Burn-out: Aufpassen, dass es dich nicht zerfrisst

Burn-out. Seit sich Fußball-Bundesligatrainer Ralf Rangnick dazu bekannt hat, spricht jeder darüber. Es kann jeden treffen, gefährdet aber sind vor allem Menschen, die unter besonderem Leistungsdruck stehen – wie beispielsweise Günter Schweikardt, Sportlicher Leiter und Cheftrainer beim Handball-Zweitligisten TV Bittenfeld.

Herr Schweikardt, haben Sie ähnlich großen Druck wie Ralf Rangnick?

Das ist sicher nicht vergleichbar, Fußball ist eine ganz andere Dimension. Wobei jeder Trainer, nicht nur die, die das beruflich machen, immer unter Anspannung steht. Aber Ralf Rangnicks Entscheidung ist schon bemerkenswert.

Wenn man Sie am Spielfeldrand sieht, macht man sich zuweilen auch Sorgen um Ihre Gesundheit. Sie selbst auch?

Ob das immer ganz gesund ist, weiß ich auch nicht. Man muss sich natürlich selbst immer hinterfragen. Macht es mir was aus? Kann ich es verarbeiten? Ich bin sehr emotional, deshalb ist es für mich nicht leicht, nach Misserfolgen abzuschalten. Aber im Laufe der Jahre habe ich mir schon ein paar Methoden erarbeitet, wieder runterzukommen.

Welche?

Für mich ist eines wichtig: Ich versuche ein Thema immer sofort zu verarbeiten oder anzugehen, es auf jeden Fall nicht wegzuschieben. Es beschäftigt mich dann nur in dieser Phase. Aber sobald es erledigt ist, kann ich runterfahren. Dann bin ich frei für Neues.

Das funktioniert?

Nicht immer. Das kommt aufs Thema an. Manchmal ist man eine ganze Woche beschäftigt. Aber ich versuche, die Themen zeitnah abzuarbeiten. Sonst zerfrisst es einen.

Wenden Sie weitere Stressverarbeitungsmöglichkeiten an?

Ich laufe unheimlich viel. Wenn’s geht, laufe ich drei-, viermal in der Woche. Beim Waldlauf kann ich unheimlich viel verarbeiten. Das ist totale Entspannung. Wenn ich danach auch noch in die Sauna geh, bin ich wieder fit.

Außerdem muss man sich immer wieder mal eine Auszeit nehmen. Ein paar Tage ganz andere Dinge machen. Vor allem der Urlaub muss sein. Für mich ist zum Beispiel der Mittwochnachmittag wichtig. Da lasse ich mich nicht belegen.

Und das funktioniert?

Jetzt, wo ich in Altersteilzeit bin, geht das besser. Als ich allerdings noch gearbeitet habe, war es – das muss ich jetzt im Nachhinein sagen – zum Teil schon etwas grenzwertig.

Sind Sie in regelmäßiger ärztlicher Betreuung?

Das sollte jeder Mensch sein, speziell natürlich Trainer.

Ihr Arzt ist zufrieden mit Ihnen?

Ich habe nichts Gegenteiliges gehört.

Sie hatten früher als Prokurist auch noch einen verantwortungsvollen Job. Stress also auf beiden Seiten.

Das konnte ich immer gut trennen. Der Sport war für mich sogar Ausgleich zum beruflichen Stress.

Ralf Rangnick hat 24 Stunden Fußball gedacht. Machen Sie das im Handball auch?

Wenn du Erfolg haben willst, musst du akribisch arbeiten. Es gibt schon Tage, an denen es einen umtreibt, sicher nicht 24 Stunden. Aber ich kann auch manchmal nicht schlafen. Dann muss man an die Auszeit denken: Gartenarbeit, oder mit den Enkeln spielen.

Was sagt Ihre Frau dazu?

Das ist mit der wichtigste Faktor. Du brauchst Menschen um dich herum, auf die du dich verlassen kannst. Und das kann ich bei meiner Familie.

Spielt das Alter eine Rolle? Haben Sie das früher vielleicht besser verkraftet?

Früher waren wir nicht so hochklassig. Heute haben wir mehr Aufmerksamkeit und damit auch mehr Kritik; auch von Menschen, die gar keinen Einblick haben. Trainer dürfen da nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Man wird ja dauernd kritisiert. Als Trainer machst du ja fast alles falsch.

Falls Sie nun doch die Signale übersehen: Gibt es einen Notfallplan?

Nein, den gibt es nicht. Ich hoffe, dass es mir mein Umfeld sagen würde, wenn ich es selbst nicht erkenne oder erkennen will. Aber wenn ich spüre, es geht nicht, kann ich es natürlich nicht mehr weitermachen. Auch im Interesse des Vereins.

Das Thema Burn-out ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Läuft in unserer Gesellschaft etwas falsch?

Ja, das ist schon eine erschreckende Entwicklung. Die Welt ist hektischer geworden und die Vorgaben sind zum Teil rigoros. Da ist es die Pflicht der Führungskräfte, trotz aller Forderungen ein angenehmes Klima zu erzeugen. Die Leute danken dir das, denn Menschen müssen sich entfalten können.

Gilt das auch im Leistungssport?

Ja. Wenn Menschen sich nicht entfalten können, können sie mir auch nicht die volle Leistung bringen. Die weichen Faktoren sind für einen Trainer genauso wichtig wie Fachwissen. Ich muss wissen, was meinen Spieler umtreibt. Er ist keine Maschine.

Das erhöht umgekehrt wieder den Druck auf Sie als Trainer. Sie müssen sich noch mehr Gedanken machen. Zum Beispiel, wenn Sie Spielern sagen müssen, dass sie nicht aufgestellt sind.

Personalentscheidungen beschäftigen einen besonders. Vor allem, weil sie bei den Betroffenen meist auf Unverständnis stoßen. Aber als Trainer muss man entscheiden. Und ich kann mit dem Spieler auch nicht ewig diskutieren. Denn sonst wirst du wirklich verrückt.