Frische Kräfte, neue Halle, große Ziele

Welche Rolle kann der TV Bittenfeld in seiner siebten Saison in der 2. Liga spielen? Die Zeichen stehen auf Aufbruch: Im Kader gab’s so viel Bewegung wie noch nie. Für neuen Schwung sorgen soll auch der Umzug von der Gemeindehalle in die Scharrena nach Stuttgart. „Die Anspannung ist schon riesig“, sagt der Trainer Günter Schweikardt – und gibt ein klares Ziel aus. „Wir wollen ins erste Tabellendrittel.“

Ein alter Zweitliga-Hase ist der TVB zwar nicht gerade, sonst tauchte er in der ewigen Tabelle nicht erst auf Rang 43 auf und hätte nicht 15 der aktuell 19 Konkurrenten vor sich. Und doch haben sich die Bittenfelder in ihrer sechsjährigen Zugehörigkeit etabliert im Unterbau der besten Handball-Liga der Welt. Sportlich sowieso, doch auch abseits des Spielfelds werden die Strukturen immer professioneller. Nicht nur dank des neuen Hauptsponsors Kärcher.

So gesehen könnten die Bittenfelder der zweiten Saison in der eingleisigen 2. Liga eigentlich recht entspannt entgegenblicken. Davon indes sind sie weit entfernt. „Wir möchten jetzt den nächsten Schritt machen und den Anschluss an die Spitze herstellen“, sagt Günter Schweikardt, Trainer und Sportlicher Leiter in Personalunion.

Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, in denen die Verantwortlichen meist ein eher wachsweiches Saisonziel formuliert hatten, bekennen sie sich diesmal eindeutig. Und selbst wenn von der 1. Liga nicht explizit die Rede ist: Wer bei drei Aufsteigern schlechtestenfalls auf Rang sieben landen will, der wird voraussichtlich um die begehrten Plätze mitspielen. „Wir möchten auf Dauer gestandenen Bundesliga-Handball bieten“, sagt Schweikardt.

Umzug – Scharrena statt Gemeindehalle

Dass die kleine und in die Jahre gekommene Gemeindehalle mit ihren gut 1000 Plätzen dafür nicht das passende Ambiente bietet, ist offenkundig. Deshalb entschlossen sich die Bittenfelder kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres dazu, nach Stuttgart auszuweichen. Aus Angst, den Anschluss an die Konkurrenz zu verlieren, wie TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt damals den Schritt begründete – und umgehend darauf hinwies, dass die Scharrena nicht als Dauerlösung vorgesehen sei. Zunächst wurde ein Vierjahresvertrag abgeschlossen, mittelfristig hoffen die Bittenfelder auf eine neue Halle in der Heimat. Derzeit klärt eine Machbarkeitsstudie, was am Standort Bittenfeld möglich ist.

Dass nicht alle Fans vom Umzug in die Landeshauptstadt begeistert sein würden, war den TVB-Verantwortlichen im Vorfeld klar. Günter Schweikardt ist jedoch nach wie vor überzeugt davon, dass der Weg des TVB der richtige Schritt ist. Nicht nur, weil die Generalprobe im Mai beim 31:30-Sieg gegen die HSG Nordhorn-Lingen kaum besser hätte laufen können. Mit knapp 2000 Zuschauern war die Scharrena nahezu ausverkauft, die Stimmung war prächtig.

Es war der erste Erfolg des TVB nach zuvor neun sieglosen Spielen und dem einen oder anderen blutleeren Auftritt. Die schmeckten dem Trainer ebenso wenig wie der enttäuschende 14. Platz am Ende. „Wir haben die Saison in aller Ruhe analysiert und unsere Schlüsse daraus gezogen.“ Eine Erkenntnis daraus dürfte gewesen sein, dass sich der TVB in Stuttgart nicht allzu viele lendenlahme Vorstellungen leisten darf. Eine zur Hälfte gefüllte Arena stellte schließlich das gesamte Konzept infrage.

„Wir haben alles dafür getan, dass sich die Zuschauer wohlfühlen in der neuen Halle“, sagt Schweikardt. Die Rahmenbedingungen passten, nun seien die Spieler gefordert. Wenn sie versuchten, stets ihre beste Leistung abzurufen, honorierten dies die Fans. Selbst wenn das Ergebnis mal nicht passe.

Die viel strapazierten Begriffe wie Herz und Leidenschaft will Schweikardt erst gar nicht in den Mund nehmen. „Diese Attribute müssen selbstverständlich sein, wenn einer das TVB-Trikot trägt.“ Diesbezügliche Defizite will Schweikardt künftig nicht dulden. Er geht allerdings davon aus, dass die Spieler wissen, was auf dem Spiel steht.

Der TVB startet mit einem ziemlich runderneuerten Team in seine siebte Zweitligasaison. Sechs Spieler haben den Verein verlassen, fünf sind neu dabei. Vier davon bringen Erstligaerfahrung mit. Allein dieser Umstand zeigt, dass sich der TVB mit Mittelmaß nicht begnügen möchte. Wobei Schweikardt einschränkt: Die Neuen hätten bei ihren ehemaligen Vereinen nicht unbedingt in der ersten Reihe gestanden. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass der Trainer an der Qualität der Neuen zweifelt. „Alle sind im besten Alter, ambitioniert und möchten mittelfristig wieder in der Liga spielen, wo sie herkommen.“

Bereits im Januar vermeldeten die Bittenfelder die Rückkehr von Trainersohn Michael Schweikardt (29). Der Spielgestalter war zuletzt beim Erstligisten MT Melsungen angesichts überschaubarer Einsatzzeiten nicht mehr glücklich. Schweikardts Verpflichtung war ein erster Fingerzeig, wohin der Weg des TVB führen soll.

Der rechte Flügel der HSG Wetzlar, Peter Jungwirth (24/Rechtsaußen) und Lars Friedrich (27/Halbrechts), ersetzt das isländische Duo Arnor Gunnarsson/Arni Sigtryggsson. Torhüter Gregor Lorger bekam nach zu schwankenden Leistungen keinen neuen Vertrag mehr, der TVB holte aus Schweden den erstligaerfahrenen Jürgen Müller (25). Der polnische Junioren-Nationalspieler Dennis Szczesny (18) aus Dormagen ist sowohl im Rückraum als auch am Kreis einsetzbar.

Einer der Schwerpunkte in der Vorbereitung war, die neuen Spieler schnellstmöglich zu integrieren. Was nach Ansicht von Schweikardt recht problemlos vonstatten ging. „Das Gefüge und die Charaktere passen. Bei den einen oder anderen hat man das Gefühl, als ob sie schon ewig zusammenspielen.“

Dass es flutscht zwischen den einzelnen Positionen, dürfte besonders wichtig sein. Schließlich zählen vier der fünf Neuen zum Stammpersonal. Im Tor habe Jürgen Müller aufgrund seiner Erstligaerfahrung leicht die Nase vorne, sagt Schweikardt. Wobei Daniel Sdunek und Felix Schmidl in der Vorbereitung gute Leistungen gezeigt hätten. Peter Jungwirth (rechts) und Tobias Schimmelbauer (links) bilden die Flügel, Simon Baumgarten ist am Kreis gesetzt, Michael Schweikardt auf der Spielmacherposition. Ihm zur Seite stehen im Rückraum Dominik Weiß und Lars Friedrich. „Nach dem heutigen Stand hat sich diese erste Reihe herauskristallisiert“, sagt der Trainer. „Das bedeutet aber nicht, dass dies so bleiben muss.“ Jeder Spieler sei wichtig, selbst wenn er unter Umständen nur fünf Minuten pro Spiel auf dem Platz stehe.

Dass die Bittenfelder in dieser Runde jeden Mann brauchen werden, steht außer Frage. Schließlich ist der Kader mit 13 Feldspielern nicht allzu üppig bestückt. Die Youngster Michael Seiz und Martin Kienzle brauchen noch Zeit. Jürgen Schweikardt trainiert aufgrund seiner Doppelbelastung als Geschäftsführer nur reduziert, Leon Pabst ist nach seiner langwierigen Knieverletzung frühestens in vier Wochen einsatzfähig. Dennis Szczesny, hat noch Trainingsrückstand. Vom Junioren-Nationalspieler, der den Verlust von Thorsten Salzer kompensieren soll, erhofft sich Schweikardt einiges. „Dennis hat in der Vorbereitung gute Ansätze gezeigt, er wird uns vor allem in der Abwehr weiterhelfen.“

Florian Schöbinger steht dem TVB wegen eines Auslandssemesters erst in der Rückrunde voll zur Verfügung. Seit Anfang des Monats studiert der Allrounder im norwegischen Bergen. Im Notfall, so der Plan, soll er eingeflogen werden. Dass der 26-Jährige in den ersten beiden Spielen gegen den EHV Aue am kommenden Samstag (20 Uhr) in der Scharrena und beim HC Empor Rostock dabei sein wird, zeigt Schöbingers Stellenwert beim TV Bittenfeld.

