Selbstbewusst, aber ein bisschen demütiger

Den Aufstieg hat keines der 20 Teams in der 2. Handball-Bundesliga offiziell als Ziel ausgegeben – aus gutem Grund, wie der Trainer des TV Bittenfeld findet. 14 Mannschaften sieht Jürgen Schweikardt auf Augenhöhe, darunter auch den TVB. „Wir werden die Saison etwas demütiger angehen“, sagt er. „Wir sind nicht besser, aber auch nicht schlechter als andere Teams.“

Die siebte Saison war für den TVB zwar keineswegs eine verflixte, schließlich bedeutete Rang sieben die drittbeste Platzierung der Bittenfelder in der 2. Liga. Und dennoch: Die Bilanz fiel eher ernüchternd aus. Nicht nur, weil der TVB zur Winterpause den Aufstieg im Blick hatte und der Trainer Günter Schweikardt den Job nach 2:12 Punkten in der Rückrunde an seinen Sohn Jürgen weitergab.

Hosenboden: Lernen aus dem Vorjahr

Der brachte die Saison zwar ordentlich zu Ende, die harte Landung nach der verheißungsvollen Ausgangsposition zur Jahreswende hat jedoch für Ernüchterung gesorgt. „Vielleicht haben wir gedacht, wir sind mit unserem Neuzugängen aus der 1. Liga individuell besser als die Gegner“, sagt Jürgen Schweikardt heute. Dass die Integration der Neuen besser klappte als gedacht und dem TVB zwischenzeitlich einen Aufstiegsrang bescherte, ließ die Bittenfelder von der 1. Liga träumen. „Wir mussten aber erkennen, dass die anderen auch nicht schlafen.“

Möglicherweise spricht der Coach auch deshalb etwas zurückhaltender über die kommende Spielzeit. Im DHB-Pokal wartet am kommenden Samstag der Rheinlandligist TS Bendorf, ehe am Freitag, 30. August, mit dem TV Hüttenberg gleich ein Top-Team zum Liga-Auftakt in die Scharrena kommt. Es sei „unheimlich schwierig“, Ziele zu formulieren. Schlechter als in der vergangenen Saison möchte der TVB aber auf keinen Fall abschließen. „Wir wollen uns weiterentwickeln und aus unseren Fehlern lernen“, sagt Schweikardt. Schon alleine aus diesem Grund sei die vergangene Spielzeit stets präsent – wobei der Trainer freilich viel lieber über die künftigen Aufgaben spricht.

Denen kann er sich nun ausführlicher widmen als in den elf Spielen, die ihm im Frühjahr nach seiner überraschenden Amtsübernahme blieben. „Da musste ich noch viel verwalten, jetzt habe ich mir in der Vorbereitung in aller Ruhe meine eigenen Gedanken machen können.“ Die Doppelbelastung durch sein Amt als Geschäftsführer hat er allerdings immer noch, und nach dem Abschied von Heiko Burmeister mussten zudem die Zuständigkeiten im Trainerstab neu verteilt werden: Karsten Schäfer ist mehr eingespannt. „Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut“, sagt Schweikardt.

Eine der dringlichsten Aufgaben des Trainerteams ist es, für mehr Stabilität und Konstanz zu sorgen. Ohne diese Eigenschaften, da ist sich Schweikardt sicher, wird kein Team um die drei Aufstiegsränge mitspielen. „Auch wenn’s phrasenmäßig klingen mag: Kein Team wird gewinnen, wenn es nur 80 Prozent seines Leistungsvermögens abruft.“ Dazu sei die Liga zu ausgeglichen. Umso wichtiger sei es, an den Details zu feilen. Jeder Spieler im Team habe eine Aufgabe, auf die er sich akribisch vorbereiten und versuchen müsse, sie so gut und so oft wie möglich zu erfüllen. Die Spielabläufe müssten in Fleisch und Blut übergehen, was zu einer gewissen Sicherheit im Spiel führe. Und die wiederum sei Grundlage für die notwendige Konstanz in den 38 Auftritten.

Dass die Bittenfelder mit nahezu unverändertem Kader in die Saison gehen, dürfte die Trainingsarbeit erleichtern. Eine Garantie für den Erfolg sei dies allerdings nicht, sagt Schweikardt. Pikanterweise sammelte der TVB in der vergangenen Spielzeit mehr Punkte, als die Integration der Neuen noch nicht abgeschlossen war. Trotzdem: Hier und da dürfte es nun besser flutschen zwischen Jürgen Müller, Michael Schweikardt, Lars Friedrich, Peter Jungwirth und Dennis Szczesny.

Der einzige echte Neue im Team ist Djibril M’Bengue. Der 21-jährige Linkshänder kommt vom Württembergligisten Schwäbisch Gmünd. Mittelfristig soll er im rechten Rückraum Lars Friedrich entlasten – und Schweikardt traut ihm diese Rolle auch zu. „Allerdings müssen wir ihm Zeit geben, er muss jetzt noch keine Spiele für uns gewinnen.“

Zurückgekehrt zum TVB ist Alexander Heib nach seinem Gastspiel beim Vorjahres-Erstligisten TV Neuhausen/Erms. Der 26-Jährige braucht wenig Eingewöhnungszeit, er kennt die meisten Mitspieler und ist überdies mit einer großen Portion Spielintelligenz ausgestattet. „Ganz klar, Alex wird unser Spiel bereichern“, sagt sein Trainer. Mit Heib, Michael Schweikardt und Florian Schöbinger verfügt der TVB über drei unterschiedliche Typen auf der Spielmacher-Position und dürfte dadurch schwieriger auszurechnen sein.

Quantitativ hat sich am Kader gegenüber dem Vorjahr im Prinzip nichts verändert. Heib und M’Bengue ersetzen Jürgen Schweikardt, der vom Spielfeld auf die Trainerbank wechselte, und Adrian Wehner, der sich dem Württembergligisten SV Remshalden anschloss. Mehr Neuverpflichtungen seien von vorneherein nicht geplant gewesen nach dem größeren Umbruch im Vorjahr, sagt Schweikardt. Mit einem zusätzlichen Spieler indes hatte der TVB gerechnet: Nach seinem erneuten Kreuzbandriss muss sich der große Pechvogel Leon Pabst allerdings noch gedulden. Damit hat der TVB – inklusive der beiden Torhüter – 14 Spieler im Kader und rechnerisch jede Position doppelt besetzt. „Ich denke, wir können bis zu zwei Ausfälle verkraften.“

In der Hinterhand hat der Coach das Perspektivteam, aus dem Alexander Bischoff zum Saisonende sein Debüt im Zweitligateam feierte. „Er kann so eine Lücke schon mal schließen“, sagt Jürgen Schweikardt. In der Defensive wird der TVB auch in der neuen Saison mit zwei Formationen agieren: vornehmlich in der 6:0-, gegebenenfalls aber auch in einer 5:1-Variante. Bei ersterer teilen sich vier Spieler die Aufgaben im Mittelblock: Dominik Weiß, Florian Schöbinger, Dennis Szczesny und Simon Baumgarten werden die Pärchen bilden, die variabel zusammengestellt werden.

In eine Situation wie gegen Ende der vergangenen Saison, als es nach dem gleichzeitigen Ausfall von Schöbinger und Weiß ein paar Abstimmungsprobleme gab, möchte der TVB nicht mehr kommen.

Momentaufnahme: Wie gut war die Vorbereitung?

