„Wir können viel, das Problem ist die Konstanz“

Das 33:33-Unentschieden des TVB 1898 Stuttgart gegen den Tabellenletzten TuS Nettelstedt-Lübbecke lässt Fragen offen. Zum Beispiel: Ist der Aufsteiger möglicherweise – noch – nicht reif für die 1. Liga? Der Trainer gibt sich kämpferisch nach einem Spiel, in dem gegen Ende die Nerven blanklagen. „Wir können viel, das Problem ist die fehlende Konstanz“, sagt Thomas König.

Die 2251 Fans in der ausverkauften Scharrena fühlten sich wie durch den Fleischwolf gedreht. In der Halbzeit feierten sie ihr Team, das den TuS Nettelstedt-Lübbecke mit 20:13 auseinandergenommen hatte. Dann gerieten sie in Schockstarre, weil der TVB nach der Pause überhaupt nichts mehr auf die Reihe bekam. Und schließlich wurden sie durch den nicht mehr für möglich gehaltenen Schlussspurt versöhnt.

Ein (Ex-)Bittenfelder indes mutierte zum Buhmann: Der Lübbecker Jens Bechtloff stieg drei Sekunden vor dem Ende hart gegen Michael Schweikardt ein. Der Spielmacher schaffte es dennoch, einen Pass zu spielen auf Tobias Schimmelbauer, der von der Gästedeckung ziemlich rüde niedergestreckt wurde. Es kam zur Rudelbildung auf dem Spielfeld. Die Schiedsrichter Philipp Dinges und Daniel Kirsch behielten den Überblick, bestraften Bechtloffs Einsteigen mit der Roten Karte und nach der neuen Regel (siehe Infokasten rechts) mit einen Strafwurf, den Schweikardt zum 33:33-Ausgleich verwandelte.

Die Stimme aus dem Hintergrund: TuS-Manager Feric meckert

Bechtloff war auch bei der Pressekonferenz direkt nach dem äußerst emotionalen Spiel ein Thema. Für Jürgen Schweikardt, Geschäftsführer des TVB, war der Ex-Bittenfelder mitverantwortlich dafür, dass die Partie nach der Pause gekippt ist. „Mit seiner Aggressivität, mit der er es am Ende übertrieben und die Lübbecke einen Punkt gekostet hat, weckte Jens die ganze Mannschaft auf“, sagte Schweikardt. Diese Aggressivität und der Wille dagegenzuhalten, habe dem TVB in der zweiten Halbzeit dagegen gefehlt.

Dass Schweikardt bei seiner Analyse von Zlatko Feric unterbrochen wurde, zeigt, dass die Nerven beim Tabellenletzten offensichtlich blanklagen. Der Team-Manager der Lübbecker hatte bei der Pressekonferenz seltsamerweise nicht auf dem Podium neben seinem Trainer Goran Suton Platz genommen, sondern mischte sich unter die Journalisten. Dass Schweikardt den Namen Bechtloff ins Spiel brachte, schmeckte Feric jedenfalls nicht.

Alles andere als gut gelaunt war auch der TVB-Trainer. Die immensen Leistungsschwankungen seines Teams innerhalb der 60 Minuten liegen Thomas König arg im Magen. Zum wiederholten Mal zeigte der TVB zwei völlig unterschiedliche Gesichter. „Ratlos bin ich aber nicht“, sagte König mit etwas Abstand am trainingsfreien Montag. „Sonst müsste ich aufhören.“ Er wisse, wo er ansetzen müsse. „Training ist ein geplanter, langfristiger Prozess, an dessen Ende Nachhaltigkeit und Konstanz stehen müssen.“ Er sehe eine Entwicklung seiner Mannschaft in der Abwehr wie im Angriff.

Die war gegen Lübbecke deutlich zu erkennen – allerdings lediglich in den ersten 30 Minuten. Da trat der TVB in etwa so auf, wie es sich der Trainer vorstellt. Dass sein Team nach der Pause komplett den Faden verlor, kann König nicht wirklich erklären. „Ich kann nicht in die Köpfe der Spieler schauen.“ Sicherlich gebe es mehrere Interpretationsversuche für das Dilemma. Der eine oder andere Spieler habe nach misslungenen Aktionen „mit dem Denksport“ angefangen, irgendwann habe jene Spieler das Gefühl beschlichen, die Partie eventuell doch noch verlieren zu können. „Da muss ich mir als Trainer den Vorwurf machen, dass ich es nicht schaffe, in solchen Phasen alles wieder auf Null zu stellen.“

Beste Beispiele für die Verunsicherung, die sich breitmachte, waren Dominik Weiß und Djibril M’Bengue. In den ersten 30 Minuten kaum zu bremsen, brachten die Rückraumspieler im zweiten Abschnitt fast nichts mehr zustande. „Da müssen sie versuchen, sich beispielsweise durch gute Eins-gegen-eins-Aktionen wieder ins Spiel zu bringen“, sagt König.

In der Phase, in der Lübbecke die Aufholjagd startete, stand Thomas König lange mit der Grünen Karte am Zeitnehmertisch. Er legte sie allerdings erst nach dem 21:22-Anschlusstreffer. Zu spät womöglich, um den Lauf des Gegners zu stoppen? „Das ist immer die große Frage“, sagt König. Oft sei die Auszeit gegen Ende der Partie notwendiger. „Wer weiß, ob wir den Punkt noch geholt hätten, wenn wir in der Schlussphase nicht noch beide Time-outs zur Verfügung gehabt hätten.“ So rettete der TVB wenigstens einen Zähler – eine Ausbeute, die dem Trainer freilich nicht schmeckt. Immer noch trauert König dem leichtfertig verspielten Auftaktsieg gegen die HSG Wetzlar nach. Mit diesen beiden Punkten und zwei statt jeweils einem Zähler aus den Spielen gegen die direkten Konkurrenten in Eisenach und gegen Lübbecke hätten die Bittenfeld jetzt neun und wären im Soll.

Mit dem dritten Remis in dieser Saison hat der TVB nun zwar die Abstiegsränge verlassen, nach Verlustpunkten ist er allerdings Vorletzter und sollte dringend für eine Überraschung sorgen. Beispielsweise nach dem spielfreien Wochenende in Hannover. Bis dahin wird Dragan Jerkovic, der am Samstag sein kurzes Comeback feierte, wieder voll belastbar sein.

Übrigens: Der Zwist zwischen Michael Schweikardt und Jens Bechtloff, die sich am Samstag fast an den Kragen gegangen wären, ist längst beigelegt. Direkt nach dem Foul war der sonst so ruhige Schweikardt noch ziemlich in Rage gewesen. „Jens hat mir noch am Samstag eine Nachricht geschickt und sich entschuldigt“, sagt der Bittenfelder Spielmacher. „Er hat gesagt, er habe mich nur festmachen wollen.“

 

Quellen: Thomas Wagner, ZVW