Schweikardt ist sich bewusst, dass größeres Verletzungspech den TVB in Nöte stürzen könnte. Deshalb war’s für manchen Außenstehenden auch nicht nachvollziehbar, dass der TVB den zwischenzeitlich vereinslosen Alexander Heib nicht zurückholt hat. Dessen neuer Verein, die Stuttgarter Kickers, hatten einen Insolvenzantrag gestellt und ihr Team aus der 3. Liga zurückgezogen. Heib hielt sich beim TVB fit, zu einer Einigung indes kam’s nicht. Der Spielmacher entschied für den VfL Waiblingen. Die Bittenfelder wollten offensichtlich ihre Option, im Notfall personell nachlegen zu können, noch nicht ziehen. „Ob wir überhaupt davon Gebrauch machen werden, ist ein anderes Thema“, sagt Schweikardt.

Der eine oder andere Spieler wird beim TVB in der neuen Saison zwangsläufig mehr in der Verantwortung stehen. Beispielsweise Lars Friedrich, der einzige Linkshänder im rechten Rückraum. Entlasten soll ihn vornehmlich Adrian Wehner. „Er hat das in der Vorbereitung prima gemacht, auch in der Abwehr“, sagt sein Trainer. In der Rückrunde haben die Bittenfelder mit Schöbinger auf dieser Position eine weitere Alternative.

Erwartungen – Die Neuen in der Führungsrolle

Besonders im Fokus stehen wird Michael Schweikardt. „Wir wissen, dass unheimlich viel von ihm erwartet wird“, sagt sein Vater. „Michael hatte in den vergangenen Jahren wenig Spielanteile und muss in die verantwortungsvolle Rolle erst hineinwachsen.“ Das werde eine gewisse Zeit brauchen. Der Trainer ist jedoch sicher, dass die Mannschaft von den Ideen und der Spielintelligenz des neuen Spielgestalters profitieren wird.

Anders als in den vergangenen Jahren, möchte der Coach in der Defensive vornehmlich mit der 5:1-Variante agieren. Was nicht bedeutet, dass die altbewährte 6:0-Formation Geschichte ist. „Wir möchten beide Systeme beherrschen.“ Zuletzt erledigte Tobias Schimmelbauer die Aufgabe in der vorgezogenen Position sehr gut. Der Linksaußen wird auch künftig den Mann vor der Abwehr spielen – wechselweise mit Michael Schweikardt, einem weiteren Spezialisten für diese Abwehrvariante. Damit hat der TVB hier zwei unterschiedliche Spielertypen. „Michael kann das Spiel sehr gut lesen, Tobias kommt seine enorme Reichweite entgegen.“

Kraftraubend wird das Spiel nicht nur für die beiden „Indianer“ des TVB. Günter Schweikardt glaubt, dass die physische wie psychische Fitness in vielen Spielen den Unterschied machen wird. Deshalb sei in der Vorbereitung in diesen Bereichen intensiv gearbeitet worden.

Bis zu zehn Teams, so Schweikardt Einschätzung, werden sich um die ersten drei Plätze streiten. Dabei sieht er den Erstliga-Absteiger Bergischer HC leicht im Vorteil. „Ich denke, die Liga wird noch stärker sein als im Vorjahr.“ Einige Spieler hätten das klamme Spanien verlassen. Auch aus dem Norden, hauptsächlich aus Dänemark, drängten viele nach Deutschland. Auch in die 2. Liga.

Der TVB steht nun vor der schwierigen Aufgabe, Schritt zu halten mit der Spitze, und muss das richtige Maß finden zwischen Professionalisierung und Bodenhaftung. „Wir sind sehr gespannt, wie’s anläuft für uns in Stuttgart.“ Schweikardt träumt davon, dass der TVB in der neuen Umgebung zur alten Heimstärke zurückfinden wird. „Die war in der vergangenen Saison schlichtweg nicht mehr vorhanden und wird für uns einer der Schlüssel sein für eine erfolgreichen Saison.“

Es ist eine gehörige Portion Nervosität zu spüren beim TVB, die Messlatte liegt hoch. Damit indes kann Schweikardt leben. „Ohne Druck geht grundsätzlich nichts.“