„Spatzi“ und die Fans machen König froh

Vor dem Spiel gegen den VfL Gummersbach hatten die Erstliga-Handballer des TVB 1898 Stuttgart auf den zweiten Saisonsieg gehofft. Nach den 60 aufregenden Minuten freuten sie sich über einen Punkt. Die Offensivleistung beim 37:37 macht Mut für das Derby am Mittwoch in der Porsche-Arena gegen FA Göppingen. Indes: Viel Zeit, die löchrige Abwehr zu stopfen, bleibt nicht.

Eigentlich hätte Emir Kurtagic bei der Pressekonferenz nach dem Spiel der Verzweiflung nahe sein müssen. Sein Team hatte ein paar Minuten zuvor nicht nur einen Vier-Tore-Vorsprung verspielt, sondern 37 Treffer gegen einen Aufsteiger kassiert. Der Gummersbacher Trainer hatte jedoch seinen Humor nicht verloren. Sein Team habe zuletzt gegen Leipzig nur 23 Tore geschossen, der TVB in Flensburg nur 19, sagte er. „Beide Mannschaften hatten sich vorgenommen, diesmal mehr Tore zu werfen“, fuhr Kurtagic fort und grinste. „Das haben beide geschafft – aber leider vergessen, dass sie in der Defensive besser stehen müssen.“ Er könne sich jedenfalls nicht erinnern, dass der VfL in einem Spiel je 37 Tore geworfen hätte. Aber auch nicht, dass er genauso viele einstecken musste.

74 Tore in einem Spiel sind für die Scharrena jedenfalls ein Rekord. Zu Zweitligazeiten des TVB, die Fans mögen sich noch vage erinnern, gab’s vor fast genau fünf Jahren eine noch größere Torflut: In der Gemeindehalle bezwangen die Bittenfelder die HG Saarlouis mit 42:41.

Für die neutralen Zuschauer sind solche ereignisreichen und spannenden Spiele ein Genuss, den Trainern dagegen dürfte ein derart vogelwilder Handball eher ein Graus sein. Weil seine Mannschaft das Tore-Polster in der Schlussphase noch hergegeben hat, fühlte sich Emir Kurtagic eher als Verlierer – er gratulierte dem TVB jedoch für dessen gute Angriffsleistung. „So gesehen, war der Punkt für den TVB auch verdient“, sagte Kurtagic. „Auch wenn es den Anschein hatte, dass wir über weite Strecken die bessere Mannschaft waren.“ Dem TVB wünschte der Gummersbacher Trainer, „dass es hoffentlich weiter aufwärts geht – wenn ihr weiter an euch arbeitet“.

Aufwärts ging es für den TVB in der Tabelle – wenn auch nur ein wenig, vom vorletzten auf den drittletzten Platz. Mit mageren drei Punkten, doch nah dran an den Nichtabstiegsrängen. Am achten Spieltag profitierten die Bittenfelder davon, dass die Abstiegskonkurrenten punktlos blieben: Der Mitaufsteiger ThSV Eisenach hatte beim 23:37 in Hamburg ebenso keine Chance wie der TuS Nettelstedt-Lübbecke bei den Rhein-Neckar Löwen (20:32) und der TBV Lemgo in Berlin (27:37). Etwas Pech hatte der HBW Balingen-Weilstetten beim 27:30 gegen den TSV Hannover-Burgdorf.

Der TVB bleibt also im Rennen, und der Punkt gegen Gummersbach wird zumindest für die Moral Gold wert sein. Thomas König jedenfalls war nach dem Schlusspfiff erst einmal froh über das Remis. „Es war ganz wichtig, dass Spatzi den Siebenmeter reingemacht hat“, sagte König und spielte auf die finale Szene in der Partie an: 36:37 stand es aus Sicht des TVB. Nach einem Ballverlust der Gummersbacher blieben dem TVB acht Sekunden, um den Ausgleich zu erzielen. Nach einer Auszeit nahm König seinen Torhüter Yunus Özmusul vom Feld, brachte mit Florian Schöbinger den siebten Feldspieler und damit zweiten Kreisläufer. Das Anspiel an den überragenden Simon Baumgarten stoppte die Gummersbacher Defensive mit einem Foulspiel und auf Kosten eines Strafwurfs.

Für den war eigentlich Michael Schweikardt vorgesehen. Nachdem der indes kurz zuvor am Gummersbacher Keeper Carsten Lichtlein gescheitert war, richtete sich der Blick des Spielmachers in Richtung Michael Spatz. Der Rechtsaußen, der nach zwölf Minuten vom Strich erst im Nachwurf zum 7:9 gegen Lichtlein getroffen hatte, übernahm Verantwortung und bescherte dem TVB und den Fans ein glückliches Ende.

Für die Zuschauer hatte der Trainer ein extra Kompliment parat. „Sie haben uns nie aufgegeben“, sagte König. Auf ähnliche Unterstützung hofft er am Mittwoch (20.15 Uhr), wenn der Aufsteiger in der wahrscheinlich mit 6200 Zuschauern ausverkauften Porsche-Arena mit FA Göppingen eine sicherlich noch härtere Nuss zu knacken hat. Ob Tobias Schimmelbauer wieder mitwirken kann, entscheidet sich kurzfristig: Wegen einer eitrigen Entzündung eines Weisheitszahns muss der Linksaußen Antibiotika einnehmen.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW