“Wir machen nicht alles vom Aufstieg abhängig”

In der Rückrunde der vorigen Saison hat der TV Bittenfeld groß aufgetrumpft, nur ein Punkt fehlte zum Sprung in die 1. Handball-Bundesliga. Zählt der TVB deshalb in der neuen Spielzeit zwangsläufig zu den Aufstiegskandidaten? Für einige Konkurrenten schon, der Bittenfelder Trainer indes ist zurückhaltend. „Es werden wieder Kleinigkeiten ausschlaggebend sein“, sagt Jürgen Schweikardt.

Nicht jeder Trainer der 20 Zweitligisten wollte dem Fachmagazin Handball-Woche für dessen Saison-Vorschauheft seine Aufstiegsfavoriten nennen. Falls doch, tauchte der TV Bittenfeld regelmäßig im Kreis der Kandidaten auf. Für Gerald Oberbeck, dem Trainer von Eintracht Hildesheim, ist der TVB gar der Top-Favorit.

Solche Vorschusslorbeeren schmecken dem Bittenfelder Coach ebenso wenig wie die Schlüsse, die mancher aus den Testspielsiegen gegen die Erstligisten FA Göppingen und TuS Nettelstedt-Lübbecke zieht. „Natürlich wissen wir, dass die Erwartungen im Umfeld nach unserer starken Rückrunde groß sind“, sagt Jürgen Schweikardt. An der Ausgangssituation habe sich jedoch gegenüber dem Vorjahr nicht viel geändert. „Deswegen werden wir auch kein Saisonziel ausgeben.“

AnnäherungDie 2. Liga gilt als stärker denn je

Hatte der Coach vor der vergangenen Spielzeit ein Dutzend Mannschaften auf ähnlichem Niveau gesehen, sind’s jetzt zwei, drei weniger – und damit immer noch genügend, die für ein spannendes Rennen im Kampf um die drei Aufstiegsplätze infrage kommen. „Am Ende werden sich diejenigen durchsetzen, die am konstantesten spielten, von Verletzungen weitgehend verschont geblieben sind und die in den entscheidenden Spielen das Glück auf ihrer Seite hatten.“

So oder so: Schweikardt ist überzeugt davon, dass die 2. Liga im vierten Jahr ihrer Eingleisigkeit stärker ist denn je. „Sie gehört für mich sogar zu den fünf besten Ligen der Welt.“ Der Spalt zwischen der 1. und 2. Liga werde immer kleiner. Beleg dafür seien in der vergangenen Saison etliche Pokalspiele gewesen, in denen die Erstligisten gegen die Zweitligisten den Kürzeren zogen. Dem TVB gelang das Kunststück gegen den TV Emsdetten, gegen FA Göppingen verpasste er die Überraschung nur knapp. „Außerdem hat sich in den vergangenen Jahren immer ein Aufsteiger in der 1. Liga gehalten, und Neuhausen war ganz nah dran.“ An einem guten Tag, davon ist Schweikardt überzeugt, könnten die Zweitligisten zumindest gegen jeden Erstligisten von Rang zehn abwärts gewinnen.

Konstanz und Stabilität – das scheinen die großen Zauberworte zu sein auf dem Weg zu den ersten drei Aufstiegsplätzen in der 2. Liga. Damit hatten die Bittenfelder zuletzt so ihre Probleme. In der Saison 2012/2013 liebäugelten sie nach dem Ende der Hinrunde mit dem Aufstieg, doch in der Rückrunde folgte der jähe Absturz. 2013/2014 stand der TVB zur Saisonhalbzeit auf Rang elf – und avancierte mit 28:8 Punkten zum besten Rückrundenteam.

Mit vielen überzeugenden Auftritten verschaffte sich der TV Bittenfeld Respekt und nährte die Hoffnung, dass es im neunten Zweitligajahr mit dem Aufstieg klappen könnte. „Natürlich wünschen wir uns, dass wir die Form der Rückrunde wieder auf die Platte bringen können“, sagt Schweikardt. „Wir können und dürfen aber nicht davon ausgehen, dass wir gleich wieder eine Serie starten.“ Zumal der TVB in der Vorbereitung bereits den einen oder anderen Rückschlag einstecken musste. So werden zum Saisonstart von den vier Spielern, die für den Mittelblock vorgesehen waren, nur zwei einsatzfähig sein. „Natürlich werden wir trotzdem eine gute Mannschaft aufbieten können“, sagt der Coach fast trotzig.

Im Kader hat sich gegenüber dem Vorjahr nicht übermäßig viel geändert, weil die Verantwortlichen dazu keinen Anlass sahen. Der Vertrag mit dem Rechtsaußen Peter Jungwirth wurde nicht verlängert, dafür holte der TVB aus Bad Schwartau den talentierten Finn Kretschmer (20). Gerne behalten hätten die Bittenfelder Dennis Szczesny, den es zum Ligakonkurrenten TUSEM Essen zog. Vor allem in der Defensive war Szczesny beim TVB ein wesentlicher Faktor. Mit dem erfahrenen Patrik „Palle“ Kvalvik (30) fanden die Bittenfelder in Emsdetten einen adäquaten Ersatz.

Szczesnys Rolle auf halblinks im Angriff indes kann der schwedische Kreisläufer nicht einnehmen. Die Bittenfelder planten hier mit Martin Kienzle und Florian Schöbinger als Alternative für Dominik Weiß. Etwas überraschend holte der TVB doch noch Verstärkung: Richard „Ricke“ Sundberg (22) absolvierte auf Empfehlung des ehemaligen Waiblingers Mikko Koskue ein Probetraining. Eine Verpflichtung war nicht unbedingt sofort vorgesehen. Weil der junge Finne jedoch einen überzeugenden Eindruck hinterließ und der TVB den einen oder anderen Verletzten zu beklagen hat, handelten die Verantwortlichen sofort und sicherten sich die Dienste des 20-fachen Nationalspielers.

Der vierte Neuzugang ist ein halber: Torhüter Dragan Jerkovic kam zur Winterpause und hatte zusammen mit Jürgen Müller und Daniel Sdunek wesentlichen Anteil an der erfolgreichen Rückrunde. Jürgen Schweikardt hofft, dass sich der Konkurrenzkampf wieder positiv auf die Leistungen der Keeper auswirken wird. „Auch auf den anderen Positionen haben wir nun mehr Alternativen als im Vorjahr“, sagt er. „Da kann’s schon sein, dass der eine oder andere mit seinen Spielanteilen nicht zufrieden sein wird. Aber das gehört nun einmal dazu.“ Zum erweiterten Kader zählen wieder Alexander Bischoff und Tom Kuhnle.

Trotz einiger guter Testspielresultate: Völlig störungsfrei verlief die Vorbereitung nicht beim TVB. Der Linksaußen Tobias Schimmelbauer musste wegen eines Außenbandanrisses am Daumen einige Wochen pausieren, er ist aber zwischenzeitlich wieder fit. Noch schlimmer erwischt hat es Simon Baumgarten (Teilabriss der Adduktoren) und Patrik Kvalvik (Verletzung der Quadrizepssehne). Beide arbeiten derzeit eifrig an ihrem Comeback, den Saisonstart werden sie allerdings verpassen.

Vor allem der Mittelblock des TVB stellt sich damit in den ersten Spielen von selbst auf: Schöbinger und Weiß werden diese Aufgabe übernehmen. Als Backup steht Richard Sundberg parat – und der Finne muss möglicherweise schneller ran als geplant: Kurz vor dem Saisonstart verletzte sich Weiß am Daumen, sein Einsatz ist zumindest in den ersten beiden Partien stark gefährdet.

Jürgen Schweikardt ist überzeugt davon, mit den Neuverpflichtungen ein gutes Näschen gehabt zu haben. Von ihren sportlichen Fähigkeiten ist er überzeugt, auch menschlich passten sie sehr gut ins Team. Bei 16 Spielern, inklusive drei Torhütern, hat der Trainer ausreichend Alternativen, die Positionen sind doppelt besetzt. Etliche Spieler sind variabel einsetzbar, die Mischung stimmt: Erfahrene Akteure wie Dragan Jerkovic (39), Daniel Sdunek (34), Michael Schweikardt (31) oder Patrik Kvalvik (30) werden ergänzt mit einigen jungen, die erst noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen und ihr Potenzial längst noch nicht ausgeschöpft haben: Djibril M’Bengue (22), Martin Kienzle (22), Finn Kretschmer (20), Michael Seiz (21) oder Richard Sundberg (22).

Je näher der Saisonauftakt rückt, desto stärker wird das Kribbeln bei Jürgen Schweikardt. Wie immer nach der langen und anstrengenden Vorbereitung, sehnen sich das Trainerteam und die Mannschaft danach, dass es endlich losgeht. „Wir verspüren wieder große Lust, es macht einfach Spaß, mit der Mannschaft zu arbeiten.“

LustHöchste Zeit, dass es losgeht

Wobei die Bittenfelder gleich zum Auftakt mächtig gefordert werden: Binnen vier Tagen müssen die zweimal, im Pokal und zum Punktspielauftakt, beim SC DHfK Leipzig antreten. Nach dem Heimspiel gegen den EHV Aue geht’s zum HSC Coburg. Dem sehr gut besetzten Neuling trauen die Experten einen Mittelfeldplatz zu. Zudem werden die Coburger zu Saisonbeginn von der Aufstiegseuphorie getragen werden. Und auf ihre Fans können sie sich immer verlassen: 2500 Zuschauer verfolgten in der vergangenen Saison die Heimspiele im Schnitt. Im Anschluss kommt der Erstliga-Absteiger TV Emsdetten in die Scharrena. „Es ist vielleicht der schwerste Start in den vergangenen Jahren“, so Schweikardt.

Der Vorjahresfünfte Leipzig hat für Schweikardt – zusammen mit dem Erstliga-Absteiger ThSV Eisenach – die besten Karten im Rennen um den Aufstieg. Die Eisenacher stehen dabei vor einer besonders großen Prüfung: Der Trainer Adalsteinn Eyjolfsson muss gleich 23 Spieler bei Laune halten. Gute Chancen werden auch dem zweiten Erstliga-Absteiger TV Emsdetten mit dem neuen Trainer Daniel Kubes sowie dem TV Großwallstadt eingeräumt. Auch die HSG Nordhorn-Lingen, der TV Neuhausen, der ASV Hamm-Westfalen und Eintracht Hildesheim dürften stark genug sein, ein Wörtchen um die Vergabe der ersten drei Plätze mitzureden. Schwer einzuschätzen dagegen sind der VfL Bad Schwartau und TUSEM Essen.

Die Konkurrenz ist also groß für den TV Bittenfeld. Natürlich träumt der Vorjahresvierte von der 1. Liga. „Wir machen aber nicht alles vom Aufstieg abhängig“, sagt Jürgen Schweikardt. „Wir haben ein Konzept, das für die 1. und für 2. Liga funktioniert.“