Historie: “Feldhandballer flirten gerne!”

Waiblingen-Bittenfeld. Die Leidenschaft für den Sport, fürs Bier und der Schalk im Nacken sind den Althandballern bis heute geblieben. Und ihr Radler trinken sie auch heute noch gerne im mit eigenen Händen errichteten Vereinsheim. Franz Teller, Heinz „Heiner“ Wolf und Horst Jung erzählen dabei aus einer Zeit, in der sie noch Holzscheite zur Auswärtsfahrt mitbringen mussten.

Damals, als der Kleewiesenbach noch durch Bittenfeld floss, lag der Feldhandballplatz mitten im Ort neben dem heutigen Rathaus. Besonders praktisch: Das Milchhäusle lag nicht weit davon entfernt. Dort ging es aber nicht primär um die Milch, sondern um die Mädels, die die Kannen hin und her trugen. „Wenn einem ein Mädchen gefallen hat, hat man es gefragt, ob man die Milchkannen tragen darf“, erzählt Heinz Wolf, den seine Handball-Kollegen alle Heiner nennen. Auf diese Art sei das Milchhäusle zum Poussier-Treff und Flecken-Informationszentrum geworden, so Horst Jung, der spätere Trainer, Abteilungs- und Vereinsvorsitzende. „Viele haben ihre späteren Frauen dort kennengelernt, Handballer kamen schon immer gut bei Frauen an“, erzählt Heinz Wolf. Und wer miteinander poussiert hat, der sei dann eben mal ins Grüne verschwunden. Nicht selten seien dann am Abend wütende Mütter gekommen, um ihre Töchter abzuholen. „Damals gab es ja noch keine Pille“, sagt Franz Teller. Und wenn einer zu viel getrunken hatte, kam der Büttel und steckte ihn in die Gefängniszelle im Backhäusle.

Schon damals seien die Kinder quasi mit einem Handball auf die Welt gekommen, so Horst Jung. „Der Verein wollte speziell Handball fördern“, erklärt er. Deshalb habe man in Bitten- feld auf eine Fußballabteilung verzichtet. Das Spiel an sich sah damals allerdings völlig anders aus. Hallenhandball gab es noch nicht. Draußen wurde Feldhandball gespielt. Bis 1948 auf dem Platz mitten im Ort. Also eigentlich ein Rasenplatz. „Gras habe ich dort selten gesehen“, sagt Franz Teller. Ent- weder war es eine staubige Steppe, eine matschige Grube oder bedeckt von Schnee. Auch im Winter wurde draußen trainiert. „Wir haben halt mit Handschuhen gespielt und das Feld mit Asche eingezeichnet.“ Zum Schluss habe man dann aber mit dem Ball kugelstoßen können – vollgesogen, nass und im Winter angefroren.

Der Vorteil in Bittenfeld: Es gab warme Duschen. Purer Luxus in der Nachkriegs- zeit. Der Platz lag ja glücklicherweise neben der Volksschule. In der waren unten Duschgelegenheiten drin, die damals auch die Leute aus dem Ort am Samstag nutzten. „Wenn sonntags ein Spiel war, musste man Frau Beeh Bescheid geben, damit sie anheizt“, erzählt Teller. So kamen auch die Spieler aus den anderen Orten in den Genuss einer warmen Dusche. Bei Auswärtsspielen, zu denen die schon immer guten Handballer durch Württemberg reisten, gab es das nicht. „Manchmal gab es auch nur einen Wasserhahn hinter der Turnhalle oder eine Schüssel Wasser“, sagt Teller.

