Blick auf die Tabelle ist ab sofort verboten

Nach zwei Niederlagen zum Rückrundenauftakt ist Ernüchterung eingekehrt bei den Bittenfeldern Zweitliga-Handballern. Auch wenn der Kontakt zu den Aufstiegsplätzen immer noch da ist, schraubt der Trainer die Erwartungen zurück. „Nach der Leistung gegen Rostock müssen wir realistisch sein“, sagt Günter Schweikardt. „Wir brauchen zunächst einmal 34 Punkte.“

Eigentlich wollten die sogenannten Wild Boys in der Rückrunde weiter die Stuttgarter Scharrena rocken und im Kampf um die drei Aufstiegsplätze eine bedeutende Rolle spielen. Bei der 25:31-Niederlage am Freitag gegen den HC Empor Rostock indes präsentierten sich die wilden Jungs äußerst handzahm. Sehr zur Freude des Rostocker Trainers Rastislav Trtik. Der sah, offensichtlich noch im Freudentaumel des unerwarteten Sieges, ein „schnelles und gutes Spiel“.

Mit dieser Meinung dürfte er allerdings so ziemlich alleine dastehen. Zweitliga-Niveau haben die 1600 Zuschauer in der Scharrena allenfalls ein paar Minuten zu sehen bekommen. „Diese Leistung müssen wir erst verdauen“, sagte der Bittenfelder Trainer Günter Schweikardt auf der Pressekonferenz ein paar Minuten nach dem Spiel. „Und das ist schwer genug.“

Der Geist war willig, das Fleisch war schwach

Zum Verarbeitungsprozess gehört auch, dass sich der Coach jedes Spiel nochmals in der Konserve ansieht. In diesem Fall dürfte das Videostudium ein bisschen länger gedauert haben als sonst. Hatte den Trainer bei der 35:38-Niederlage in Aue in der Vorwoche wenigstens noch die Angriffsleistung positiv gestimmt, ließ die Offensive gegen Rostock jeglichen Esprit vermissen. „Das war doch sehr träge“, sagt Schweikardt.

Dabei hatten sich die Bittenfelder auf die gewöhnungsbedürftige, sehr offensive Deckung des Gegners vorbereitet. Mit viel Bewegung und Tempo sollte Lücken gerissen werden im Rostocker Abwehrverband. Das indes funktionierte überhaupt nicht. Die Bittenfelder standen bisweilen wie eingefroren auf dem Platz, spielten in der Verzweiflung Bogenpässe über die vorgezogenen Abwehrspieler und fabrizierten serienweise Fehlabspiele.

Dass mit Simon Baumgarten der etatmäßige Kreisläufer krankheitsbedingt passen musste, will Schweikardt ebenso wenig als Entschuldigung gelten lassen wie die Tatsache, dass die halbe Mannschaft grippegeschwächt war. „Natürlich war die Vorbereitung dadurch nicht optimal, und beim einen oder anderen war der Geist vielleicht willig, das Fleisch aber schwach.“ Am schlimmsten hatte es Michael Schweikardt erwischt. Deshalb saß der Spielmacher auch in den ersten 30 Minuten auf der Bank. Sein Einsatz im zweiten Abschnitt erhöhte zwar die Qualität des Bittenfelder Spiels, die Quittung indes folgte: Schweikardts Weg führte nach dem Spiel direkt ins Bett.

Trotz aller Widrigkeiten hatten die Bittenfelder die Chance, die Partie zu ihren Gunsten zu entscheiden. Dazu indes hätte die Defensive ihr Niveau der ersten Viertelstunde halten müssen. Je länger das Spiel jedoch dauerte, desto größer wurden die Lücken und Konzentrationsmängel. Auch die Torhüter präsentierten sich nicht gerade in Hochform. Die Rostocker nutzten die Chance auf zwei nicht einkalkulierte Punkte clever – und bei den Bittenfeldern ist der Katzenjammer groß. Sie könnten sich damit trösten, dass die Aufstiegskonkurrenten ebenso erfolglos waren. Weil – mit Ausnahme von Eisenach – sämtliche Teams von Rang zwei bis sieben am Wochenende leer ausgingen, hat der TVB auch nach den beiden Niederlagen zum Rückrundenauftakt bei zwei Punkten Rückstand auf Rang drei noch alle Möglichkeiten.

Verpasste oder nach wie vor intakte Chancen jedoch sind für den Trainer aktuell kein Thema. „Von nun an wird nicht mehr spekuliert“, sagt er. Der Blick auf die Tabelle ist nur erlaubt, wenn er sich nach hinten richtet. „Wir brauchen zunächst einmal 34 Pluspunkte, dann reden wir weiter.“ Neun Zähler haben die Bittenfelder Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang.

„Wir müssen sehen, dass wir jetzt alle Spieler wieder gesund bekommen für das Spiel in Friesenheim“, sagt Schweikardt. Dort sei sein Team nicht Favorit, was gar nicht so schlecht sei. „Der dritte Platz zur Winterpause war eine ganz neue Situation für uns und sicher nicht ohne Einfluss.“