Überleben im Haifischbecken

Die Aufsteiger in die 1. Liga gelten als erste Abstiegskandidaten. Die Mittel des TVB sind bescheiden, die Euphorie ist groß.

Es muss Mitte der 1990 Jahre gewesen sein, zu Verbandsligazeiten des TV Bittenfeld. In einer lockeren Stammtischrunde sorgte Günter Schweikardt für irritierte Blicke bei seinen Mithockern. „Unser Ziel muss es sein, mit dem TV Bittenfeld irgendwann in der Bundesliga zu spielen“, verkündete der damalige Trainer und heutige Sportliche Leiter. Rund 20 Jahre später ist der TVB angekommen auf dem Gipfel. THW Kiel, Rhein-Neckar Löwen, SG Flensburg-Handewitt, SC Magdeburg, Füchse Berlin, HSV Hamburg, TBV Lemgo: Mit solchen Gegnern wird es der TVB in der kommenden Saison zu tun bekommen. Der Dorfverein misst sich mit den besten Handballern der Welt, läuft in Hallen auf, die fünfmal so groß sind wie die Scharrena in Stuttgart.

Der Aufstieg des TVB ist ein riesiger Erfolg, allerdings keineswegs eine Sensation. Der Verein hat sich mit schwäbischem Fleiß, Beharrlichkeit und großem Know-how stetig entwickelt. In 20 Jahren stieg der TVB von der Verbandsliga bis in die 1. Liga auf und überstand dabei schwierige Phasen. Das Umfeld und die Infrastruktur hatten Mühe, mit der rasanten sportlichen Entwicklung Schritt zu halten. Nach fünf Jahren in der 2. Bundesliga Süd war die Qualifikation für die eingleisige Liga nicht nur ein weiterer Aufstieg. Die Bittenfelder waren mehr oder weniger gezwungen, schnellstmöglich die Strukturen zu professionalisieren.

Das ist ihnen hervorragend gelungen. Nahezu sämtliche – zunächst vielfach kritisch beäugte – Entscheidungen erwiesen sich als goldrichtig. Allen voran der Umzug von der Bittenfelder Gemeindehalle in die Stuttgarter Spielstätten Scharrena und Porsche-Arena brachte den TV Bittenfeld einen großen Schritt weiter. Im Zuschauerranking spielte der TVB ganz vorne mit in der 2. Liga, auch sportlich legte er jedes Jahr zu.

Nach dem siebten Platz im zweiten Jahr in der eingleisigen Liga schnupperten die Bittenfelder in der Saison 2013/2014 mit Rang vier bereits am Aufstieg, am Ende fehlte lediglich ein Punkt. Nun ist der TVB am Ziel seiner Träume – auch dank des cleveren Marketings. Der TV Bittenfeld suchte den Kontakt mit den Vereinen in der Region, die Spieler sind nah dran an den Fans. Der TVB hat sich mittlerweile einen stattlichen Pool an Sponsoren aufgebaut. Und mit dem Hauptsponsor Kärcher hat der TVB ein Weltunternehmen und einen seriösen Partner an seiner Seite.

Finanziell haben die Bittenfelder nie über ihre Verhältnisse gelebt, Lohn war die alljährliche, auflagenfreie Erteilung der Lizenz. Der TVB ist gesund in die 1. Liga aufgestiegen – es ist kaum vorstellbar, dass ihn das Aufstiegsfieber niederstrecken wird und er Geld für Neuverpflichtungen ausgeben wird, das er eigentlich nicht hat. Mit rund zwei Millionen Euro Etat muss der Liga-Neuling auskommen, finanziell dürfte er damit auf einem Abstiegsplatz landen.

Die spannende Frage wird sein, ob es dem kleinen Fisch TV Bittenfeld gelingt, im Haifischbecken 1. Liga sportlich zu überleben. Die Fakten sprechen eigentlich gegen Bittenfeld. In der vergangenen fünf Jahren haben von 15 Aufsteigern lediglich der Bergische HC und der TSV GWD Minden nach dem Aufstieg in die 1. Liga den direkten Wiederabstieg verhindert. Mit der SG BBM Bietigheim, der TSG Ludwigsburg-Friesenheim und dem HC Erlangen haben sich zuletzt sämtliche drei Neulinge wieder verabschiedet. Der TVB Lemgo sammelte auf dem ersten Nichtaufstiegsplatz immerhin 27 Punkte.

Dass der Aufstieg der Bittenfelder recht spät feststand, erschwert die Personalplanungen erheblich. In der Vergangenheit hatten die Verantwortlichen meist ein gutes Näschen, wenn es darum ging, den Kader punktuell zu verstärken. Aktuell indes sind sie mehr denn je gefordert: Die Neuen müssen die Mannschaft in der Spitze verstärken. Sprich: Der TVB braucht erstligaerfahrene Akteure. Vom derzeitigen Team spielten lediglich Dragan Jerkovic, Lars Friedrich, Michael Schweikardt und Alexander Heib in der Beletage.

Die ersten beiden Verpflichtungen, der Torhüter Yunus Özmusul (Besiktas Istanbul/26) und der Kreisläufer Teo Coric (RK Zagreb/23), spielten in der vergangenen Saison mit ihren Clubs in der Champions-League und passen damit ins Anforderungsprofil. Auch der neue Trainer, der Ex-Friesenheimer Thomas König (51), kennt sich in der 1. Liga aus.

Zwei Spieler wünscht sich der TVB noch, dann fühlt er sich gewappnet für die größte Herausforderung in der Vereinsgeschichte. Günter Schweikardt ist überzeugt davon, dass der TVB konkurrenzfähig sein wird in der 1. Liga. Manch einer, der den TV Bittenfeld als ersten Absteiger sieht, dürfte jetzt die Nase rümpfen. Der Rest darf hoffen, dass der Sportlicher Leiter die Lage realistisch einschätzen kann.

Wie er das vor 20 Jahren in der Bittenfelder Stammtischrunde getan hat.