Vor allem die Defensive überzeugte in den Vorbereitungsspielen, was Jürgen Schweikardt zuversichtlich stimmt. „Beim Intersport-Masters haben wir gezeigt, wozu wir in der Lage sind“, sagt er. „Solche Erfolgserlebnisse sind wichtig.“ Der TVB besiegte dort den Erstligisten HBW Balingen-Weilstetten sowie den slowenischen Champions-League-Teilnehmer RK Celje und hielt die Spiele gegen den SC Magdeburg und Rhein-Neckar Löwen offen. Von einer perfekten Vorbereitung indes will der Coach – noch – nichts wissen. „Wie gut die war, wissen wir erst, wenn das erste Spiel vorbei ist und wir erfolgreich gestartet sind.“ So oder so: Jürgen Schweikardt und sein Team fiebern dem Saisonstart entgegen. „Wir freuen uns total auf die Saison in einer sehr attraktiven und meiner Meinung nach noch stärkeren 2. Liga.“

Traditionsclubs wie der TV Großwallstadt oder TUSEM Essen sind zweifelsohne eine Bereicherung, und der TV Neuhausen/Erms sorgt für zwei weitere Derbys nach dem Kräftemessen mit dem Dauerrivalen SG BBM Bietigheim. Mit Großwallstadt, Friesenheim, Leutershausen und Rimpar liegen weitere Gegner diesseits der 200-Kilometer-Grenze. Da lassen sich die vier Flugreisen in den hohen Norden einigermaßen verkraften. Die Reisekosten-Kasse dürfte also nicht zusätzlich belastet werden.

Geordnete Finanzen sind schon immer ein zentrales Thema bei den Bittenfeldern, die sich solides Wirtschaften auf die Fahnen geschrieben haben. Die Zeiten, als der TVB als rühriger Dorfclub beschrieben wurde, sind allerdings längst Geschichte. Er hat sich längst etabliert in der Liga. Mit der Veröffentlichung von Zahlen indes hält sich der TVB in typisch schwäbischer Manier vornehm zurück. „Der Etat dürfte sich in etwa auf dem Niveau des Vorjahres bewegen“, sagt Schweikardt. „Nach meinen Schätzungen liegen wir damit im guten Mittelfeld der Liga.“ Der eine oder andere größere Sponsor sei zwar verloren gegangen, dafür seien einige „mittlere“ hinzugekommen.

Imagepflege: Bloß nicht wieder eine Insolvenz

Mit Wohlwollen registriert Schweikardt, dass sich viele Mannschaften mittelfristig den Aufstieg in die 1. Liga zum Ziel gesetzt haben. „Jeder einzelne Bundesligist sorgt dafür, dass der Handball in seiner Region populär wird.“ Schweikardt ist nach wie vor überzeugt davon, dass die eingleisige 2. Liga die richtige Entscheidung war und der Abstand zur 1. Liga nach und nach verkürzt werde. Auch wenn’s auf dem Papier – noch – nicht so aussieht: Mit Neuhausen und Essen kehrten die Erstliga-Aufsteiger ebenso wie Hüttenberg im Jahr davor zwar unverzüglich in die 2. Liga zurück. Hüttenberg und Neuhausen verpassten den Ligaverbleib allerdings nur knapp.

Einen kleinen Wermutstropfen indes gibt’s: Mit der zunehmenden Professionalisierung der 2. Liga scheint die Kluft zur 3. Liga größer zu werden: Die Meister der Süd- und Weststaffel verzichteten aktuell aus finanziellen Gründen auf den Aufstieg. Die Handball-Bundesliga muss sich nun also Gedanken darüber machen, wie sie den Drittligisten die 2. Liga schmackhaft machen kann. Und nebenbei muss die HBL die Zweitligaclubs zu einem vernünftigen Umgang mit den Finanzen erziehen. Immer wieder übernehmen sich die Clubs und verschwinden von der Bundesliga-Landkarte.

Eine Saison ohne Insolvenzen stünde der Sportart gut zu Gesicht, findet Schweikardt. „Hin und wieder steht bei den Vereinen der Wunsch nach sportlichem Erfolg eben noch über der wirtschaftlichen Vernunft“, sagt er – und hofft, dass die Vereine mittlerweile erkannt haben, dass dies ein äußerst gefährlicher Weg ist. Ein Verhalten, mit dem sich die Vereine nicht nur selbst Schaden zufügten, sondern auch der Sportart Handball.