Ganz Bittenfeld träumt von der ersten Liga

Erfolgsgeschichte: Gewachsene Strukturen, grenzenlose Begeisterung
der Fans und totale Identifikation mit dem Verein: Der TV Bittenfeld
klopft an die Tür zum Oberhaus des Handballs. Der Aufstieg
eines ungewöhnlichen schwäbischen Dorfclubs.

In der Welt des Handballs erinnert Bittenfeld an jenes gallische Dorf, das sich standhaft den Eroberungsgelüsten der Römer widersetzt. Asterix und Obelix sind es zwar nicht, die den Sportlern aus dem Waiblinger Teilort zur Seite stehen, und es gibt auch keinen Zaubertrank, der ihnen übernatürliche Kräfte verleiht. Doch dem Zweitligisten stehen andere magische Zutaten zur Verfügung, die den Gegnern gehörigen Respekt abnötigen: Eine schier grenzenlose Begeisterung der Anhänger, deren absolute Identifikation mit dem Verein, gewachsene Strukturen sowie die gesunde Mischung von kompromissloser Professionalität und familiärem Umfeld haben den schwäbischen Flecken innerhalb kurzer Zeit zu einer festen Größe in dieser Sportart gemacht. Bittenfeld ist ein Handballdorf durch und durch. Eine Fußballabteilung gibt es hier nicht. Und unter den 4304 Einwohnern findet sich kaum einer, der sich nicht für die Ballwerfer des Turnvereins interessiert. Besonders an den Samstagen, an denen die Gemeindehalle in die Farben Blau und Weiß getaucht ist und rund 1200 Fans – mehr passen wirklich nicht hinein – den schlichten Mehrzweckbau in einen Hexenkessel verwandeln, ist der Mythos „Biddafeld“ nahezu greifbar. Etwa im Spitzenspiel gegen den TV Hüttenberg: zur Halbzeitpause liegt die Heimmannschaft mit 11:17 zwar fast aussichtslos zurück, doch keine Unmutsäußerung, kein Pfiff sind von den dicht gedrängten Rängen zu hören. Stattdessen schreien die Zuschauer ihre Helden im zweiten Durchgang unermüdlich nach
vorne. Und als Florian Schöbinger in der 54. Minute zum 24:24 trifft, muss man um die Standfestigkeit der Grundmauern fürchten. Die Aufholjagd wird in diesem Fall nicht von Erfolg gekrönt: Mit 26:27 unterliegt der TVB den Gästen aus dem Hessischen. Und doch hat er sich deren Anerkennung erarbeitet. „Von dieser Atmosphäre können sich viele Vereine eine Scheibe abschnei- den – oder auch zwei“, lobt der Hüttenberger Trainer Jan Gorr, und man spürt den Stolz, dass seine Mannschaft in Bittenfeld die Nerven behalten hat. Andere, scheinbar
übermächtige Teams sind hier eingeknickt wie ein Strohhalm im Orkan. Und in einem Pokalspiel ist sogar das Erstliga- Spitzenteam der Rhein-Neckar-Löwen vom Bittenfelder Siegeswillen an den Rand einer Niederlage gedrückt worden: Nur mit viel Du-
sel setzten sich die Mannheimer in der Verlängerung doch noch durch. Die TVB-Handballer sind aber nicht nur in ihrer heimeligen Umgebung eine Macht. Sie begeistern inzwischen auch in der Porsche-Arena die gesamte Region. Seit dem Aufstieg in die zweite Liga tragen sie pro
Saison jeweils bis zu vier ihrer Heimspiele in Stuttgart aus. Bisher war die Arena mit annähernd 6000 Zuschauern jedes Mal fast ausverkauft. Der Erstligist Frisch Auf Göppingen erfuhr bei seinen Gastspielen in der Landeshauptstadt bisher nicht so viel Resonanz. Mancher TVB-Fan vergisst bei allem Enthusiasmus offenbar, wo er am Samstag Handball geschaut hat. „Das war mal wieder ein geiler Abend in der Bittenfeld-Arena“, schreibt einer ins Gästebuch – nach einem Spiel in Stuttgart. Mit den Auftritten vor großer Kulisse machen die Bittenfelder Werbung in eigener Sache. Wechselwillige Spieler anderer Clubs und potenzielle Sponsoren sollen den TVB als aufstrebenden Verein wahrnehmen. Immerhin hat sich der Etat des Vereins in den vier Jahren Zweitligazugehörigkeit stetig nach oben entwickelt. „Am Anfang lagen wir in der Geldrangliste abgeschlagen auf dem 18. und letzten Platz der Liga“, sagt Jürgen Schweikardt, ein sportlicher Leistungsträger und gleichzeitig für Marketing und Vertrieb der Handball GmbH zuständig. Inzwischen rangieren die Ballwerfer aus dem kleinen Dorf nach Einschätzung des 29-Jährigen immerhin zwischen Platz acht und zwölf, „aber ein richtiger Hauptsponsor wäre nicht schlecht“. Das große Geld fließe in Bittenfeld nicht, stellt Schweikardt klar und verweist auf eines der größten Pfunde, mit denen der Verein wuchern kann: Die vorbildliche, kontinuierliche Jugendarbeit genießt in Handballerkreisen weithin Anerkennung. Im aktuellen 17-köpfigen Kader der ersten Mannschaft sind zwölf Spieler, die dem eigenen Nachwuchs entstammen oder zumindest im Rems-Murr-Kreis beheimatet sind. „Das kann auf diesem Niveau in der zweiten Liga wohl kaum ein Team von sich behaupten“, sagt Jürgen Schweikardt. Sein Vater Günter ist seit vielen Jahren der Trainer der Erfolgsmannschaft. Er war es auch, der der Arbeit mit den Nachwuchsspielern eine Struktur gegeben hat. Das klar umrissene Leitbild beruht auf sportwissenschaftlich fundiertem Training. Gleichzeitig besteht ein enger Kontakt der „Ersten“
zu den Nachwuchsteams. So sind jeder Jugendmannschaft zwei Paten – Spieler aus dem Zweitligateam – zugeteilt. Sie schauen hin und wieder beim Spiel oder im Training zu. Jeder Handballer, egal welcher Leistungsstärke, soll sich im Verein zu Hause fühlen. Gemäß dem Leitsatz „Bittenfeld oder Bundesliga“ gebe es nur diese zwei Alternativen. Tatsächlich spielen zurzeit mit Jens Bechtloff (Lemgo), Jens Bürkle (Balingen) und Michael Schweikardt (Göppingen) drei ehemalige Spieler aus dem TVB-Talentschuppen im Handball- Oberhaus. Außerdem stemme der Verein nahezu die gesamte Organisation mit Ehrenamtlichen, „von denen 90 Prozent aus Bittenfeld kommen“, sagt Schweikardt. Darunter sind einige ehemalige Spieler wie Roland Wissmann. Der 42-Jährige sorgt dafür, dass auf den Rängen der Anfeuerungswille niemals verebbt. Über die gesamte Spieldauer prügelt er auf seine riesige Trommel ein. Wissmann weiß aus eigener Erfahrung, „wie wichtig es für ein Team ist, von den Rängen unterstützt zu werden“. Und – auch das ist charakteristisch für die Bittenfelder Ehrenamtlichen – Wissmann ist nicht nur vom Spieler zum Trommler geworden, er engagiert sich zudem als Jugendtrainer und druckt die Plakate für
die zweite Mannschaft. Wissmann erinnert sich noch gut an die Zeit, „in der wir irgendein Punkt in der Handballlandschaft waren“. Er spielte zunächst in der Verbandsliga, 1985 gelang der Aufstieg in die Oberliga. „Da hat sich dann sogar ein Sponsor gefunden, der einen Trainingsanzug spendierte.“ Das mit Stolz getragene Kleidungsstück war noch fast neuwertig, da stieg der TVB wieder in die Verbandsliga ab, in der er einige Jahre vor sich hindümpelte. 1998 hatte das Warten ein Ende: Dem TV Bittenfeld gelang erneut der Sprung in die
Oberliga, in der er sich vier Jahre aufhielt, ehe der Startschuss zu einem rasanten Spurt durch die Spielklassen fiel. Es folgten die Aufstiege in die Baden-Württemberg-Oberliga (2003) und in die Regionalliga (2004). Noch heute schwärmen Fans und Spieler von den Lokalderbys gegen den VfL Waiblingen, das Team aus der Kernstadt, das damals längst in der Regionalliga etabliert war. Bisweilen waren es mehr als 2000 Zuschauer, die sich das Aufeinandertreffen der Rivalen nicht entgehen lassen wollten. Inzwischen hat der Dorfverein die Städter überholt. Diese spielen aktuell zwei Klassen tiefer, während Bittenfeld vor vier Jahren in Liga zwei aufgestiegen ist. Nach dem
letzten Schlusspfiff in der Saison 2005/2006 herrschte der Ausnahmezustand. Eigentlich sollte die Aufstiegsfeier von Sonntag bis Montagabend dauern, „aber am Ende ging ’s bis Freitag“, erinnert sich Jürgen Schweikardt. Immer wieder sei die Sause verlängert worden, weil pausenlos Getränke- und Essensspenden von begeisterten Bittenfeldern für die Mannschaft abgegeben wurden. Nach fast vier Jahren in der zweithöchsten deutschen Spielklasse schnuppern die Handballer des Dorfvereins nun an der ersten Bundesliga. Fünf Spieltage vor Saisonende stehen sie auf Platz zwei der Tabelle, der zur Teilnahme an der Aufstiegsrelegation berechtigt. Bis jetzt will sich noch keiner festlegen, wie lange die Party dauert, wenn dem TV Bittenfeld tatsächlich das Unmögliche gelingen sollte.