Wer zum Auswärtsspiel mitkam, musste ein paar Holzscheite mitbringen. In die Ferne ging es nämlich mit dem Holzvergaser. Wenn jeder was mitgebracht hatte, hat’s auch wieder für die Heimfahrt gereicht. „Am schönsten war es in Oberstenfeld“, so Heinz Wolf. „Dort gab’s einen guten Wein." Heimspiele in Bittenfeld sollen von den Gegnern gefürchtet gewesen sein. Es hat sich nämlich rumgesprochen, dass so mancher auf der Flucht vor den Bittenfeldern über den Bach am Platz springen musste. Zipfelbachhopfen nannten das die Leute im Ort dann. Einst habe man das auch die Waiblinger gelehrt. Die hatten nie viel Glück im Nachbarort. Einmal haben sie sogar 1:11 gegen die Bittenfelder verloren. Das war am 25. Januar 1950. Beim Feldhandball ging das mit den Toren nicht so schnell wie heute beim Hallenhandball. Es galt die Regel: „Wenn wir zwölf Tore schießen, gewinnen wir“, erzählt Franz Teller. Den einstigen Sieg über die Waiblinger sehen die Bittenfelder als Zeichen. „Heute spielen wir in der Porsche-Arena und die Waiblinger in der Rundsporthalle“, so der ehemalige Handballspieler.

Zu seiner Zeit war’s aber eben noch die Steppe in der Ortsmitte. 1948 wurde der Rasenplatz an seine heutige Stelle verlagert. Mitte der 50er Jahre sollte dann auch ein Vereinsheim her. Geld hatte damals freilich keiner. Know-how und starke Hände aber schon. Kurzerhand haben die Handballer ihr Vereinsheim selber gebaut. Vom Getränke- und Brezelverkauf bei den Spielen wurde dann immer wieder ein bisschen Material gekauft. Zum Bau habe man damals viele Backsteine, viele Ziegel und viel Bier gebraucht, erzählt Teller. Zu essen gab’s dann am Samstag Büchsenwurst und Brot. „Da sind auch die gekommen, die nix geschafft haben“, sagt Teller. Und weil’s so lustig war, gingen die meisten dann erst heim, wenn sie von ihren Frauen abgeholt wurden.

Wer noch keine Frau hatte, suchte in die- ser Zeit nicht mehr am Milchhäusle, son- dern im Löhles-Wald am Tanzplatz. Dieser war dort, wo heute das Freibad ist. „Manchmal kam einer mit einer Ziehharmonika“, sagt Jung. So bekam der Platz seinen Namen. An die alten Zeiten erinnern sich die drei Herren, die heute alle auf die 80 Jahre zuge- hen, gerne. Darauf, dass sie den Grundstock für die heute so erfolgreiche 2. Bundesliga- mannschaft gelegt haben, sind sie stolz. Und stoßen darauf immer wieder gerne im Bittenfelder Vereinsheim an.

Vom Kreismeister zur 2.Bundesliga

  • Die Handballabteilung in Waiblingen wurde 1926 gegründet – gleich in den An- fangszeiten der damals neuen Sportart. „Damals hat man zwei Pfosten aus dem Bittenfelder Wald geholt, die waren das Tor“, erzählt Horst Jung, der 24 Jahre Ver- einsvorsitzender war.

  • In den 40er und 50er Jahren gab es auch eine Frauenhandballmannschaft.

  • In den 50er Jahren begann der Erfolgs- kurs mit häufigen Kreismeisterschaften.

  • Horst Jung und Franz Teller waren da- mals in der Feldhandballmannschaft I. Heinz Wolf hat nur in seiner Jugend Feld- handball gespielt, war dafür im Musikver- ein aktiv. Sein Herz hängt aber heute noch am Handball.

  • Bei einem Spiel 1955 gegen eine Mannschaft aus der DDR ist im Rück- spiel ein Handballer im Westen geblieben. Die Volkspolizei hat ihn nicht gefunden. Das war Hermann Schieferdecker. Er hat dann einfach bei Bittenfeld gespielt und den Verein weiter mit aufgebaut.
  • In den 80er Jahre war der TVB zweimal Württembergischer Meister. Wer Würt- tembergischer Meister wurde, trat gegen die anderen Bundesländer an.

  • Die guten Spieler sind einst zu Frisch- auf Göppingen gewechselt. „Das wurde so etwas wie unser Partnerverein“, sagt Jung. Das war spätestens 2006 vorbei, da kam der Aufstieg in die 2. Bundesliga.

  • Horst Jung meint außerdem, dass man eines auch auf jeden Fall erwähnen müsse: „Franz macht das beste Gulasch.“ Seit den 60er Jahren zaubert der Donauschwa- be mit bei den Vereinsfesten am Kochtopf – mit selbst angebauten Paprika.