Es geht um viel mehr als nur um eine Halle

EIn Kommentar von Frank Nipkau.

Das ist wirklich peinlich, Waiblingen: Da verabschiedet sich das sportliche Aushängeschild der Stadt in Richtung Stuttgart. Und alle sind zufrieden. So eine Reaktion würde es vermutlich in keiner anderen Kreisstadt der Region Stuttgart geben.

Dabei ist der TV Bittenfeld mit seiner Mannschaft in der zweiten Handball-Bundesliga ein Geschenk für die gesamte Stadt Waiblingen: ein Verein tief verwurzelt in der Bürgerschaft, solide geführt mit guter Nachwuchsarbeit, mit einem sympathischen Team, das eben nicht aus wahllos zusammengekauften Sportsöldnern besteht.

Der Verein schenkt jede Woche vielen Menschen ein tolles emotionales Erlebnis. Und es gibt nur ganz wenige Handballvereine in ganz Deutschland, die in der Lage sind, eine Porsche-Arena mit 6000 Plätzen zu füllen. Davon träumen selbst viele Erstligisten.

Dass die Stadt Waiblingen Geschenke nicht gerne annimmt, hat schon Tradition. Man denke nur an die peinliche und quälende Diskussion im Gemeinderat um die Galerie Stihl. Inzwischen sind die Galerie und ihre tollen Ausstellungen ein kultureller Leuchtturm in der Region und ein Wahrzeichen der Stadt geworden. Über die Kritiker von damals wird heute nur noch gespottet.

Diese Leuchttürme, diese Aushängeschilder und diese besonderen Dinge, die es nur in einer Stadt gibt, darum geht es heute beim Wettbewerb der Kommunen um Einwohner, um Besucher oder potenzielle Investoren. Viele Städte wären froh, wenn sie ein sogenanntes Alleinstellungsmerkmal vorweisen könnten.

Der TV Bittenfeld ist ein gut geführter Verein. Deshalb wissen die Verantwortlichen genau, dass sportlicher Erfolg auf Dauer nur zu sichern ist, wenn die ökonomische Basis stimmt. Dazu ist eine moderne Großsporthalle notwendig, die die Auflagen der Handball-Liga erfüllt, die attraktiv ist für Sponsoren und für alle Besucher, die heute nicht nur ein Spiel anschauen wollen, sondern ein tolles Erlebnis für die gesamte Familie suchen. Deshalb ist die Entscheidung der Bittenfelder für die Stuttgarter Scharrena verständlich.

Völlig unverständlich ist dagegen die merkwürdige Diskussion im Waiblinger Gemeinderat, in der völlig ambitionslos über das Thema diskutiert wird. Dabei fehlt es im Remstal an einer Halle für Veranstaltungen, die über das übliche Bürgerzentren-Allerlei hinaus geht. Eine Halle mit 2 000 bis 3 000 Sitzplätzen multifunktional für Sport, Kultur oder Konzert nutzbar.

Dies wäre ein gutes Thema für die interkommunale Zusammenarbeit im Remstal, die ja einst als PR-Instrument für die Landtagskandidatur des Fellbacher Oberbürgermeisters Christoph Palm ins Leben gerufen wurde und die nach dem Rückzug von Palm aus der Landespolitik mit viertklassigen Themen vor sich hin dümpelt. Bei so einer Halle wäre es egal, wo sie stünde. Denn hier zählt das Programm, nicht die Zahl der Parkplätze.

Und die Stadt Waiblingen möge sich nichts vormachen. Eine erneuerte Rundsporthalle allein wird kein Problem lösen und nur neue schaffen, weil sich dann die Vereine um Nutzungszeiten streiten. Wer den TV Bittenfeld zurückholen will in die Kreisstadt, muss beides tun: eine Großsporthalle bauen und eine weitere für den Vereinssport.

Aber letztlich geht es nicht um eine Halle, sondern um das Selbstverständnis der Stadt. Will Waiblingen im Wettbewerb der Kommunen punkten oder sich nur selbst genügen? Der Umgang mit dem TV Bittenfeld ist deshalb auch ein Prüfstein für die gesamte Stadt.