samstag mit zwei ehemaligen Bittenfeldern: Im Tor des BHC steht Björgvin „Bjöggi“ Gustavsson (siehe Interview links), auf Rechtsaußen Arnor Gunnarsson. Beide zählen längst zum Stamm der isländischen Nationalmannschaft. Gut bekannt ist den Bittenfeldern auch der linke Rückraumspieler und Ex-Balinger Fabian Gutbrod. Weitere Säulen im Spiel sind Kristian Nippes im rechten Rückraum, der Linksaußen Christian Hoße sowie der torgefährliche Spielmacher Alexander Oelze.

„Das ist eine Mannschaft mit Qualität“, sagt Thomas König. „Aber sie steht hinter uns.“ Das bedeutet: Die Chancen des TVB auf den zweiten Saisonsieg standen schon schlechter. Und wichtig wäre er allemal. Bei einer Niederlage besteht die große Gefahr, in die Abstiegsränge zu rutschen. Die Konkurrenz steht in ihren Heimspielen jedenfalls vor lösbaren Aufgaben.

Zudem spielt es sich mit Selbstvertrauen gegen Kiel am Dienstag sicherlich leichter.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW