“Jeder muss seinen eigenen Stil finden”

Nürnberg, Schramberg, Balingen, Hamburg, Magdeburg, Ystad: Jürgen Müller ist viel herumgekommen in seiner noch recht jungen Handballkarriere. Seit dieser Saison hält der Torhüter für den TV Bittenfeld, bei dem er im ersten Zweitligajahr für fünf Monate ausgeholfen hatte. „Es ist schön, wieder zurück zu sein im Süden“, sagt der 25-Jährige.

In den Spielen des TV Bittenfeld gegen den TV Hüttenberg werden offensichtlich kleine Helden geboren. Nachdem sich Jürgen Müller am 3. Oktober in der Scharrena sechs Sekunden vor Schluss den Strafwurf von Daniel Wernig geschnappt und den 28:27-Sieg des TVB damit festgehalten hatte, ließen ihn seine Mannschaftskollegen hochleben.

Fünfeinhalb Jahre zuvor war Müllers Heldentat eine noch größere gewesen – mit womöglich nachhaltigeren Folgen. Im entscheidenden Spiel gegen den Abstieg siegte der TVB in Hüttenberg mit 28:26. Beim Stand von 26:26, zwei Minuten vor dem Ende, blieb Müller ebenfalls Sieger vom Siebenmeterstrich. Die Bittenfelder schafften auf der Ziellinie den nicht mehr für möglich gehaltenen Ligaverbleib. Wer weiß, wann und ob überhaupt sie wieder den Sprung in die 2. Liga geschafft hätten.

„Solche Erlebnisse, wie auch mein erstes Spiel in der Porsche-Arena, die vergisst du nie“, sagt Müller. Den 28:27-Sieg des TVB gegen TUSEM Essen feierten damals 6000 Fans. So viele Einwohner hat in etwa das Schwarzwald-Örtchen Sulgen, in dem Müller den größten Teil seiner Kindheit verbracht hat. Aus beruflichen Gründen zog die Familie Müller von Nürnberg in den Stadtteil von Schramberg. Klein-Jürgen war acht Jahre alt.

Damals war er dem Fußball und Handball gleichermaßen verbunden und musste sich irgendwann entscheiden. „Das war ein ziemlicher Clinch.“ Der Vater spielte Fußball, die Mutter war Handball-Torhüterin beim Nürnberger Bundesligisten und hatte wohl den größeren Einfluss: Der Sprössling stellte sich bei der HSG Schramberg-Sulgen ins Tor, in dieser Zeit bekam Müller auch seinen Spitznamen verpasst.

Schon mit 16 Jahren wechselte die „Krake“ nach Balingen, was für seine Eltern bei einer Dreiviertelstunde Fahrt zum Training – vier- bis fünfmal pro Woche – einen immensen Aufwand bedeutete. Doch der zahlte sich rasch aus: Müller durchlief in der Jugend sämtliche Auswahlmannschaften und stieg mit den Balingern in die 1. Bundesliga auf. Nebenbei machte er das Abitur und nahm an der Uni Ansbach ein Fernstudium auf: Internationales Management. „Das war die Zeit, als für mich klar war, dass ich alles dafür geben wollte, mein Hobby zum Beruf zu machen.“ Erst recht, als der große HSV Hamburg Interesse am damals 19-Jährigen bekundete. „Als ich mir die 12 000-Zuschauer-Arena angesehen habe, war das schon überwältigend. Ich wollte es probieren und alleine in die weite Welt hinaus.“

Müller war der einzige jüngere Spieler in einem Team, das gespickt war mit Weltstars. „Wenn man mit den Gille-Brüdern oder Pascal Hens spielt, weiß man, wo man hinmöchte.“ Handballerisch und in seiner persönlichen Entwicklung habe ihn Hamburg weitergebracht. Die Einsatzzeiten indes hielten sich – erwartungsgemäß – in Grenzen: An den Nationaltorhütern Johannes Bitter und Per Sandström gab’s kein Vorbeikommen.

Müller suchte sich einen ambitionierten Club und entschied sich für den SC Magdeburg. Der hatte – inklusive Müller – zwar nur zwei Torhüter im Kader. Doch erst hatte Müller Silvio Heinevetter vor der Nase, dann Gerrie Eijlers. Wieder Nationaltorhüter. „Zur Nummer eins hab’ ich’s nicht geschafft“, sagt Müller. Der Trainer habe Geduld von ihm gefordert. Er sei noch jung, seine Zeit käme noch. „Mit solchen Aussagen kommt man natürlich nicht so gut zurecht.“

Waren Hamburg und Magdeburg, im Nachhinein betrachtet, vielleicht doch eine Nummer zu groß? Mit dieser Frage sei er oft konfrontiert worden. „Das ist eine ewige Diskussion in Deutschland.“ Die Trainingsintensität sei unbestritten hoch in solchen Clubs. „Ich denke, man kann sich nur weiterentwickeln, wenn man spielt. Vielleicht ist es für einen jungen Spieler nicht immer das beste, zu einem Topclub zu wechseln.“

Müller gab jedoch nicht auf – und wählte einen ungewöhnlichen Weg: Über seinen Magdeburger Mannschaftskollegen Stian Tönnesen kam der Kontakt zum schwedischen Spitzenclub Ystad zustande. „Selbst gute Freunde fragten mich, wie ich darauf      gekommen bin“, sagt Müller. Die Entscheidung sei wohlüberlegt gewesen. Der Gedanke, in Schweden eventuell in der Versenkung zu verschwinden, sei zwar zunächst im Hinterkopf gewesen, aber schnell wieder verflogen.

Schweden war für Müller eine Herausforderung in mehrfacher Hinsicht: Er musste die Sprache lernen, sich an die andere, athletischere Spielweise und an die andere Mentalität gewöhnen.

Sein großes Ziel, schwedischer Meister zu werden, verpasste Müller zwar knapp. „Die beiden Jahre haben mich aber sportlich wie persönlich weitergebracht“, sagt er. Er besuchte einen Sprachkurs, wurde Stammtorhüter und lernte an den Torhütercamps von Ex-Nationaltorhüter Tomas Svensson einiges dazu. „Man probiert hier und da mal eine Bewegung aus.“ Einen anderen Torhüter kopieren zu wollen, bringe jedoch nichts. „Letztlich muss jeder seinen eigenen Stil finden.“ Es gibt die extrovertierten, impulsiven Keeper und „Springer“ wie Silvio Heinevetter. Oder die von der ruhigen Sorte, die „Steher“, wie beispielsweise Goran Stojanovic.

Müller selbst ordnet sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen ein. Während des Spiels konzentriere er sich vornehmlich auf seine Grundtechniken und sei relativ ruhig. Wobei er durchaus einmal emotional werden könne. In schwierigen Phasen könne ein Torhüter die Fans oder Mitspieler aufwecken. In der Regel mit spektakulären Paraden, aber auch mal mit Worten und Gesten. „Wobei man schon aufpassen muss, wie man’s rüberbringt. Man darf die Mitspieler keinesfalls noch weiter runterziehen.“

Der Fokus liegt auf dem nächsten Ball

Beim Torhüter, da ist sich Müller sicher, spielt die Psyche eine entscheidende Rolle. Kassiere er zwei, drei leichte Bälle, sei’s das Wichtigste, sich weiterhin auf sich selbst zu konzentrieren und keine schlechten Gedanken aufkommen zu lassen. „Ich sage mir, ich will den nächsten Ball halten – egal wie.“ Grundsätzlich sei’s dabei einfacher, von Beginn an zu spielen. Normalerweise werde der Torhüter ausgewechselt, wenn er zu wenig halte. Der Auftrag des Neuen sei klar: Er sollte besser drauf sein als sein Vorgänger. Eine Drucksituation, mit welcher der Torhüter fertig werden müsse. „Die Guten blenden das aus“, sagt Müller.

Ganz entscheidend sei’s, dass die Chemie zwischen den Torhütern stimme. „Manni (Daniel Sdunek, Anmerkung der Redaktion) und ich sind quasi ein Team im Team.“ Wer auf der Bank sitze, verfolge das Spiel ganz genau und gebe demjenigen, der im Tor stehe, den einen oder anderen Tipp. „Manches sieht man von außen besser.“ Konkurrenzdenken sei völlig unangebracht, gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung seien wichtig. „Natürlich möchte jeder spielen. Doch letztlich haben wir dasselbe Ziel: den Erfolg mit der Mannschaft. Deshalb freut sich der eine für den anderen, wenn der gut hält.“

Torhüter sind positiv verrückt

Die Aussicht auf Erfolg war für Jürgen Müller ein Argument, warum er – wieder – in Bittenfeld gelandet ist. Bei der Suche nach einem Verein in Deutschland habe zunächst die Geografie eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. „Ich wollte gerne wieder in den Süden zurück.“ Das musste nicht zwangsläufig einer der baden-württembergischen Erstligisten sein. In Bittenfeld habe ihn das Gesamtkonzept überzeugt. Der Umzug nach Stuttgart, die Strukturen, die neuen Möglichkeiten. „Das ist ein ehrgeiziges Projekt, mit dem ich mich identifizieren kann“, sagt Müller, der immer noch die erste Liga im Blick hat. „Vielleicht kann ich das in den nächsten Jahren ja mit dem TV Bittenfeld schaffen.“

Bleibt noch die Frage zu klären, was denn dran ist an der Behauptung, die Torhüter seien eine ganz spezielle Spezies. Müller lacht. „Es heißt ja, wir hätten alle einen an der Klatsche, weil wir uns die Bälle mit 120 Stundenkilometern auf den Kopf und Körper knallen lassen.“ Für ihn sei das aber nichts Besonderes, weil er schon immer im Tor stehe. „Sagen wir so: Wir Torhüter sind positiv verrückt.“

Wobei das Verhalten auf dem Platz nicht zwangsläufig auf den Charakter des Keepers schließen lasse. „Ich würde privat nie so ausflippen, wie ich das vielleicht auf dem Spielfeld könnte.“

Der Clinch: Fußball oder Handball?

Jürgen Müller wurde am 3. Dezember 1986 in Nürnberg geboren. Er ist 1,96 Meter groß und wiegt 94 Kilogramm. In der Jugend spielte Müller im Schwarzwald bei der HSG Schramberg/Sulgen. Seit dieser Zeit trägt er den Spitznamen „die Krake“ – in Anspielung auf die vielen Arme, die der Keeper zu haben schien.

Von 2003 bis 2006 war Müller beim Erstligisten HBW Balingen-Weilstetten unter Vertrag und spielte in seiner letzten Saison – in der Rückrunde – per Zweifachspielrecht beim TV Bittenfeld. 2006 wurde Müller in Innsbruck Junioren-Europameister. Am 24. Juli 2007 debütierte Müller gegen die Schweiz im Tor der deutschen Nationalmannschaft. 35 Spiele machte er für die Junioren- und 45 für die Jugend-Nationalmannschaft.

Zur Saison 2007/2008 wechselte er zum HSV Hamburg, war dort hinter den Nationaltorhütern Johannes Bitter und Per Sandström die Nummer drei.

Von Hamburg ging’s 2008/2009 für zwei Spielzeiten zum SC Magdeburg, wo er zunächst mit Silvio Heinevetter und anschließend mit Gerrie Eijlers das Torhüterduo bildete. Von 2010 bis 2012 spielte Müller beim schwedischen Erstligisten Ystad IF, ehe er beim TV Bittenfeld vor der aktuellen Spielzeit einen Zweijahresvertrag unterschrieb.

Müller wohnt zusammen mit seiner Freundin in Bittenfeld. Sie hat ihr BWL-Studium Steuer und Controlling abgeschlossen und eine Arbeitsstelle gefunden.

Müller plant, demnächst sein Studium fortzusetzen, um sich ein zweites Standbein zu schaffen. „Außerdem muss man irgendetwas nebenher machen, sonst verblödet man ja“, sagt er.