Neue Bittenfelder Stärke nach dem Winter-Blues

In seiner fünften Saison in der zweithöchsten deutschen Handball-Liga hat sich der TV Bittenfeld an der Spitze etabliert. Mit neun Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz schaffte er souverän die Qualifikation zur eingleisigen 2. Bundesliga. Trainer Günter Schweikardt ist stolz auf seine Mannschaft. „Wir haben einige tolle Spiele gemacht“, sagt er.

Die Punktzahl von 46:22 aus dem Vorjahr exakt bestätigt, neun Zähler Abstand auf den Relegationsplatz und elf auf den ersten Abstiegsrang: Das sieht nach einer lockeren Saison aus für den TV Bittenfeld, doch es war durchaus Stehvermögen gefragt.

Der TVB musste verletzungsbedingte Ausfälle zentraler Spieler wegstecken, war in ein ebenso umstrittenes wie nervenaufreibendes Sportgerichtsurteil involviert und ging mit einem mulmigen Gefühl in die Weltmeisterschaftspause im Januar: Das Elf-Punkte-Polster auf den ersten Abstiegsrang nach der Hinrunde war binnen weniger Wochen bedrohlich geschmolzen. „Zum Jahreswechsel waren wir in einer sehr kritischen Situation“, sagt Trainer Günter Schweikardt.

Der TVB, in der Vorsaison als Dritter nur knapp an den Aufstiegsspielen zur 1. Bundesliga vorbeigeschlittert, schwächelte und zitterte. Schweikardt sah sich in seiner vorsaisonalen Einschätzung bestätigt. „Das Niveau der Liga war in dieser Spielzeit noch höher.“ Viele Mannschaften hätten sich unbedingt qualifizieren wollen und sich entsprechend auf diese „außergewöhnliche Saison“ vorbereitet. Wie zäh der Kampf um den neunten Platz war, ist am Beispiel des EHV Aue nachzuvollziehen: Der EHV verpasste trotz einer fantastischen Serie von 24:2 Punkten in der Rückrunde den zehnten Platz und ist in die 3. Liga abgestiegen.

Der TVB startete mit einer 30:35-Niederlage in Aue. Für Schweikardt war bereits der folgende erste Auftritt in der Gemeindehalle von wegweisender Art: Gegen die hoch gehandelten Eisenacher musste der TVB mit einem arg dezimierten Kader antreten und setzte sich mit 35:29 durch. Angesichts der schweren Spiele danach hatten die Bittenfelder einen Fehlstart befürchtet.

So richtig konstant indes wurden die Leistungen nicht. Beim 42:41 gegen Saarlouis rettete Tobias Schimmelbauer fünf Sekunden vor dem Ende die Punkte. Die musste der TVB nach einer schwachen Leistung in Frankfurt lassen. Umso erstaunlicher war die Vorstellung anschließend: Gegen den Aufstiegskandidaten HSG Düsseldorf siegte Bittenfeld nach einer der besten Saisonleistungen mit 29:26 – und gleich darauf gab’s im fünften Anlauf beim 26:21 in Groß-Bieberau den ersten Auswärtssieg der Saison.

Nach Weihnachten war die Stimmung im Keller

Dazwischen bekamen die Fans in der Gemeindehalle Erstliga-Handball zu sehen. Wie im Vorjahr gastierten die Rhein-Neckar-Löwen im DHB-Pokal. Hatten die Bittenfelder die Mannheimer in der vergangenen Saison noch am Rande eine Niederlage, hielt der TVB diesmal lediglich 35 Minuten mit und durfte bis zum Stand von 20:23 auf die Sensation hoffen. Am Ende war der TVB beim 28:39 allerdings chancenlos.

In der Hinrunde wechselten sich gute Leistungen wie beim 29:25 beim heimstarken TV Neuhausen/Erms und dem 32:29 gegen Bietigheim mit schwächeren Auftritten wie beim 32:37 in Groß-Umstadt ab. Dennoch: Zur Saisonhalbzeit war der TVB mit 24:10 Punkten glänzend positioniert. Nur zwei Punkte fehlten zum Zweiten Düsseldorf, neun Zähler Abstand waren’s zu den Abstiegsrängen.

Mit der Euphorie jedoch war’s noch im alten Jahr vorüber. Auf die bittere 21:28-Niederlage gegen Aue in der Porsche-Arena folgte das 22:28 in Eisenach. Mit zwei Schlappen in die vierwöchige WM-Pause zu gehen, war nicht nur schlecht fürs Selbstvertrauen. Das Punktekonto schrumpfte sogar noch weiter: Die beiden verlorenen Zähler, die dem TVB am grünen Tisch vom Bergischen HC zunächst zugesprochen worden waren, wurden ihm wieder weggenommen. Das Bundessportgericht revidierte das Urteil im „Fall Pekeler“ zugunsten des BHC.

