Keine Prognose, aber 34 Ziele

Die Plätze 16, zehn und acht belegte der TV Bittenfeld in der 2. Handball-Bundesliga Süd. Die beeindruckende Aufholjagd in der Rückrunde der jüngsten Saison macht Lust auf mehr. „Natürlich würden wir gerne da anknüpfen“, sagt Trainer Günter Schweikardt. Ein greifbares Saisonziel indes geben die Verantwortlichen nicht aus. „Wir haben 34 Spiele und damit 34 Ziele“, sagt Co-Trainer Klaus Hüppchen. „Wir wollen jedes Spiel gewinnen.“

Nach der missratenen Hinrunde und der Abstiegsangst im Nacken zeigte der TVB in der Rückrunde der dritten Zweitliga-Saison, wozu er in der Lage ist. Von der Regionalliga-Aufstiegsrunde abgesehen, spielten die Bittenfelder noch nie über einen längeren Zeitraum so erfolgreich.

Sehr zur Freude von Günter Schweikardt. „Wir standen unter Druck“, sagt er. „Und es hat ja auch lange genug gedauert, bis wir unten raus waren.“ Der Trainer lobt die Entwicklung seiner Mannschaft, die „deutlich an Stabilität“ gewonnen habe. Weil der 60-Jährige aber kein Mann der lauten Worte und des Überschwangs ist, formuliert er keine vollmundigen Saisonziele. Dass die starke Serie beim einen oder anderen Begehrlichkeiten geweckt haben wird, scheint ihn wenig zu beeindrucken. „Sicher wünschen wir uns, dass es so weitergeht“, sagt er. „Davon dürfen wir aber nicht ausgehen, und die Erfolge des vergangenen Jahres interessieren jetzt keinen mehr.“ Wichtig ist Schweikardt, dass seine Spieler die richtige Mischung finden aus Selbstbewusstsein und Selbsteinschätzung. Entscheidend für den Erfolg werde sein, inwieweit jeder Spieler sein Potenzial ausschöpfe und ständig versuche, an sich zu arbeiten. „Wenn er das nicht tut, kann er noch so talentiert sein.“

Körperliche Fitness, taktische Fähigkeiten und die Kunst, in bestimmten Situationen die richtige Entscheidung zu treffen: Die Faktoren entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. „Es spielen aber noch viele andere Dinge mit hinein“, sagt Co-Trainer Klaus Hüppchen. „Manche Prozesse sind ungemein komplex, da kann man nicht nur einen Punkt herausgreifen.“

So lasse sich beispielsweise auch nicht mit einem Satz erklären, weshalb der TVB – mit unverändertem Personal – in der vergangenen Saison so grundverschiedene Halbserien spielte. „Aufgabe der Trainer ist es, das Schiff stets auf Kurs zu halten und gegenzusteuern, sobald es die eingeschlagene Richtung verlässt.“

Abseits aller Psychologie und Trainingslehre mussten die Bittenfelder zur neuen Saison auch ganz profane Arbeiten erledigen: Das Torhüterduo Björgvin Gustavsson/Benjamin Krotz musste gleichwertig ersetzt werden. Eine äußerst knifflige Aufgabe, schließlich waren die beiden wesentlich am Erfolg des TVB beteiligt. Daniel Sdunek und Bastian Rutschmann bilden das neue Gespann, das in der Vorbereitung einen sehr guten Eindruck hinterlassen hat. Für Schweikardt ist das allerdings kein Grund für voreilige Schlüsse. „Die beiden müssen den Beweis erst noch erbringen“, sagt er. „Testspiele und Runde sind zwei paar Stiefel.“ Wichtig sei, so Hüppchen, dass sie sich prima in die Mannschaft integriert hätten. Die Voraussetzung, dass sie ein adäquater Ersatz werden können, sei jedenfalls gut. „Daniel und Bastian genießen unser volles Vertrauen“, sagt Schweikardt.

Während die Torhüter eine entscheidende Rolle spielen und mit dem Erwartungsdruck fertig werden müssen, kann der dritte Neue im Kader vergleichsweise befreit aufspielen: Dominik Weiß kam vom Landesligisten SG Schorndorf, ist gerade einmal 20 Jahre alt und soll per Zweifachspielrecht beim Regionalligisten TSV Deizisau Spielpraxis sammeln. Der TVB hat allerdings Erstzugriffsrecht.

