Bei solchen Fans bleibt nur der Aufstieg

Den Tag wird der TV Hüttenberg so schnell nicht vergessen – und das nicht deshalb, weil es das letzte Heimspiel des Absteigers aus der zweiten Handball-Bundesliga war. Sondern weil der TV Bittenfeld zu Gast war. Die Bittenfelder überrollten die Hessen, vor allem die Fans. Die Mannschaft erfüllte ihre Pflicht: Sieg und Aufstieg in die 1. Bundesliga.

Der Tag der Entscheidung beginnt mit Warten. Fünf Busse warten am Samstag gegen 12.30 Uhr beim TVB-Vereinsheim auf rund 250 Fans. Die müssen sich erst ihr Ticket abholen und erfahren bei Monika Heib zudem, welchem Bus sie zugeteilt sind. Wer sich noch mit Fan-Kleidung eindecken will, kann in der Wühlkiste nach alten Trikots suchen. „Das da?“, fragt eine Frau und hält ihrer Begleiterin ein Trikot von Adrian Wehner hin, der seit zwei Jahren nicht mehr zum Kader zählt. Die schüttelt den Kopf. „Wer ist denn Adrian Wehner?“ Nicht nur altgediente Fans machen sich auf den Weg nach Hüttenberg.

2006 war’s, da ist der TV Bittenfeld schon einmal mit Fanbussen zu einem entscheidenden Spiel aufgebrochen. In drei Bussen, so erinnert sich Sven Heib, ging’s nach Altensteig. Der Tag endete mit dem Aufstieg in Liga zwei. Jetzt sind’s fünf Busse. Zusammen mit jenen, die sich im eigenen Auto auf den Weg machen, sind es über 400. Manche sprechen von 500.

Hüttenberg ist überdies ein gutes Pflaster für den TVB. 2007 gelang ihm hier – von niemandem mehr erwartet – der Klassenerhalt.

Um 13.15 Uhr brandet erster Jubel auf. Zumindest in Bus vier. Fahrer Georg („Wie der Busch, nur nicht so gefährlich“) startet den Motor.

Die Fans sind zuversichtlich. Nur einer sagt: „Jetzt sind wir noch gut drauf, jetzt haben wir noch nicht verloren.“ Ein Scherz. Die Fans überlegen vielmehr bereits, welche TVB-Spiele in der Ersten Liga wohl im Fernsehen übertragen werden.

Dass sie die Mannschaft auch dann begleiten werden, steht für sie fest. Nach Hamburg, Kiel und Berlin, „dann fliegen wir“. Als die SAP-Arena neben der Autobahn auftaucht, rufen sie ihr zu: „Nächstes Jahr kommen wir.“ Zu den Rhein-Neckar-Löwen.

Klar werde es in Liga eins viel schwerer werden, aber drei Neue sollen ja schon feststehen. Nur wie der TV Bittenfeld in nicht allzu ferner Zukunft heißen wird, bereitet den Fans Kopfzerbrechen. TV Stuttgart-Bittenfeld?

Doch das ist Zukunftsmusik, erst mal lassen es sich die Handballreisenden gutgehen. Die Truppe ist gut ausgestattet. Nicht nur während dieser Fahrt. „Bei uns verhungert niemand.“ Und so wird aufgetischt: Butterbrezeln, Würstchen, Hefezopf, verschiedene Kuchen, Eierlikör – und ein wenig Bier.

16.45 Uhr zeigt die Uhr, als der Bus Hüttenberg erreicht und die TVB-Fans fühlen sich gleich wohl. „Ganz ländlich hier. Wie bei uns.”

Der Platz vor der Halle, die sich in leichter Anmaßung Sportzentrum nennt, ist jetzt schon fest in Bittenfelder Hand. Farblich und akustisch. Blau regiert die Szene (das tragen allerdings auch die Hüttenberger), die Bittenfelder Trommler haben das Ruder übernommen, stimmlich erstklassig von den Fans begleitet. Die Hüttenbergfans, die ebenfalls auf die Hallenöffnung warten, können nur staunen.

„Biddefeld! Biddefeld!“

In der Halle sieht es nicht anders aus, so viel Mühe sich die Hüttenberger Fans auch geben, keine Chance gegen das, was da über sie hereingebrochen ist. „Biddefeld! Biddefeld!“

Die Mannschaft braucht die Unterstützung. Dringend. Es läuft lange Zeit alles andere als optimal. Und als die Partie schon gewonnen scheint, wird es doch noch einmal spannend. Aber Bus 4 (und für die andern gilt das vermutlich genauso) behält recht: Der TV Bittenfeld gewinnt und steigt zu 99,99 Prozent in die Erste Liga auf. Versauen kann er sich’s nur, wenn er im letzten Spiel bei TUSEM Essen mit 20 Toren Differenz verliert und Nordhorn gleichzeitig ebenso hoch gewinnt. Niemand glaubt ernsthaft, dass dies passieren wird. Auch der TV Hüttenberg gratuliert zum Aufstieg.

Danach tanzen Spieler, Funktionäre und Fans auf dem Feld. Immer wieder fallen sich Menschen um den Hals, führen sich auf wie kleine Kinder. Alex Heib vorneweg. Er dirigiert die Fans: erst in der Halle und dann auch noch davor.

Kurz vor 21 Uhr machen sich die Busse auf den Heimweg. In Nummer vier hat Fahrer Georg vorgesorgt. Mit Blick auf die Erste Liga bietet er Flensburger Bier an. Die Fans singen „Niemals Zweite Liga“ und überlegen sich, was sie zu Hause anstellen könnten: „Wie wär’s mit einem Autokorso durch Waiblingen?“ Bei solchen Fans ist der Aufstieg eigentlich unvermeidlich.

Um 23.50 Uhr erreichen die Busse Bittenfeld, die Mannschaft kommt etwa eine Stunde später. Das Vereinsheim hat noch geöffnet. Die Party beginnt.