Auf der Suche nach den paar Prozenten

Drei Spiele, drei Niederlagen: Das ist zwar noch kein Grund zur Panik für den TVB 1898 Stuttgart. Um jedoch nicht frühzeitig den Anschluss zu verlieren, sollte das Team von Trainer Thomas König demnächst punkten – am besten am Samstag im Duell gegen den Mitaufsteiger SC DHfK Leipzig. Der indes präsentiert sich zu Saisonbeginn bärenstark.

Um halb vier am Donnerstagmorgen war die Rückreise aus Kassel für Thomas König zu Ende. Der TVB-Trainer hatte also reichlich Zeit, über die Niederlage gegen die MT Melsungen zu sinnieren. So richtig verdaut hatte er das 26:30 nicht – und die anerkennenden Worte des Gegners verbesserten Königs Laune auch nicht übermäßig. Gut gespielt und trotzdem verloren: Diesen Satz könne er nicht mehr hören.

Der TVB erlebte ein weiteres Déjà-vu, an dem der Trainer zu knabbern hat. „Wir haben es verpasst, den Gegner nach der 24:23-Führung zu ärgern“, sagt er. Nach dem Ausgleich ließ sich der TVB bei einem Konter den Ball klauen, kassierte selbst einen Treffer im Gegenzug und zu allem Überfluss auch noch eine Zeitstrafe. Wobei König sein Team bei der Verteilung der Zwei-Minuten-Strafen nicht eben bevorteilt sah.

Jedenfalls verlor der TVB erneut ein Spiel in der Schlussphase. „Wir brauchen jetzt dringend ein Erfolgserlebnis“, sagt König. Vor den vier Auswärtsspielen wäre ein Sieg gegen Leipzig am Samstag „für den Verein, den Trainer, die Mannschaft und das Umfeld sehr, sehr wichtig“.

Im Großen und Ganzen einverstanden war König in Melsungen mit der Angriffsleistung, in der Defensive fehle allerdings noch die Stabilität. Am Mittwoch stand Kasper Kisum im Mittelblock und erledigte seine Aufgabe zur Zufriedenheit seines Trainers. Auch im Angriff überzeugte der Däne. Deutlich verbessert zeigte sich auch der Torhüter Yunus Özmusul. Dagegen sind Sajad Esteki und Teo Coric noch nicht auf dem Level, das sich Thomas König vorstellt.

Mit elf Punkten Vorsprung auf den ersten Nichtaufstiegsplatz holte sich der SC DHfK Leipzig in der vergangenen Saison überlegen die Meisterschaft und präsentierte sich dabei von den Aufstiegskandidaten am konstantesten. Alleine aus diesem Grund werden den Leipzigern von allen drei Neulingen die besten Chancen im Abstiegskampf eingeräumt. Auch, weil das Team von Trainer Christian Prokop viel früher Planungssicherheit hatte als die Eisenacher und Bittenfelder, die bis zum finalen Spieltag zittern mussten.

Im Kader des sechsfachen DDR-Meisters hat sich einiges verändert. Handlungsbedarf bestand unter anderem auf der Torhüterposition. Gabor Pulay beendete seine Karriere, Henrik Ruud Tovas zog es zum HC Elbflorenz. Die Leipziger suchten einen erfahrenen Keeper an der Seite des 23-jährigen Felix Storbeck – und fanden ihn in Milos Putera (33). Der 40-fache ehemalige slowakische Torhüter kam vom insolventen TV Großwallstadt.

Verlassen haben den SC auch Michael Qvist, René Boese, Max Emanuel, Marc Pechstein und Ulrich Streitenberger. Die Neuen dürften diese Verluste jedoch mindestens ausgleichen. An Aivis Jurdzs haben die Bittenfelder ganz schlechte Erinnerungen: Bei der bitteren 25:26-Niederlage in der vergangenen Saison gegen den Aufstiegskonkurrenten ThSV Eisenach erzielte der lettische Nationalspieler die letzten beiden entscheidenden Tore der Eisenacher. Nun haben sich die Leipziger die Dienste des wurfgewaltigen linken Rückraumspielers gesichert.

Vom Erstliga-Absteiger GWD Minden kam der rechte Rückraumspieler Christoph Steinert, vom ASV Hamm-Westfallen der Kreisläufer Benjamin Meschke. Sergey Zhedik, wie Jurdzs im linken Rückraum zu Hause, spielte beim bei SKIF Krasnodar und war Torschützenkönig der ersten russischen Liga.

Den Leipzigern gelang das, was den Bittenfeldern knapp verwehrt geblieben ist: der fürs Selbstvertrauen so wichtige Auftaktsieg beim 31:27 gegen den HSV Hamburg. Die MT Melsungen war für den Aufsteiger anschließend eine Nummer zu groß (21:32). Doch schon bei der 27:34-Niederlage bei den Füchsen Berlin zeigte Leipzig, was es draufhat: Die Füchse mussten sich mächtig strecken und stellten den Sieg erst in der Schlussphase sicher.

Für den zweiten Coup sorgte der nächste Gegner des TVB am vergangenen Mittwoch: Im Ost-Derby bezwang Leipzig den stark eingeschätzten Vorjahresvierten SC Magdeburg mit 26:25 und reist mit 4:4 Punkten nach Stuttgart.

Einen Trumpf hat Leipzig sogar noch im Ärmel: Der herausragende Mittelmann Philipp Weber fehlte in den ersten vier Spielen wegen eines Anbruchs des linken Ellbogens, dürfte aber am Samstag wieder im Kader stehen. Mit Philipp Pöter hatte – und hat – Weber allerdings einen mehr als adäquaten Ersatz. Der ausgebuffte Ex-Essener präsentiert sich derzeit in starker Form.

Überhaupt hat der Trainer Christian Prokop auf allen Positionen mehrere Alternativen – am Kreis ist der SC gleich vierfach besetzt: Außer Meschke stehen Thomas Oehlrich, Bastian Roscheck und der Schweizer Nationalspieler Alen Milosevic zur Wahl.

Auf den TVB wartet also eine schwierige Aufgabe, ein Erfolg wäre Balsam für die etwas geschundene Bittenfelder Seele. Thomas König will die Partie jedoch nicht zu einem Endspiel aufwerten. „Dafür ist die Saison noch zu lang.“

 

Quelle: Thomas Wagner, ZVW