Im Fuchsbau wartet der Weltmeister

Nach dem ersehnten ersten Sieg gegen Leipzig muss sich der TVB 1898 Stuttgart in den folgenden vier Partien auswärts beweisen. Zum Auftakt geht’s am Sonntag in den „Fuchsbau“ nach Berlin – zum frischgebackenen Vereins-Weltmeister. Der Aufsteiger möchte sich in der 9000 Zuschauer fassenden Max-Schmeling-Halle nach Kräften wehren. Wie zuletzt in Melsungen.

Die Füchse sind derzeit, ziemlich unerwartet, im Feiermodus. Das liegt weniger am sehr guten Saisonstart mit 6:2 Punkten, sondern vielmehr am fulminanten Auftritt im katarischen Doha vor gut einer Woche. Der 27:24-Auftaktsieg gegen den Club Africain Tunis beim IHF-Super-Globe, der Vereinsweltmeisterschaft, ließ noch nicht erahnen, wie das Turnier für die Füchse enden würde. Im zweiten Spiel jedoch besiegten sie völlig überraschend den FC Barcelona mit 26:25, hatten auch im Endspiel gegen den ungarischen Meister KC Veszprem knapp mit 28:27 die Nase vorne und sicherten sich sensationell den Titel.

Und den möchten die Berliner vor und nach dem Spiel gegen den TVB mit ihren Fans gebührend feiern. Am liebsten natürlich mit einer ähnlichen Vorstellung wie am vergangenen Sonntag, als die Füchse den ThSV Eisenach mit 40:28 aus dessen Halle fegten. Auf den TVB dürfte also einiges zukommen. Zumal die 9000 Zuschauer fassende Max-Schmeling-Halle im erst zweiten Heimspiel gut gefüllt sein dürfte.

Die Bittenfelder reisen also als krasser Außenseiter in die Hauptstadt. „Wir sind natürlich nicht so vermessen und sagen, wir fahren dort hin und holen uns die Punkte ab“, sagt der TVB-Trainer Thomas König. „Wichtig ist, dass wir uns auch in so einem Spiel weiterentwickeln.“ Der Coach hofft, dass seine Spieler die Aufgabe ähnlich forsch angehen wie in Melsungen, wo sie dem klaren Favoriten lange die Stirn boten und erst in der Schlussphase klein beigeben mussten.

Seit 2007 spielen die Füchse in der 1. Liga und haben sich stetig weiterentwickelt. 2011 und 2012 wurden sie jeweils Dritter, 2014 holten sie den DHB-Pokal. In der vergangenen Saison reichte es in der Liga zwar lediglich zu Rang sieben, mit dem Europapokalsieg indes setzten die Berliner ein weiteres Zeichen.

Zur neuen Saison gab’s einen größeren Umbruch: Der Trainer Dagur Sigurdsson verließ den Club nach sechs Jahren und konzentriert sich nun auf seine Aufgabe als Bundestrainer. Neuer Coach ist Erlingur Richardsson, wie sein Vorgänger Isländer. Iker Romero, Konstantin Igropulo, Evgeni Pevnov und Pavel Horak sind nicht mehr dabei. Mit ihren Neuzugängen scheinen die Füchse ins Schwarze getroffen zu haben. Allen voran Drago Vukovic (vom TuS Nettelstedt-Lübbecke), Bjarki Elisson (ThSV Eisenach), Kent Robin Tönnesen (HSG Wetzlar) und Jakov Gojun (Paris St. Germain) haben sich schon hervorragend eingefügt.

„Berlin hat sich sehr gut verstärkt“, sagt Thomas König. Dass das Zusammenspiel indes schon in der frühen Saisonphase so gut funktioniere, „da sind die Füchse wohl selbst überrascht“.

Seit der Auftaktniederlage bei den ebenfalls stark gestarteten Melsungern (20:23) haben die Füchse keinen Punkt liegenlassen: Mit 33:27 siegten sie in Wetzlar, 34:27 gegen Leipzig und 40:28 in Eisenach.

Herausragender Akteur bisher ist Petar Nenadic. Der 29-jährige serbische Nationalspieler wirbelt im Rückraum, ist extrem torgefährlich, spielt variabel und ist dadurch sehr schwer auszurechnen. Mit dem deutschen Nationalspieler Silvio Heinevetter und dem tschechischen Internationalen Petr Stochl verfügen die Füchse über eines der besten Torhüter-Gespanne der Liga, am Kreis gilt’s den schwedischen „Schrank“ und Nationalspieler Jesper Nielsen zu bändigen. Wie stark die Berliner besetzt sind, zeigt auch der Umstand, dass sich der Top-Linksaußen Bjarki Ellison hinter Fredrik Petersen anstellen muss. Mit Nationalspielern, Fabian Wiede und Kent Robin Tönnesen, ist auch der rechte Rückraum bestückt. Selbst den Ausfall des Newcomers Paul Drux haben die Füchse weggesteckt.

Es muss also alles passen bei den Bittenfeldern gegen ein Team, das für Thomas König derzeit – zusammen mit den Rhein-Neckar Löwen –, den stabilsten Eindruck hinterlässt. Auf der anderen Seite gab es an den ersten fünf Spieltagen etliche unerwartete Ergebnisse. „Ich bin gespannt, wie sich die Liga weiterentwickelt“, sagt Thomas König. Am Anfang der Runde gebe es immer wieder Überraschungen, „bis alle im Saisonmodus sind“.

Auf Betriebstemperatur sind auch noch nicht alle Neu-Bittenfelder, Probleme hat vor allem Sajad Esteki. „Es ist schwierig für ihn, er muss eine neue Rolle einnehmen“, sagt sein Trainer. Anders ausgedrückt: In seiner alten Mannschaft genoss der Iraner alle Freiheiten, beim TVB muss er sich unterordnen. „Er muss dazu bereit sein, sich durchzubeißen.“ König ist optimistisch. „Im Training hat Sajad gute Aktionen.“

Fehlen werden dem TVB nach wie vor Dragan Jerkovic, Alex Heib und auch Florian Schöbinger. Der muss sein Comeback doch noch einmal verschieben.

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW