“Viel mehr als ein Arbeitsverhältnis”

Nach zwei Jahren in Sachsen-Anhalt und vier Jahren in Mittelhessen ist der gebürtige Stuttgarter Peter Jungwirth wieder zurück im Ländle. Der Linkshänder ist einer von fünf Neuen beim Handball-Zweitligisten TV Bittenfeld. „Die Pläne des TVB, hier in der Region etwas zu bewegen, haben mich überzeugt“, sagt der 25-Jährige.

Anfang Juli, ein paar Tage vor dem ersten offiziellen Training beim TV Bittenfeld, stand für Peter Jungwirth ein ganz besonderer Termin an. Für einen guten Zweck streifte sich der Rechtsaußen das Trikot der Kornwestheimer Allstars über, die gegen die aktuelle erste Mannschaft des TVK antrat. Mitte der zweiten 30 Minuten tummelten sich gleich drei Jungwirths auf dem Parkett: Peter (25/TV Bittenfeld) und Jakob (21/TV Oppenweiler) für die Allstars, Hans (23) für den TV Kornwestheim.

Brüder mit denselben sportlichen Anlagen. „So selten ist das gar nicht“, sagt Peter Jungwirth. Er denkt beispielsweise an die Müller-Zwillinge Philipp und Michael, die seit dieser Saison zusammen in Wetzlar spielen. Vereinigt sind neuerdings auch Timo und Thorsten Salzer in Bietigheim sowie Jürgen und Michael Schweikardt beim TV Bittenfeld. Die Jungwirths spielen zwar in der Summe nicht ganz so hochklassig, dafür bringen sie einen Mann mehr auf die Platte. Was wiederum so verwunderlich auch nicht ist, schließlich spielten auch der Vater und die Mutter Handball.

Bei den Minis in Kornwestheim begann Peter Jungwirth mit dem Handballspielen, mit der B-Jugend des TVK wurde er 2003 Deutscher Meister. Vier Jahre später plante der SVK Salamander Stuttgart, hervorgegangen aus der TSG Oßweil und Jungwirths Heimatverein, als Zweitligist den Umzug in die Porsche-Arena. Dazu kam’s aber nicht, der Fusionsverein musste Insolvenz anmelden.

Feuchte Hände beim Treffen mit Stefan Kretzschmar

Jungwirth unterschrieb kurzfristig beim Regionalligisten SG Haslach-Herrenberg-Kuppingen. „Ich hatte damals auch Kontakt zum TV Bittenfeld“, sagt er. Zu einem Vertragsabschluss kam’s aber nicht.

Mit der Junioren-Nationalmannschaft spielte sich der Rechtsaußen bei der Weltmeisterschaft in Mazedonien in den Fokus, wurde Vize-Weltmeister. Für Jungwirth war’s die perfekte Bühne. Schließlich wimmelt’s bei solchen Veranstaltungen nur so von Bundesligavertretern und Spielervermittlern, die Ausschau nach Talenten halten. Bei ein paar Vereinen stand Jungwirth im Notizblock, auch der SC Magdeburg interessierte sich für ihn. „Da habe ich ein bisschen geschluckt, ich war ja gerade einmal 19 Jahre alt.“

Kurz darauf traf sich Jungwirth mit Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar in einem Hotel in Stuttgart. „Wenn dich so einer für gut genug hält, in Magdeburg zu spielen, ist das schon eine große Ehre.“ Kretzschmar hat Eindruck gemacht. „Er ist schon ein markanter und lässiger Typ, und sehr selbstbewusst ist er sowieso.“ Einen „etwas feuchten“ Händedruck später war der Zweijahresvertrag beim Traditionsverein unterschrieben, der Kontrakt mit Herrenberg wurde aufgelöst.

Die Aussicht auf übermäßig viele Spielanteile indes war zu jener Zeit eher gering: Auf Rechtsaußen hatte Peter Jungwirth den Nationalmannschafts-Rechtsaußen Christian Sprenger vor der Nase. Einsatzzeiten waren dem Youngster dennoch sicher: Die zweite Mannschaft des SC Magdeburg spielte in der 2. Liga Nord. „Das war mit ausschlaggebend für meine Entscheidung, nach Magdeburg zu wechseln.“

Die ersten Wochen, die Jungwirth im Hotel verbringen musste, seien nicht sehr prickelnd gewesen. Er habe sich aber recht schnell eingelebt und das „top Umfeld“ in Magdeburg genossen. Bei der Mannschaftsärztin des Vereins leistete Jungwirth seinen Zivildienst ab, „und von Christian Sprenger habe ich unheimlich viel gelernt“.

Nach zwei Jahren war dennoch Zeit für einen Wechsel: Die HSG Wetzlar klopfte an. Weil beim Ligakonkurrenten die Chance auf mehr Spielzeiten größer war, entschied sich Jungwirth für die HSG. „Ich habe mich dort schnell heimisch gefühlt“, sagt er. An der nahe gelegenen Uni Gießen nahm Jungwirth sein Studium auf und lernte dort auch seine Freundin kennen.

Sportlich lief’s dreieinhalb Jahre ordentlich, eine große Enttäuschung indes blieb Jungwirth nicht erspart: Kurz nach Weihnachten vergangenen Jahres teilten ihm die Verantwortlichen der HSG mit, dass sie nicht mehr mit ihm planten. „Ich bin zwar nicht aus allen Wolken gefallen, weil der eine oder andere Name im Vorfeld durchgesickert ist“, sagt er. Dass allerdings keiner vom Verein mit ihm gesprochen habe, „das störte mich schon“. Zusammen mit seinem Berater machte sich Jungwirth auf die Suche nach einem neuen Verein. Vorrangiges Kriterium: Es musste eine Universität in der Nähe sein, weil Jungwirth unbedingt sein Studium fortsetzen wollte. „Außerdem habe ich mich eher wieder in Richtung Süden und nicht in den Osten oder Norden bewegen wollen.“

Natürlich habe er insgeheim gehofft, bei einem Erstligisten unterzukommen. „Ich bin ja erst 25 und damit in der Mitte der Karriere.“ Andererseits könne auch die 2. Liga ihre Reize haben. „Da gibt’s durchaus Projekte, die einen anspornen. Zum Beispiel das des TV Bittenfeld.“

Die Pläne der Bittenfelder, in der Region Stuttgart etwas zu bewegen, hätten ihn überzeugt. Die Neuverpflichtungen vor dieser Saison unterstrichen die Ambitionen des TVB. „Natürlich kann das auch schief gehen“, sagt Jungwirth. „Aber die Voraussetzungen sind geschaffen, und ich glaube an den TV Bittenfeld.“

Anpassungsschwierigkeiten hatte Jungwirth nicht, den einen oder anderen Spieler kannte er bereits. Dieser Umstand erleichterte ihm die Integration, er kommt gut klar mit den Kollegen. Ohne eine große Portion Teamgeist, da ist sich Jungwirth sicher, sei’s schwierig, erfolgreich zu sein. Auch wenn in der 2. Liga viele Handballer von ihrem Sport leben: „Für mich ist das viel mehr als nur ein Arbeitsverhältnis“, sagt er. „Ich kann meine Leistung jedenfalls nicht abrufen, wenn ich mich nicht wohlfühle.“

Einen großen Teil zum prima Klima bei trägt seine Freundin, die ihm in den Süden gefolgt ist. In Stuttgart wird jetzt gemeinsam studiert. Und wenn nach einem harten Training die Speicher aufgefüllt werden müssen, wird sie sicher das Lieblingsgericht auftischen, auf das Peter Jungwirth in Hessen bestimmt verzichten musste: Zwieblroschtbroda mit Kässpätzla.

Zur Person

Peter Jungwirth wurde am 29. September 1987 in Stuttgart geboren. Der Linkshänder ist 1,80 Meter groß und wiegt 82 Kilogramm.

Mit dem Handballspielen begonnen hat Jungwirth beim TV Kornwestheim. 2003/2004 wurde er mit der B-Jugend des TVK Deutscher Meister, zwei Jahre später mit der A-Jugend Deutscher Vizemeister.

Über die Zweitligisten TV Kornwestheim und HBR Ludwigsburg kam Jungwirth 2007 zum Erstligisten SC Magdeburg, bei dem er zwei Spielzeiten unter Vertrag war.

Mit der Junioren-Nationalmannschaft wurde er 2007 Vize-Weltmeister, er brachte es auf 18 Junioren-Länderspiele.

2008 schloss sich Jungwirth dem Ligakonkurrenten HSG Wetzlar an.

An der Universität Stuttgart setzt Jungwirth sein Lehramts-Studium (Sport und Deutsch/Gymnasium) fort.