TVB: 36 Minuten stark, 24 Minuten von der Rolle

Waiblingen.Ein unglaubliches Handball-Zweitligaspiel haben die knapp 900 Zuschauer in der Bittenfelder Gemeindehalle gesehen – mit einem äußerst bitteren Ende für den TVB: Mit 22:15 hatte der TVB nach 36 Minuten geführt. So überzeugend er bis dahin aufgetreten war, so desolat agierte er in den restlichen 24 Minuten und musste sich mit 27:34 geschlagen geben.

Die Pressekonferenzen unmittelbar nach einem Spiel sind so eine Sache. Logisch, dass dem Trainer des Verlierers der Weg ans Mikrofon schwerer fällt. Am Samstag indes hatte sogar der Sieger Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden für das, was sich in den 60 Minuten zuvor ereignet hatte. „Es war ein sehr seltsames Spiel, so etwas passiert selten“, sagte Patrick Liljestrand, der schwedische Trainer des TV Emsdetten.

Wohl war. Dass eine Mannschaft einen Sieben-Tore-Vorsprung verdattelt, kommt vor. Auch der TVB ist diesbezüglich leidgeprüft. Die letzten 24 Minuten vom Samstag jedoch werden die Bittenfelder so schnell nicht vergessen. Dabei hatte nichts, aber auch gar nichts auf den schlimmen Einbruch hingedeutet.

Zum ersten Mal in dieser Saison war der TVB in einem Heimspiel in Bestbesetzung angetreten. Emsdetten musste außer auf seinen langzeitverletzten Spielmacher Andrej Kurchev auch auf den 70-fachen weißrussischen Nationaltorhüter Vitali Feshchanka wegen einen Bandscheibvorfalls verzichten. Sein Vertreter, Nils Babin, zeigte zuletzt beim 26:22 gegen Düsseldorf eine herausragende Leistung.

Emdettener Auszeit nach fünf Minuten

In Bittenfeld allerdings stand der 23-Jährige, wie seine Kollegen auf dem Feld, zunächst auf verlorenen Posten. Die Bittenfelder wählten die Abwehrvariante vom 37:22-Sieg gegen Rostock: Tobias Schimmelbauer störte auf der vorgezogenen Position die Kreise des isländischen Nationalspieler beim TVE, Fannar Fridgeirsson – und erledigte dieses Job ausgezeichnet. Immer wieder klaute der TVB-Linksaußen den Emsdettenern den Ball, Bittenfeld kam zu vielen leichten Kontertoren.

TVE-Coach Liljestrand bat seine Spieler schon nach fünf Minuten, bei der 4:1-Führung für Bittenfeld, zum Rapport. Beim 7:6 (12.) war der Gast zwar wieder dran, doch Bittenfeld nahm danach das Spiel wieder in die Hand. Die Abwehr vor dem guten Gregor Lorger stand stabil, hatte die gefährlichen Halbspieler Elvir Selmanovic und Janko Bozovic weitgehend im Griff. Und TVE-Spielgestalter Fridgeirsson stand völlig neben sich.

Im Angriff spielten die Bittenfelder, angeführt wieder vom starken Alexander Heib, variabel und mit der von ihrem Trainer Günter Schweikardt geforderten Konsequenz. Allerdings war das Spiel auf den Halbpositionen wieder einmal linkslastig: Dominik Weiß strahlte viel mehr Torgefahr aus als Arni Sigtryggsson und Jan Forstbauer auf der anderen Seite. Mit der beruhigenden 17:12-Führung ging der TVB in die Pause – und kehrte wach zurück. Nach 36 Minuten traf Weiß zum 22:15. Alles deutete auf den dritten Heimsieg des TVB hin – doch Pustekuchen. Von den folgenden 24 Minuten werden die Bittenfelder vermutlich Samstagnacht geträumt haben.

Emsdetten stellte von 6:0 auf eine offensivere Deckung um – und damit kamen die Bittenfelder erstaunlicherweise überhaupt nicht zurecht. Fehlabspiele und technische Fehler en masse luden die Gäste zu Kontern ein, die sie konsequent nützten. Stefan Thünemann sorgte nach 49 Minuten für den 24:24-Ausgleich. Schweikardt zog die Grüne Karte.

Die Anweisungen indes kamen nicht an: Beim TVB funktionierte überhaupt nichts mehr, der Spielfluss war dahin, die Angst bei jeder Aktion spürbar. Lorger hielt nicht mehr so stark wie vor der Pause, auf der anderen Seite steigerte sich Babin beträchtlich. Selmanovic, der vor der Pause noch reichlich behäbig gewirkt hatte, kochte die Bittenfelder nahezu im Alleingang ab. Mit einem schier unglaublichen 10:0-Lauf drehte Emsdetten das Spiel vom 20:24-Rückstand zur 30:24-Führung. 14 Minuten blieben die komplett verunsicherten Bittenfelder ohne Treffer. Bereits beim 24:28 sieben Minuten vor dem Ende war die Partie zugunsten der Gäste entschieden. Clever spielten sie ihren dritten Auswärtssieg nach Hause.

An der 27:34-Niederlage werden die Bittenfelder zu knabbern haben. Das beste Schmerzmittel wäre ein Sieg im nächsten Pflichtspiel: Morgen fliegt der TVB im DHB-Pokal nach Beckdorf. Ein Ausscheiden beim Drittligisten ließe die Stimmung vor den schweren Spielen in Essen und in der Porsche-Arena gegen den designierten Erstliga-Aufsteiger GWD Minden vermutlich in den Keller rutschen.

TV Bittenfeld: Lorger, Sdunek; Schimmelbauer (6), Schöbinger (3), Forstbauer (2), Weiß (5), Pabst, Schweikardt (2/1), Gunnarsson (4), Heib (4), Baumgarten, Sigtryggsson, Wehner (1), Salzer.

TV Emsdetten: Babin, Theis; Selmanovic (10/3), Wesseling, Kamp, Kvalvik, Bozovic (5), Thünemann (2), Giesbert, Boomhouwer (5), Fridgeirsson (5), Weevers (7).