Gute Spiele, schlechte Phasen

Über 8000 Berliner Fans haben am Sonntag mit 5000 Liter Freibier ihren Vereinsweltmeister gefeiert. Nach der Kür indes mussten die Füchse bei der vermeintlichen Pflichtaufgabe hart arbeiten: Der TVB 1898 Stuttgart brachte einen weiteren Favoriten ins Schwitzen – und blieb doch wieder ohne Punkte. „Das ist wirklich brutal“, sagt der TVB-Trainer Thomas König.

Weil sich beim Handball viele Aktionen auf engstem Raum abspielen, sind sie nicht immer vollständig zu kontrollieren. Bei Würfen von den Außenpositionen beispielsweise suchen die Angreifer die meist kleine Lücke im Kasten der Torhüter. Eine Möglichkeit ist, den Ball am Kopf des Keepers vorbeizuwerfen. Das indes funktioniert nicht immer. Sehr zum Schmerz und Ärger der Geschädigten, die mit mehr oder weniger Unverständnis reagieren.

Silvio Heinevetter ist einer, der dem Schützen unmissverständlich deutlich macht, was er von einem Kopftreffer hält. Eine Viertelstunde vor Schluss führten die Füchse Berlin am Sonntag mit 20:16 gegen den TVB 1898 Stuttgart, als Heinevetter von Tobias Schimmelbauers Wurf niedergestreckt wurde. Als sich Heinevetter wieder aufgerappelt hatte, lief er zu großer Form auf: Die Bittenfelder Angreifer scheiterten gleich reihenweise am deutschen Nationaltorhüter, der maßgeblichen Anteil hatte am 26:20 und damit am vierten Berliner Sieg im fünften Spiel. Für den Aufsteiger blieb – wieder einmal – die bittere Erkenntnis, einem weiteren Top-Team Paroli geboten zu haben und in sämtlichen fünf Spielen auf Augenhöhe mit dem Gegner gewesen zu sein.

Alleine die Ausbeute von zwei Punkten ist unbefriedigend. „Zwei bis vier Zähler mehr müssten wir haben“, sagt der TVB-Trainer Thomas König. „Nachkarten bringt jetzt nichts, aber wir müssen uns schon etwas einfallen lassen.“

Mit unter 50 Prozent war die Wurfquote des Neulings in Berlin nicht berauschend, und mit 20 Toren werden in der ersten Liga auch kaum Spiele zu gewinnen sein. Trotzdem hätten die Bittenfelder den Füchsen näher aufs Fell rücken können. „So gravierend waren die Fehler gar nicht“, sagt König. Bei vielen Aktionen habe nur ein Tick gefehlt. „Wir hatten den Ball eigentlich schon, dann ist er irgendwie wieder den Berlinern in die Hände gerutscht.“

Hinzu kamen zwei vergebene freie Chancen beim 19:21-Rückstand, die „ganz ärgerlich waren“. Zudem musste der TVB mit der einen oder anderen Schiedsrichterentscheidung klarkommen, die im Zweifel nach Königs Ansicht „eher gegen uns“ ausgefallen sei.

So musste König am Ende Erlingur Richardsson zum Sieg gratulieren. Wie vier anderen Trainerkollegen zuvor. Der Isländer war froh über die beiden Punkte. „50 Minuten war das Spiel wirklich knapp, aber in den letzten zehn Minuten haben wir uns gut konzentriert“, sagte er bei der Pressekonferenz nach der Partie.

Die Taktik der Bittenfelder war lange Zeit aufgegangen: Sie wollten gegen die termingestressten, körperlich und geistig etwas müden Berliner das Tempo hochhalten. Vor allem die in den Spielen zuvor überragenden Berliner Rückraumspieler Drago Vukovic und Petar Nenadic ließ der TVB kaum zur Geltung kommen. Und wenn doch ein Ball durch die Abwehr flutschte, war Yunus Özmusul zur Stelle: Der türkische Nationalkeeper machte ein klasse Spiel – nicht nur wegen fünf gehaltener Siebenmeter.

Im Angriff gefiel vor allem Djibril M’Bengue mit seinem couragierten Auftritt. Er setzte im rechten Rückraum mehr Akzente als der Routinier Lars Friedrich. Der in der Schlussphase für Michael Spatz eingewechselte Finn Kretschmer hatte auf Rechtsaußen wenig glückliche Szenen. „Es war allerdings auch schwierig für ihn“, sagt König. Mehr Spielanteile als zuletzt hatte Tea Coric am Kreis und in der Deckung, „er hat es ordentlich gemacht“.

Nur sporadisch zum Einsatz kam Sajad Esteki, den König in den kommenden Spielen öfter auf die Platte schicken möchte. An diesem Mittwoch (19 Uhr) bereits hat der iranische Nationalspieler die nächste Gelegenheit zu zeigen, weshalb ihn die Bittenfelder verpflichtet haben. In der Mannheimer SAP-Arena wird die Atmosphäre vergleichbar sein mit der in der Max-Schmeling-Halle. Der Gegner dürfte noch euphorisierter auftreten als die Füchse: Die Rhein-Neckar Löwen führen nicht nur als einziges verlustpunktfreies Team die Liga an. Am Sonntag besiegten sie zum Auftakt der Champions League den Titelverteidiger FC Barcelona mit 22:21.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW