“Wir lassen die Kirche im Dorf”

Hätte die Erfolgsserie des TV Bittenfeld schon in der Hinrunde ihren Anfang gefunden, wäre der Verein aus Waiblingen jetzt womöglich mittendrin im Kampf um den Aufstieg. Trainer Günter Schweikardt, der seit Anfang des Jahres wieder im Amt ist und damit unbestritten großen Anteil am Aufschwung hat gibt sich aber bescheiden. Dennoch macht der 60-jährige kein Geheimnis aus seinen Visionen, den Zuschauerboom zu nutzen und den Klub auf noch professionellere Beine zu stellen. Dabei soll die Identifikation mit der Heimat allerdings nie verloren gehen. Im Gespräch mit Carsten Gietmann von HSG Live erklärt Schweikardt, wie das Bittenfelder Modell aussieht, was damit erricht werden kann und wieso sein Team überhaupt zum Überflieger 2009 werden konnte.

HSG Live: Herr Schweikardt, ihr Team hatte als Zweitligist in der Stuttgarter Porsche Arena teilweise bessere Zuschauerzahlen als der große Nachbar Frisch Auf! Göppingen an gleicher Stelle. Wie erklären Sie sich diesen Zuspruch in der Landeshauptstadt?

Günter Schweikardt: Wir stellen eine Mannschaft aus der Region und haben auch in Stuttgart ein regionales Einzugsgebiet. Die Zuschauer identifizieren sich mit unserem Konzept, junge Spieler auszubilden und langsam an die Bundesliga heran zu führen. Diese Vorgehensweise wird honoriert, was mich natürlich sehr freut. Für uns ist dieser Zuspruch fast unvorstellbar, wenn man nur zwei Jahre zurückblickt. Jedes Spiel in Stuttgart bedeutet riesigen Spaß für die Spieler, alle Helfer und die Fans.

HSG Live: Auch die Punkteausbeute in Stuttgart kann sich sehen lassen. Wie wichtig ist der Faktor „Porsche Arena“?

Günter Schweikardt: Wir haben in drei Spielen in Stuttgart fünf Punkte geholt. Der Faktor „Porsche Arena“ zählt auf jeden Fall, aber wir haben unsere Punkte ja auch auswärts und in unserer Halle in Bittenfeld gesammelt, wo fast eine ähnliche Atmosphäre herrscht.

HSG Live: Überwiegt die Freude über das tolle Abschneiden in 2009 oder sind Sie auch ein bisschen enttäuscht, dass es trotzdem „nur“ zu einem Platz im Tabellenmittelfeld reicht?

Günter Schweikardt: Wir lasen die Kirche im Dorf. Für uns war in der Rückrunde auch eine gehörige Portion Glück im Spiel. In der Hinrunde   gab es doch teilweise sehr knappe Niederlagen. Wir sind insgesamt stabiler geworden, aber weiter nach vorne ging es nach dieser ersten Saisonhälfte einfach nicht.

HSG Live: Wie kommt die Siegesserie im Jahr 2009 zustande?

Günter Schweikardt: Das liegt an vielen Faktoren. Einer davon ist, dass wir die Trainingsintensität erhöht und für viel mehr Stabilität in der Abwehr gesorgt haben. Man kann nicht mit sieben oder acht Spielern eine Saison durchspielen. Deshalb ist es auch wichtig, dass man einen so breiten  Kader zur Verfügung hat wie wir.

HSG Live: Welche Ziele setzen Sie sich für die kommende Saison?

Günter Schweikardt: Wir wollen die Infrastruktur im Verein weiter ausbauen und außerdem mindestens vier bis fünf Spiele in Stuttgart austragen. Der Bittenfelder Handball muss auf ein breiteres Fundament gestellt werden, denn unser Ziel ist die Qualifikation für die eingleisige zweite Bundesliga. Dafür ist nicht nur der sportliche Erfolg wichtig, es müssen auch die Strukturen stimmen.

HSG Live: Wie sieht denn Ihre Prognose aus? Wird es der TV Bittenfeld in die eingleisige zweite Liga schaffen?

Günter Schweikardt: Wenn man als kleiner Dorfverein keine Visionen hätte, sollte man lieber gleich aufhören. Wir wollen weiterhin erfolgreich spielen, basierend auf der guten Jugendarbeit des Vereins. Mal sehen, ob uns die Qualifikation am Ende Wir werden auf jeden Fall alles dafür geben.

HSG Live: Könnten Sie sich langfristig den kompletten Sprung nach Stuttgart vorstellen? Es wäre nicht der erste Versuch, Spitzenhandball in Stuttgart zu positionieren…

Günter Schweikardt: Wir verfolgen beim TV Bittenfeld ein klares Konzept mit zwei Spielorten. Deren Gewichtung wird von der sportlichen Entwicklung abhängen. Wenn es für uns weiter nach vorne geht, werden  wir sicherlich häufiger in Stuttgart spielen. Aber wir werden immer auch in Bittenfeld bleiben, wo unsere Wurzeln liegen. Ein Zusammenschluss mit anderen Vereinen kommt für uns überhaupt nicht in Frage. Wir wollen alles selbst schaffen. Wenn das nicht funktionieren sollte, müssen wir es akzeptieren und kleinere Brötchen backen.

HSG Live: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg beim Fortführen des sympathischen Konzeptes in Bittenfeld.