Der TVB rückte nicht nur bedrohlich nahe an die Abstiegszone, er hatte auch mit großen Verletzungssorgen zu kämpfen: Für Kreisläufer Simon Baumgarten endete die Saison nach der Hinrunde mit einem Kreuzbandriss, Abwehrchef Ludek Drobek stand schon seit November nicht mehr zur Verfügung und musste sich an der Bandscheibe operieren lassen. Linksaußen Jens Baumbach machte wegen chronischer Ellbogenschmerzen mit dem Handball Schluss. Und Dominik Weiß brach sich kurz nach Weihnachten die Mittelhand.

Die Bittenfelder mussten sich in der WM-Pause nach neuen Spielern umsehen, holten Arni Sigtryggsson vom Erstligisten DHC Rheinland und Thorsten Salzer vom Nord-Zweitligisten Magdeburg. Es bestand durchaus Anlass zur Sorge, schließlich hatten die Bittenfelder ein extrem schweres Programm vor der Brust.

Das indes lösten sie hervorragend. Sie schlugen den Tabellenführer TV Hüttenberg knapp und fegten die Bergischen Löwen aus der Gemeindehalle. In den folgenden Spielen hatte der TVB zudem das nötige Glück. So gelang Thorsten Salzer in der Schlusssekunde der 34:33-Siegtreffer in Saarlouis. Damit hatte sich der TVB wieder ein ordentliches Polster auf einen der Konkurrenten um Platz neun geschaffen.

Auch in Coburg (26:25) und Düsseldorf (32:31) setzte sich Bittenfeld knapp durch. Das 37:35 gegen den TV Korschenbroich war der achte Sieg in Folge, zwölf Spiele blieb der TVB ungeschlagen. Das 24:24 gegen Neuhausen am viertletzten Spieltag bedeutete die Qualifikation zur eingleisigen 2. Liga.

„Wir haben eine klasse zweite Serie gespielt“, sagt Günter Schweikardt. Die war auch nötig, um sich von der gefährdeten Zone fernzuhalten. Nach der Hinrunde hatte der Trainer als Ziel ausgegeben, möglichst rasch die zur Qualifikation nötigen 40 Punkte zu sammeln. Die reichten übrigens gerade so für den neunten Platz.

„Ohne Verstärkungen wären wir nicht Vierter geworden“, sagt Schweikardt. Ein bisschen Bauchweh hatten die Bittenfelder bereits vor der Saison, schließlich mussten sie mit Sebastian Seitner und Marco Hauk den starken rechten Flügel ersetzen. Einen Glücksgriff machte der TVB mit dem isländischen Rechtsaußen Arnor Gunnarsson, auch der junge Jan Forstbauer kam schnell zurecht. „Er spielte eine außergewöhnliche Hinrunde“, sagt Schweikardt. Auch der dritte Neuzugang kurz vor Saisonstart, Linksaußen Tobias Schimmelbauer, schlug sehr gut ein. Und natürlich Arni Sigtryggsson, der keinerlei Anpassungsprobleme hatte. Thorsten Salzer dagegen hatte etwas Pech, er brach sich die Hand. Möglicherweise muss er nochmals operiert werden, die Platte macht dem 25-Jährigen zu schaffen.

Wie bereits in den vergangenen Jahren hatte der TVB mit seinen Neuverpflichtungen ein gutes Händchen. „Dazu gehört natürlich auch eine gute Portion Glück“, sagt Schweikardt. „Wir suchen unsere Spieler allerdings auch sorgsam aus.“ Die sportliche Qualität und der Name seien nicht die einzigen Kriterien. „Der Spieler muss in der Summe zu uns passen.“

Die Personalplanungen für die eingleisige 2. Liga sind bis auf eine Position abgeschlossen: Gesucht wird noch ein Nachfolger für Torhüter Bastian Rutschmann, der zum Erstligisten FA Göppingen wechselt. Auf dem Feld gibt’s keinen Bedarf. Kreisläufer Simon Baumgarten wird zum Rundenbeginn wieder zurückerwartet. Vom Landesligisten Neckarsulm holte der TVB das Talent Leon Pabst für den Kreis. Damit haben die Bittenfelder noch größere Variationsmöglichkeiten. Florian Schöbinger, der Baumgarten in der Rückrunde am Kreis glänzend vertrat, hatte davor im Rückraum prima Spiele gezeigt.

Günter Schweikardt freut sich auf die eingleisige 2. Liga „mit noch größeren Herausforderungen“. Für Vereine, die nicht ganz so professionell aufgestellt seien, werde besonders wichtig sein, die organisatorischen Abläufe zu optimieren. Die weiten Anreisen zu den Auswärtsspielen kosten nicht nur eine Menge Geld. „Entscheidend wird sein, dass man die Zeit zur Regeneration optimal nutzt.“

Bei wahrscheinlich sechs Absteigern setzt sich das Saisonziel quasi selbst: „Um in der eingleisigen 2. Liga bestehen zu können, müssen wir weiter zulegen“, sagt Schweikardt. „Und zwar in allen Bereichen.“