Mini-Tsunami bringt TVB nicht vom Kurs ab

In der vergangenen Woche verkündete der TVB einen Trainerwechsel. Günter Schweikardt war von seinem Traineramt zurückgetreten. Hier ein Kommentar von Thomas Wagner vom ZVW.

Die Frage dieser Tage lautet nicht: Was passiert gerade auf Twitter? Sondern vielmehr: Was geht ab beim Handball-Zweitligisten TV Bittenfeld?

Der Trainer hat nach 2:12 Punkten in der Rückrunde das Handtuch geworfen. Das ist im Profisport nicht unüblich nach solch grausigen Serien. Auch anderswo räumen Trainer freiwillig das Feld – oder sie werden vor die Tür gesetzt. Im Waiblinger Norden indes war der Aufschrei fast so laut wie beim Abgang des Papstes. Schließlich ist eine Institution zurückgetreten – wenn auch nur halb: Günter Schweikardt bleibt der Sportliche Leiter beim TVB.

In Bittenfeld ist schon immer alles ein wenig anders gewesen. Der Verein hat eine besondere Historie, die unmittelbar mit dem Namen Schweikardt verbunden ist. Deshalb war der Rücktritt von Günter Schweikardt für viele eher ein Mini-Tsunami als eine kleine Erschütterung. Und natürlich kommen in Zeiten wie diesen die Nörgler und Besserwisser aus ihren Schlupflöchern, in denen sie sich verschanzt hatten, so lange alles rund gelaufen ist beim TV Bittenfeld.

Wir erinnern uns: Vor vielen Jahren, als der Club noch in der Oberliga spielte, hatte Günter Schweikardt im Zusammenhang mit dem TVB das Wort Bundesliga in den Mund genommen. Nicht wenige hatten ihn damals für verrückt erklärt, doch 2006 ist mit dem Aufstieg in die 2. Liga der Traum wahr geworden. Auch die hohe Qualifikationshürde zur eingleisigen 2. Liga hat der TVB genommen.

In den sieben Jahren seiner Zugehörigkeit hat sich der Verein stetig weiterentwickelt. Vor allem dank der großartigen Teamarbeit, die den Club bis heute auszeichnet. Trotzdem gibt’s den einen oder anderen Eckpfeiler, ohne den der TVB heute nicht das wäre, was er ist: ein etablierter, seriös arbeitender, finanziell gesunder, nach oben strebender Zweitligist. Sportlich verantwortlich hierfür war in all den Jahren der Trainer Günter Schweikardt. Sein Sohn Jürgen hat als Geschäftsführer aus dem einst belächelten Provinzclub einen ernstzunehmenden Partner für die Sponsoren gemacht.

Dass es die eine oder andere Dissonanz gab in den vielen Jahren, darf freilich nicht vergessen werden. So übergab Günter Schweikardt zur Saison 2008/2009 den Cheftrainer-Posten an seinen Assistenten Henning Fröschle und wurde Sportlicher Leiter. An Weihnachten 2008 bereits trat Fröschle überraschend zurück. Nicht ganz freiwillig, wie damals hinter vorgehaltener Hand zu hören war. Fröschle jedenfalls hatte die Rückendeckung der sportlichen Leitung bemängelt. Schweikardt füllte fortan beide Ämter aus.

Im vergangenen Jahr warfen die Kritiker dem Trainer vor, er habe nicht alles dafür getan, das Bittenfelder Urgestein und Spielmacher Alexander Heib im Verein zu halten. Und dass der Vertrag mit dem Co-Trainer Klaus Hüppchen nicht verlängert wurde, schmeckte vielen nicht.

Nach der Rückkehr von Michael Schweikardt tauften der eine oder andere den TV Bittenfeld in TV Schweikardt um angesichts der Schweikhardt’schen Machtposition im Verein. Doch nachdem der TVB mit Jürgen Müller, Peter Jungwirth und Lars Friedrich drei weitere Erstligaspieler unter Vertrag genommen hatte, verstummte die Kritik. Derart hochkarätige Verpflichtungen hatten dem Club nur wenige zugetraut. Der Kader und der Umzug nach Stuttgart zeigten die Richtung an, in die sich der TVB bewegen wollte: nach oben. Und tatsächlich: Die Hinrunde nährte die Hoffnungen auf den Aufstieg in die 1. Liga: Mit dem fulminanten 41:25-Sieg gegen Leipzig vor über 6000 Fans am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Porsche-Arena kletterten die Bittenfelder zur WM-Pause auf den dritten Rang, der am Ende der Saison den Aufstieg bedeutet hätte.

So klammheimlich indes, wie sich der TVB auf den dritten Platz gehievt hatte, so rasend schnell folgte der Absturz: In den sieben Spielen der Rückrunde bis zum vergangenen Freitag sammelte der TVB mickrige zwei Punkte. Die Fans grummelten, im Umfeld häuften sich mit jeder weiteren Niederlage die kritischen Stimmen.

Doch warum funktionierte plötzlich nichts mehr? Wo waren die Selbstverständlichkeit und das Selbstvertrauen, mit denen die Bittenfelder in der Hinrunde aufgetreten waren? Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

Gleich in fünf Spielen der Hinrunde siegte der TVB mit einem Tor Unterschied und holte damit den einen oder anderen glücklichen Punkt. Außerdem feierten die Bittenfelder in den entscheidenden Momenten wichtige und unerwartete Siege, die für viel Selbstvertrauen sorgten. Beispielsweise gewann der TVB zum ersten Mal überhaupt in Eisenach, auch der Aufstiegskandidat Hüttenberg musste sich dem TVB beugen. Gepunktet haben die Bittenfelder auch gegen die Aufsteiger Henstedt-Ulzburg, Aue und Ferndorf. Die allerdings traten in der ersten Saisonhälfte längst nicht so stark auf wie in diesem Kalenderjahr. Und schließlich profitierte der TVB auch von den schwankenden Leistungen der vermeintlichen Aufstiegskandidaten, die unerwartet Punkte liegen ließen.

Dies alles hatte der TVB möglicherweise verkannt im Erfolgsrausch.

Der indes wurde schnell zum Kater. Hatten die Bittenfelder die 35:38-Niederlage in Aue zum Rückrundenauftakt noch als Betriebsunfall angesehen, glich das 25:31 gegen die als nicht sonderlich stark eingeschätzten Rostocker einem Schock. Von der ersten Heimniederlage in dieser Saison erholten sich die Bittenfelder nicht. Der anschließende 34:25-Sieg in Friesenheim war nur die scheinbare Wende. Es folgten vier weitere Niederlagen in Folge – allerdings gegen gute Gegner.

Die Zeiten wurden stürmischer im Waiblinger Norden, plötzlich schien gar der Ligaverbleib in Gefahr. Im anhaltenden Zustand der Rat- und Erfolglosigkeit hat nun Günter Schweikardt seinen Platz auf der Trainerbank freigemacht. Überraschend, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Nun verlasse er das sinkende Schiff, ließen die Kritiker verlauten. Für andere, die sich schon lange frischen Wind gewünscht hatten, war Schweikardts Rücktritt überfällig.

Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob der TVB auch nicht mit dem Trainer Günter Schweikardt gegen Hamm gewonnen hätte. Fakt ist aber, dass die Bittenfelder in der Rückrunde ein klein wenig für ihre Personalpolitik bezahlen mussten: Bewusst hatten sie sich für einen kleinen, aber feinen Kader entschieden und damit zwangsläufig das Risiko in Kauf genommen, dass sie ihre Ziele bei größerem Verletzungspech neu definieren müssten. Diesbezüglich hatten die Bittenfelder Glück. Dafür kämpfte der eine oder andere Spieler mit heftigen Formschwankungen. Und deren Auswirkung hatten die Verantwortlichen offensichtlich unterschätzt, der TVB musste seine Aufstiegshoffnungen schnell begraben.

So enttäuschend der Verlauf der Rückrunde für die erwartungsvollen Fans und den TVB selbst auch war: Eine realistische Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten und ein Blick auf die Konkurrenz relativiert die durchwachsene Bilanz. Anderen personell mindestens genauso gut besetzen Mannschaften geht’s nicht besser als dem TV Bittenfeld.

So kämpft der Ex-Erstligist ASV Hamm-Westfalen ebenso gegen den Abstieg wie der aktuelle Erstliga-Absteiger Eintracht Hildesheim. Der Bittenfelder Nachbar SG BBM Bietigheim steht nicht viel besser da in der Tabelle. Und auch für den Erstliga-Absteiger TV Hüttenberg ist der Zug in die 1. Liga vorzeitig abgefahren.

In den letzten zehn Spielen der Rückrunde hat der TVB immer noch die Chance, sein Ziel zu erreichen: einen Platz im vorderen Tabellendrittel. Vom Aufstieg hatte vor der Saison keiner geredet. Dass die Bittenfelder zur WM-Pause auf Platz drei standen und erklärten, diesen auch verteidigen zu wollen, ist nicht verwerflich. Es ist vielmehr normal für ehrgeizige Sportler und darf dem TVB jetzt nicht vorgehalten werden.

Ob die Erfahrungen der Rückrunde dem TV Bittenfeld im Hinblick auf die neue Saison helfen werden, ist fraglich.

Was ist die Alternative? Eigentlich muss der Kader qualitativ und quantitativ verstärkt werden. Dafür indes dürften dem TVB die finanziellen Mittel fehlen. Zumal ein weiterer Posten den Etat belasten wird: Es muss ein – wohl deutlich teurerer – Nachfolger gefunden werden für Günter Schweikardt.

Die Finanzen sind das eine. Mindestens genauso viel Aufwand muss der TVB betreiben, um einen geeigneten – und starken – Coach zu finden. Pikanterweise wird der Ex-Trainer als Sportlicher Leiter und Mitglied der Gesellschafterversammlung selbst dafür mitverantwortlich sein. Es wird eine schwierige Aufgabe – zumal die Bittenfelder bei der Wahl ihres Personals seit jeher als besonders wählerisch gelten. Und diese Taktik ist in der Regel aufgegangen, Fehleinkäufe gab’s kaum.

Das aktuelle Trainerduo Jürgen Schweikardt/Heiko Burmeister wird keine Option sein. Schweikardt ist als Geschäftsführer eingespannt. Und Burmeister als Chef-Trainer dürfte kaum eine Chance haben. Sonst hätte der TVB dem A-Lizenz-Inhaber bereits jetzt die alleinige Verantwortung gegeben und ihm nicht Jürgen Schweikardt an die Seite gesetzt.

Das schmeckt den Schweikardt-Gegnern im Übrigen auch nicht. Für sie ist es ein weiterer Beweis für die Schweikardt-Dynastie beim TV Bittenfeld. Andererseits ist diese Entscheidung auch irgendwo nachvollziehbar: Der TVB ist nun einmal Günter Schweikardts Kind, und das wollte er wohl ungern von heute auf morgen in andere Hände geben.

Und wohin steuert der TVB jetzt?

Wie wird’s nun weitergehen beim TVB? Das Ziel für die neue Runde kann im Grunde nur heißen, den Abstand nach vorne weiter zu verkürzen. Dabei ist jedoch Geschick gefragt – und ein glückliches Händchen in der Personalpolitik. Die Unterstützung der Fans dürfte den Bittenfeldern jedenfalls gewiss sein: Der risikoreiche Umzug in die Stuttgarter Scharrena hat sich als Glücksgriff erwiesen: Kein Verein in der 2. Liga hat im Schnitt mehr Fans bei seinen Heimspielen – und dabei wich der TVB in dieser Saison lediglich zweimal in die 6000 Zuschauer fassende Porsche-Arena aus.

Dem TV Bittenfeld stehen arbeitsreiche Wochen und Monate bevor. Grundlegendes indes wird sich durch den Rücktritt von Günter Schweikardt nicht ändern. Als Sportlicher Leiter wird der 64-Jährige weiter an seinem großen Traum basteln, den TV Bittenfeld irgendwann in die stärkste Liga der Welt zu führen.

Ein irrwitziges Ziel und mindestens eine Nummer zu groß für einen so kleinen Verein, sagen die Kritiker. Der langjährige Weggefährte TV Neuhausen/Erms allerdings hat den Schritt unerschrocken gewagt und spielt in dieser Saison ordentlich mit. Ob’s am Ende für den Ligaverbleib reichen wird, ist allerdings fraglich.

Das Beispiel Neuhausen zeigt auch, dass ein Verein auf den Aufstieg vorbereitet sein muss. Große Lust auf einen Kurzbesuch in der 1. Liga scheinen die Bittenfelder nicht zu verspüren. Jedenfalls hat dies der Ex-Trainer vor ein paar Wochen so formuliert: Es könne nicht das Ziel sein aufzusteigen und nur ein Jahr in der Liga zu bleiben, sagte er.

Andererseits werden die Bittenfelder ihren Kurs kaum ändern und weiterhin seriös wirtschaften. Sollten sie auf diesem Weg mittelfristig den Sprung in die 1. Liga schaffen, wäre dies ein herausragender Erfolg.