Schwache Abwehr, starker Angriff

Der TVB 1898 Stuttgart hat seinen dritten Punkt in der 1. Handball-Bundesliga geholt: Vor 2251 Fans in der ausverkauften Scharrena traf der überragende elffache Torschütze Michael Spatz mit der Schlusssirene per Siebenmeter zum 37:37-Unentschieden (19:22) gegen den VfL Gummersbach. Dabei standen zwei schwache Defensiven zwei starken Angriffsreihen gegenüber.
Für die begeisterten, aber zuvor ob der über weite Strecken indiskutablen Abwehrdarbietung schier verzweifelnden TVB-Fans war’s am Ende ein gefühlter Sieg, hatten sie die Partie doch eineinhalb Minuten vor dem Ende bereits abgehakt: Beim Stand von 36:37 scheiterte Michael Schweikardt per Siebenmeter am Gummersbacher Nationaltorhüter Carsten Lichtlein. Acht Sekunden vor der Schlusssirene bekam der Aufsteiger erneut einen Strafwurf zugesprochen. Michael Spatz, der sich zusammen mit Dominik Weiß und dem nicht zu bremsenden Simon Baumgarten Bestnoten verdiente, behielt die Nerven und traf zum am Ende verdienten Remis.
Den Zuschauern wurde wieder einmal einiges geboten in der Scharrena. Was der TVB 1898 Stuttgart und der VfL Gummersbach im Angriff auf die Platte brachten, war durchaus sehenswert und erstligatauglich. Von diesem Prädikat indes waren die Abwehrreihen meilenweit entfernt. Und so entwickelte sich eine Partie, in der sich die Tornetze einer extremen Belastung ausgesetzt sahen.
Der TVB musste kurzfristig auf Tobias Schimmelbauer verzichten. Dessen eitriger Zahn ließ einen Einsatz nicht zu. Der Linksaußen nimmt in der TVB-Deckung eine zentrale Rolle ein, deshalb schmerzte sein Verlust. Auf Schimmelbauers Ausfall alleine freilich war die 30 Minuten lang halbherzig zupackende Deckung nicht zurückzuführen. Die Gummersbacher hatten leichtes Spiel: Sie ließen den Ball laufen, kreuzten zwei-, dreimal und schlossen meist unbehelligt ab. Zum Leidwesen der TVB-Fans standen hinter der Deckung mit Yunus Özmusul und Sebastian Arnold zwei Torhüter, die einen ganz schwachen Tag erwischten.
Die Gäste führten so von Beginn an und hatten sich beim 8:5 nach neun Minuten ein kleines Polster erspielt. Dass der Rückstand nicht größer wurde, lag an der Offensivreihe des TVB. Die überzeugte mit klugen Angriffen, häufig abgeschlossen über den Kreis: Der überragende Simon Baumgarten versenkte die Anspiele von Michael Schweikardt und Lars Friedrich eiskalt.
Beim 10:11 (15.) war der Aufsteiger wieder dran – auch, weil der VfL-Keeper Matthias Puhle nicht glücklicher agierte als Özmusul. Für den türkischen Nationalkeeper kam der junge Sebastian Arnold, beim VfL Carsten Lichtlein. Am Spiel änderten diese Wechsel allerdings nichts: Nahezu jeder Wurf der Gäste fand den Weg ins Tor, Alexander Becker stellte beim 15:18 (22.) den Drei-Tore-Vorsprung für den Altmeister wieder her. Der VfL kam über einfache Treffer des cleveren Christoph Schindler und des Halbrechten Magnus Persson immer wieder zu Treffern und der TVB bekam seine Deckung einfach nicht dicht. Ganz gleich, welches Personal der Trainer Thomas König aufs Feld schickte.
Der überragende Spatz behält die Nerven gegen Lichtlein.
Die Bittenfelder ließen die Köpfe aber nicht hängen, holten sich mit starken Aktionen im Angriff das Selbstvertrauen. Gut in Form präsentierte sich Dominik Weiß, Michael Spatz überzeugte mit einer 90-prozentigen Trefferquote. Sein Doppelschlag brachte das 19:20 (28.), doch der VfL ging mit der 22:19-Führung in die Halbzeit.
Nachdem Raul Santos zum 24:20 nachgelegt hatte (34.) und Persson mit dem 27:23 (38.) den TVB auf Distanz hielt, schienen die abschlusssicheren Gummersbacher das Spiel komplett in den Griff zu bekommen. Doch der Aufsteiger wehrte sich nach Kräften, hielt sein gutes Niveau im Angriff und agierte jetzt auch in der Deckung aggressiver. Es funktionierte zwar längst nicht alles, aber die Gäste spürten nun wenigstens Widerstand – und sie leisteten sich Fehler. Spatz legte den Ball an Lichtlein vorbei zum 29:29 ins Netz (44.) – die Fans tobten und der VfL nahm eine Auszeit.
Der TVB hatte die große Chance, die Partie zu drehen, leistete sich jedoch in der dramatischen Schlussphase dumme Patzer. Zunächst kassierte er in Überzahl den Treffer zum 30:32 (50.), dann tanzte Persson die Deckung zum 31:33 aus (51.). Nach Weiß’ Anschluss zum 35:36 (56.) kassierte Florian Schöbinger eine unnötige Zeitstrafe. Florian von Gruchalla legte cool zum 35:37 nach.
Michael Schweikardt ließ den TVB per Siebenmetertor zum 36:37 zweieinhalb Minuten vor dem Ende noch einmal hoffen. Der Gummersbacher Simon Ernst vergab frei stehend den Matchball, Kasper Kisum zog im Eins-gegen-eins geschickt den Siebenmeter. Diesmal scheiterte Schweikardt an Lichtlein. Der Neuling bekam nach einem Gummersbacher Ballverlust die zweite Chance – und die nutzte Michael Spatz nervenstark nach einem Foul an Baumgarten zum 37:37-Endstand.
TVB 1898 Stuttgart: Özmusul, Arnold; Schöbinger, Kienzle, Weiß (7), Schweikardt (4/1), Friedrich (2), Kisum (3), M’Bengue (1), Coric (1), Baumgarten (8), Kretschmer, Esteki, Spatz (11/1).
VfL Gummersbach: Lichtlein, Puhle; Ernst (4), Schindler (7), Kühn (1), Persson (6), Pevnov (3), Jonsson, Bult, (1), von Gruchalla (4), Becker (1), Schröder (2), Santos (8/2).

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW