Irgendwann ist Schluss – vielleicht

Ein wenig plagt Bernd Müller das schlechte Gewissen. Seine Frau Christa hat auf vieles verzichten müssen in den 41 Jahren, seit er Abteilungsleiter der Bittenfelder Handballer ist. Deshalb will der 62-Jährige eigentlich aufhören. „Bernie“, wie ihn alle nennen, ist einer jener Sorte, von der es beim TVB viele gibt: ein Handballverrückter. Einer der angenehm ruhigen Art.

So sehr sich die Bittenfelder über die tolle Saison ihres TVB freuen: Dem einen oder anderen wird angst und bange beim Gedanken, dass der TVB womöglich in die erste Liga aufsteigt. Da ist bisweilen das schlimme Wort „Katastrophe“ zu hören – wobei dem echten Bittenfelder die unmittelbaren Begleiterscheinungen dieses Erfolgs durchaus nicht unangenehm wären und die mittelbaren Aufgaben für ein paar Tage in den Hintergrund drängten.

Horst Jung hörte auf, Bernd Müller übernahm

Über die Auswüchse der Aufstiegsfeier machen sich die älteren Herrschaften an diesem Abend im Bittenfelder Vereinsheim weniger Gedanken. Für sie gibt’s nur ein Thema: Der TVB, so ist an diesem Tag in einer großen Boulevard-Zeitung zu lesen, wird im Aufstiegsfalle sämtliche Heimspiele in der Stuttgarter Porsche-Arena austragen. Darüber sind die Männer am Stammtisch alles andere als glücklich, müssten sie doch ihr geliebtes Wohnzimmer verlassen, die altehrwürdige Gemeindehalle. Erst am nächsten Tag, wenn sich die Nachricht als Falschmeldung herausstellt, wird sich der Blutdruck der Fans wieder senken.

Bernd Müller weiß, wie die Bittenfelder ticken. Er kennt sie alle, schließlich steht der 62-Jährige seit 1969 an der Spitze der Handballabteilung. Viele, mit denen er in der Jugend und in der ersten Mannschaft zusammenspielte, wurschteln heute noch in irgendeiner Weise beim TVB mit. Im Bundesliga-Team unter anderem Rainer Heib, Klaus Schebek, Werner Lang, Helmut Stadler und natürlich Trainer Günter „Gino“ Schweikardt.

„Irgendwie ergeben“ habe sich das Amt des Abteilungsleiters, das Bernd Müller 1969 von Horst Jung übernahm. Mittlerweile ist der 62-Jährige so lange im Amt wie kein anderer. „Naja, ich hatte schon ein paar Mal die Nase voll“, sagt er. Zweimal hat er den Ausstieg fast geschafft, doch die Kandidaten machten plötzlich wieder einen Rückzieher. Also blieb Müller nicht anderes übrig als weiterzumachen.

Mit dem Aufstieg in die zweite Bundesliga und damit professionelleren Strukturen ist der Aufwand für die Abteilung immer größer geworden. Für Bernd Müller nicht. Im Gegenteil. „Früher war’s ein Ein-Mann-Betrieb, ein Alleinunterhalter könnte das heute gar nicht mehr stemmen.“ Müller ist froh, dass ihm das Marketing- und Management-Team den Großteil der Arbeit rund um das Bundesligateam abnimmt.

Klar, dass das halbe Jahrhundert im Dienste des TVB unzählige Höhepunkte beinhaltet. Vieles hat Bernd Müller im Kopf, einiges hat er archiviert, etliches ist für immer verschwunden. Als irgendwann das Vereinsheim umgebaut wurde, meinte es jemand offensichtlich zu gut: Müllers Ordner landeten im Müll.

Für einige Höhepunkte braucht Müller keine Gedankenstütze. So bleibt ihm das Aufstiegsspiel in die Verbandsliga gegen die SG Schorndorf ewig in Erinnerung. „Von da an ging’s steil bergauf.“ Damals sei die höchste württembergische Liga als Ziel ausgegeben worden. Spätestens nach dem Aufstieg in die Regionalliga war sich Müller sicher, dass damit das Ende erreicht sein wird. „Gino hat zwar damals immer mal wieder von der Bundesliga geredet“, sagt Müller. „Ich hab’ mir aber immer gesagt, lass’ den nur schwätzen.“

Mittlerweile spielt der TVB im vierten Jahr in der 2. Liga und klopft sogar an die Tür zur 1. Liga. Nicht nur aus sportlicher Sicht hatte Müller das nicht für möglich gehalten. Schließlich sei Bittenfeld ein schwieriges Umfeld. „Viele hatten Angst, dass sich die Spieler nicht mehr mit dem Verein identifizieren, sobald Geld fließt.“ Inzwischen hätten sich die Leute daran gewöhnt, „sie wissen, dass man auch mal einen fertigen Spieler braucht“.

Müller freut sich, dass sich der TV Bittenfeld in der Republik einen Namen gemacht hat und immer wieder große Talente herausbringt. Er denkt dabei in erster Linie an die Erstligaspieler Michael Schweikardt und Jens Bechtloff. „Der Jens ist als Jugendlicher dauernd mit einem Ball herumgetanzt und ist einem manchmal unheimlich auf die Nerven gegangen.“

Der Enkel träumt von der ersten Liga

Trotz aller schönen Erinnerungen: Bernd Müller würde gerne sein Amt abgeben. Wenn’s nach Günter Schweikardt ginge, dürfte sein langjähriger Weggefährte gerne noch ein paar Jährchen dranhängen. „Ich hab’ ihm gesagt, komm’, wir hören irgendwann gemeinsam auf“, sagt Schweikardt.

Sollte sich Bernd Müller auf diesen Deal einlassen, wird’s mit dem Handball-Ruhestand so schnell nichts werden. Der Trainer hat sich Ende 2009 aus der Arbeitswelt verabschiedet und nun noch mehr Zeit, sich ausgiebig um den Handball zu kümmern. Vielleicht schafft der TVB tatsächlich den Sprung in die erste Liga.

Daran mag Bernd Müller nicht denken, in der eigenen Familie indes gibt’s ähnliche Visionen: Der Enkel hat bereits im Oktober am Computer ein Plakat entworfen mit der Aufschrift: „Porsche-Arena: TV Bittenfeld – THW Kiel“.

Für Müller wäre der Aufstieg der perfekte Moment, Abschied zu nehmen. Eine „Vertragsverlängerung“ über die Saison hinaus jedoch dürfte bei Müllers Frau Christa eher weniger Begeisterung entfachen. „Sie findet, dass ich die Zeit reinholen muss, die ich wegen des Handballs gefehlt habe“, sagt er. „Und nach den Spielen sind wir ja auch nicht immer gleich nach Hause.“