Seit vier Monaten trainiert der 2,07 Meter große Rückraumspieler beim TVB – und das Trainerteam ist angetan. „Er findet sich sehr gut zurecht und ist auch im Team anerkannt“, sagt Schweikardt. Auch in den Testspielen hat Weiß einen prima Eindruck hinterlassen und könnte schon in der kommenden Saison mehr als nur ein Ergänzungsspieler sein. „Er ist nah dran an der Mannschaft.“ Für Hüppchen ist Weiß auch deshalb wichtig, „weil er ein total anderer Spielertyp ist“. Inwieweit Weiß für den TVB oder für Deizisau im Einsatz sein wird, wollen die Verantwortlichen von Spiel zu Spiel entscheiden. „Das Problem ist, dass ein Spieler mit Zweifachspielrecht einerseits genügend Einsatzzeiten bekommen, andererseits aber auch nicht überlastet werden soll“, sagt Schweikardt.

Weiß ist nicht der einzige Spieler mit Zweifachspielrecht. Auch der frisch gekürte Junioren-Weltmeister Kai Häfner wird wieder für FA Göppingen und Bittenfeld am Ball sein. Zu große Hoffnungen jedoch darf sich der TVB hier nicht machen: Göppingen hat Vorrecht und wird auf die Dienste des Talents wohl kaum verzichten. Wie bei Weiß gilt: Die Entscheidung über den Einsatz im TVB-Team wird von Woche zu Woche fallen. „Auch wenn Kai die Mehrzahl der Spiele für Göppingen machen wird, sind wir froh, dass wir ihn haben“, sagt Schweikardt.

Die Bittenfelder werden Häfner vermutlich auch brauchen. Mit 13 Feldspielern ist der Kader nicht gerade üppig bestückt. „Wenn wir keine Verletzten haben, ist das okay“, sagt Schweikardt, der sich noch einen gestandenen Spieler wünscht. „Wir sondieren ständig den Markt“, sagt Hüppchen. „Vielleicht ergibt sich noch etwas.“ Die Anforderungen an den vierten Neuzugang sind jedoch groß: Er darf das Budget nicht allzu sehr belasten, muss charakterlich passen und den TVB sportlich entscheidend weiterbringen. „Wir holen keinen, nur um unser Gewissen zu beruhigen“, sagt Schweikardt.

Ansonsten werde der TVB seinen eingeschlagenen Weg weitergehen und auf die eigene Jugend setzen. Nach und nach wird der TVB versuchen, die jungen Spieler an die Bundesligamannschaft heranzuführen. Fest zum Kader gehören in dieser Saison wieder Marcel Lenz (19) und David Krammer (21). Während Krammer auf Rechtsaußen Marco Hauk vor sich hat, sind die Chancen für Lenz auf der anderen Außenposition nach dem Weggang von Evgeni Prasolov gestiegen. Auf Linksaußen nach wie vor eine Option ist Jens Baumbach. Er ist nicht nur weiterhin Co-Trainer, sondern steht auch im Kader des Zweitligisten. Das Problem des 26-Jährigen: Er kämpft seit langem mit Krankheiten. Inwieweit er einsatzfähig sein wird, ist schwer zu sagen.

Egal, wer letztlich auf dem Platz stehen wird: Das Trainerteam ist überzeugt davon, dass die Spieler ihr Potenzial noch nicht vollständig ausgeschöpft haben. Bestes Beispiel dafür ist Simon Baumgarten. Über die Offensivqualitäten des Kreisläufers gibt’s keine Diskussionen. In der Rückrunde hat der 23-Jährige aber auch gezeigt, dass er ein richtig guter Abwehrspieler ist. Und gerade die Defensive war in der Rückrunde entscheidend für den Erfolg der Bittenfelder.

„Wir wissen, wo wir sportlich und strukturell hinwollen“, sagt Schweikardt. Mittelfristiges Ziel ist die eingleisige 2. Liga, für die sich der TVB in der Saison 2010/2011 qualifizieren muss. Daran indes denkt der Chef-Trainer momentan nicht. Im Fokus liegt die kommende Saison, die am Samstag mit dem Pokalspiel in Coburg startet. „Es wäre vermessen, eine Prognose zu stellen.“ Seine Mannschaft könne gegen jeden Gegner gewinnen, aber auch gegen jeden verlieren. Schweikardt mahnt zur Vorsicht. „Coburg ist mit großen Ambitionen gestartet und beinahe abgestiegen.“

So verzichten die Bittenfelder wieder einmal darauf, ein Saisonziel zu formulieren. Das heißt, Hüppchen hat schon seine Vorstellungen. „Wir haben 34 Ziele“, sagt er. „Wir haben 34 Spiele – und wir wollen jedes gewinnen. Wir Trainer sind ehrgeizig und wir versuchen, den Spielern unsere Denkweise zu vermitteln.“