Ein historischer Sieg als Mutmacher

Im sechsten Jahr spielt der TV Bittenfeld in der 2. Handball-Bundesliga, einen Sieg mit 15 Toren Differenz hat er noch nie geschafft. Bis Samstag. Günter Schweikardt freute sich nicht nur über das klare 37:22 gegen den HC Empor Rostock. „Alle Achtung vor der Mannschaft“, sagt der TVB-Trainer. Die Leistung sei „angesichts unserer Ausgangsposition“ sehr gut gewesen.

Der Druck, der auf dem TVB lastete vor dem Spiel gegen Rostock, war mindestens so groß wie die Erleichterung, die Mitte der ersten 30 Minuten auf dem Spielfeld und auf der Tribüne zu spüren war: Eine Niederlage hätte die Bittenfelder auf den drittletzten Rang in der Tabelle zurückrutschen lassen. Nun führen sie auf dem zehnten Platz die Riege von sechs Mannschaften mit jeweils 5:7 Punkten an. Dank der besseren Tordifferenz. Dabei gilt der TVB nicht unbedingt als Meister der Kantersiege.

Besonders heiß: Daniel Sdunek

Souverän geführt hatten die Bittenfelder in den vergangenen Jahren schon in so manchem Spiel, immer wieder indes brach die chronische Krankheit aus: Die Gegner nutzten die bisweilen etwas sorglose Spielweise des TVB und hielten die Niederlage im erträglichen Rahmen. In der vergangenen Saison mussten lediglich der HC Erlangen beim 22:35 und die TSG Groß-Bieberau beim 19:31 so richtig leiden.

Am Samstag sahen die 850 Fans einen anderen TVB: Er ließ nicht locker und baute seinen Elf-Tore-Pausenvorsprung auf am Ende 15 Treffer aus. Das gefiel natürlich auch dem Trainer. „Wir haben das Spiel mit aller Konsequenz durchgezogen“, sagt Günter Schweikardt. „Angesichts unserer schwierigen Ausgangsposition war dieser Sieg von großer Bedeutung.“

Besonders heiß schien am Samstag Daniel Sdunek. Der Bittenfelder Torhüter spielte 60 Minuten durch und stach seine Gegenüber Felix Storbeck und Oliver Schröder klar aus. Immer wieder ermahnte Sdunek seine Abwehr, nicht nachzulassen. Zu überhören war er nicht, und Sekunden vor dem Ende bekam auch der Rostocker Jens Dethloff die Präsenz des Bittenfelder Keepers zu spüren. Dethloff scheiterte mit dem letzten Wurf des Spiels aus kurzer Distanz an Sdunek. Nach dessen Einschätzung zielte der Rostocker dabei etwas zu nah am Kopf vorbei. Das mögen Torhüter überhaupt nicht, und Sdunek machte dies Dethloff unmissverständlich klar. Die Schiedsrichter Christopher Biaesch und Frank Sattler mussten Sdunek beruhigen.

Solche Emotionen hätte sich Holger Schneider von seinen Spielern in den 60 Minuten davor gewünscht. Der Rostocker Trainer versuchte alles: Er wechselte dreimal die Abwehrformation und den Torhüter. Nach 40 Minuten, beim 26:12 für den TVB, legte er die Grüne Karte auf den Zeitnehmertisch und kickte wütend die Sprudelkiste aufs Spielfeld. Auch die Ansprache brachte keinen Erfolg, Rostock ging mit wehenden Fahnen unter.

Bei der Pressekonferenz nach dem Spiel war Schneiders Laune entsprechend. Da halfen auch die Aufmunterungsversuche von Moderator Achim Kraisel nichts. Ob nicht vielleicht die strapaziöse Anreise mit ein Grund für die Niederlage gewesen sei, wollte Kraisel wissen. Bereits am Freitag hatten die Rostocker die 824 Kilometer und zwölf Stunden Busfahrt hinter sich gebracht und übernachteten in Kornwestheim. Direkt nach dem Spiel am Samstag ging’s zurück an die Ostsee. „Ich kann doch nicht immer erzählen, wir mussten lange anreisen“, sagte Holger Schneider. „Das darf keine Ausrede sein.“

Auch der verletzungsbedingte Ausfall von Linksaußen Michael Höwt, der an der Schulter operiert wurde, dürfte nicht spielentscheidend gewesen sein. Schließlich verpflichteten die Rostocker mit Vyron Papadopoulos kurzfristig einen sechsfachen griechischen Nationalspieler, der in Bittenfeld schon sein Debüt feierte.

Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Mannschaften lag am Kader: Im Gegensatz zu den jüngsten Spielen gab’s beim TVB diesmal keinen Schwachpunkt. „Es wäre falsch, jemanden aus der Mannschaft hervorzuheben“, sagt Schweikardt. „Bei einigen Spielern war eine deutliche Leistungssteigerung zu erkennen.“

Besonders erleichtert war Jan Forstbauer. Dem Junioren-Weltmeister fehlte zuletzt das Selbstvertrauen, das er sich am Samstag mit sechs Toren, einer guten Abschlussquote und einem mutigen Spiel wieder holte. „Es tut schon gut, wenn man das Tor wieder trifft“, sagte der 19-Jährige nach dem Spiel – und blickte gleich auf die nächste schwere Prüfung. „Wir müssen jetzt diesen Schwung nach Neuhausen mitnehmen, sonst war dieser Sieg nichts wert.“

Der Vater klaut dem Sohn ein Tor

Wenn es etwas auszusetzen gab am Samstag, dann war’s die Trefferquote – auch wenn die deutlich besser war als zuletzt. 26 Konter zählte der Bittenfelder Co-Trainer Klaus Hüppchen insgesamt, 15 davon fanden den Weg ins Tor. „Das ist vielleicht der einzige Wermutstropfen“, sagte Klaus Hüppchen bei der Pressekonferenz.

Ein Tor klauten sich die Bittenfelder quasi selbst. Die Szene 13 Sekunden vor der Pause sorgte angesichts des komfortablen Vorsprungs von 19:8 für Erheiterung auf und neben dem Spielfeld: Jürgen Schweikardt wuchtete den Ball zum vermeintlichen 20:8 ins Tor, Bruchteile von Sekunden davor indes hatte Vater und Trainer Günter Schweikardt die Grüne Karte gelegt.

Nun fiebern die Bittenfelder dem Derby in Neuhausen entgegen. Mit dem Comeback von Simon Baumgarten wird’s noch nichts werden, auch wenn sich der Kreisläufer gegen Rostock vorsichtig warmgemacht hat. Vielleicht ist der an der Schulter verletzte Adrian Wehner wieder einsatzfähig. Dafür zittert der TVB um Gregor Lorger: Der Torhüter knickte beim Abschlusstraining am Freitag um und hatte starke Schmerzen. Eine Röntgenaufnahme soll klären, wie schwer die Verletzung ist. Gegen Rostock wurde der Slowene geschont.