Für Bittenfeld geht’s um alles oder nichts

Nur knapp verpasste Zweitligist TV Bittenfeld in der vergangenen Saison die Relegationsspiele zur 1. Liga.

Der Sprung in die stärkste Handball-Liga der Welt wäre einer Sensation gleichgekommen. Ob der TVB sportlich hätte bestehen können, sei dahingestellt. Es wäre ihm aber die Qualifikationsrunde für die eingleisige 2. Liga erspart geblieben. Jeweils die besten neun Teams der Nord- und Südstaffel bleiben zweitklassig, der Rest muss in die neu geschaffene 3. Liga.

Muss sich der Vorjahresdritte etwa Sorgen machen? „Wir stehen vor einer ganz außergewöhnlichen Saison, nicht zu vergleichen mit der vergangenen“, sagt TVB-Trainer Günter Schweikardt. Alle Mannschaften legten sich enorm ins Zeug, um unter die ersten neun zu kommen. „Auch wenn’s nicht jeder zugibt.“ Schweikardt ist sich sicher, dass das Niveau deutlich höher sein wird. Die Konkurrenz hat sich vor der richtungsweisenden und für viele existenziellen Saison erheblich verstärkt. Mit der Rolle des Aufstiegskandidaten kann Schweikardt nichts anfangen. „Es gibt in der neuen Runde nur Auf- und Absteiger, mehr ist dazu nicht zu sagen.“ Zu Letzteren möchte Schweikardt unter keinen Umständen gehören – auch wenn durch die neue 3. Liga der Absturz nicht so steil sei. „Keine Frage“, sagt der Trainer. „Sollten wir die Qualifikation nicht schaffen, wäre das für unsere Entwicklung ein gewaltiger Rückschritt.“ Mit erheblichen Anstrengungen versucht der TV Bittenfeld, nach und nach professionellere Strukturen zu schaffen.

Nicht ausruhen
Platz drei des Vorjahres nichts wert

Mit der überragenden vierten Zweitliga-Saison hat der TVB bewiesen, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet. Ausgerechnet in der Schlussphase wackelten die Bittenfelder ein bisschen, zudem fehlte in einigen Situationen das Glück. Drei Punkte trennten den TVB vom zweiten Platz. „Natürlich können wir nicht sagen, wie’s in den Aufstiegsspielen gelaufen wäre“, sagt Schweikardt. Ein wenig indes ärgert ihn die verpasste Chance auch drei Monate später noch, „schließlich hatten wir das Ziel dicht vor Augen. Nun müssen wir schauen, dass wir mit der neuen Situation klarkommen“.

Für Schweikardt und seinen Co-Trainer Klaus Hüppchen geht’s wieder bei null los. „Sicher haben wir aus den Spielen, in denen wir unnötig Punkte haben liegen lassen, Erkenntnisse gewonnen“, sagt Hüppchen. Beiden Trainern ist wichtig, dass die Mannschaft die richtigen Lehren aus der Saison zieht. Sie müsse das Bewusstsein mitnehmen, gegen jeden Gegner bestehen zu können. Andererseits: „Wer glaubt, sich auf dem dritten Platz ausruhen zu können, der hat schon verloren“, so Schweikardt.

Verloren haben die Bittenfelder nicht nur den Kampf um den zweiten Platz, sondern mit Sebastian Seitner und Marco Hauk zwei Stützen der Mannschaft. Jugend-Nationalspieler Jan Forstbauer (18) und der isländische National-Linksaußen Arnor Gunnarsson (23/siehe Artikel auf der nächsten Seite) sollen sie ersetzen – und brauchen in erster Linie reichlich Spielpraxis.

Nicht nur deshalb war der Terminplan der Bittenfelder in der sechswöchigen Vorbereitungsphase bis zum DHB-Pokalspiel am Samstag in Leutershausen prall gefüllt mit Testspielen und hochkarätigen Turnieren. Die Vergleiche waren für das Trainerteam allerdings nicht unbedingt immer erhellend.

Außer Frage steht jedoch, dass hohe Niederlagen niemandem schmecken. So wurmten Schweikardt das 30:49 gegen die Rhein-Neckar-Löwen und das 24:41 gegen die HBW Balingen-Weilstetten zuletzt bei den Intersport-Masters. „Das war schon etwas unbefriedigend“, sagt Schweikardt. „Ehrlich gesagt, war’s auch nicht anders zu erwarten.“ Die halbe Mannschaft fehlte dem TVB in Sindelfingen: Torhüter Daniel Sdunek hat nach vier Wochen Pause wegen einer Fingerverletzung erst in dieser Woche wieder mit dem Training begonnen.

Keine Notlösung
Die Suche nach einem Linkshänder

Mindestens zwei Monate wird Linksaußen Marcel Lenz noch fehlen, der sich an der Patellarsehne operieren ließ. Mit Oberschenkelverletzungen plagten sich Arnor Gunnarsson und der dritte Neuzugang Tobias Schimmelbauer herum. Jens Baumbach zwickte es in der Leiste, Alexander Heib fehlte wegen eines Blutergusses am Schienbein. Und Jan Forstbauer ist derzeit mit der Jugend-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Montenegro.

„Es ist schade, dass wir selten komplett waren“, sagt Schweikardt. Die Integration der neuen Spieler habe sicherlich darunter gelitten. Nichtsdestotrotz hätten die Testspiele wichtige Erkenntnisse gebracht. „Beispielsweise die, dass wir auch gegen starke Gegner mithalten können“, sagt Hüppchen. So gewannen die Bittenfelder – wie im Vorjahr – das Esslinger Marktplatzturnier durch einen 13:12-Sieg gegen den Erstligisten Balingen-Weilstetten. Beim Sparkassencup in Altensteig bezwang der TVB den Erstliga-Aufsteiger TSG Friesenheim mit 22:18 und den Schweizer A-Ligisten Bern mit 42:25. In Sindelfingen besiegten die Bittenfelder trotz Personalmangels den französischen Erstligisten US Dunkerque mit 26:21 und hatten gegen den deutschen Erstligisten HSG Wetzlar beim 20:25 eine Siegchance.

Auch wenn nicht alles perfekt lief in der Vorbereitung: Günter Schweikardt und Klaus Hüppchen haben „großes Vertrauen“ in ihren Kader. Obgleich die erhoffte Verstärkung in Form eines Linkshänders im rechten Rückraum – zur Unterstützung des jungen Jan Forstbauer – noch immer nicht gefunden ist. „Es gibt keinen Grund, hier nach einer Notlösung zu suchen“, sagt Hüppchen. Im Team stünden ausreichend gut ausgebildete Spieler, die auch diese Position einnehmen könnten.

Ein qualitativ wie quantitativ breiter Kader wird in dieser Saison nötiger denn je sein. Die meisten Teams werden bis zum letzten Spieltag um den begehrten neunten Platz kämpfen.